95 Prozent des steuerlich erfassten übertragenen Vermögens entfallen auf Westdeutschland. Die neue Erbschaftsstatistik zeigt damit mehr als ein regionales Gefälle. Sie macht sichtbar, wie sich historische Unterschiede beim Vermögensaufbau über Generationen fortschreiben – und warum wirtschaftliche Konvergenz bei Einkommen allein diese Lücke kaum schließen kann.
95 Prozent des steuerlich erfassten übertragenen Vermögens liegen im Westen. Die Erbschaftsstatistik zeigt, warum sich das Ost-West-Gefälle über Generationen fortsetzen kann.Experten/KI
Im Jahr 2025 haben die Finanzverwaltungen in den westlichen Bundesländern Erbschaften und Schenkungen im Gesamtwert von 142,5 Milliarden Euro veranlagt. Auf die östlichen Bundesländer einschließlich Berlin entfielen lediglich 8,0 Milliarden Euro. Obwohl dort 19 Prozent der Bevölkerung leben, beträgt ihr Anteil am steuerlich berücksichtigten Übertragungsvolumen damit nur rund fünf Prozent.
Pro Kopf wird der Unterschied noch deutlicher: Im Westen wurden gut 2.100 Euro vererbt oder verschenkt, im Osten knapp 500 Euro. Das Verhältnis beträgt damit mehr als vier zu eins.
Die Zahlen beschreiben allerdings nicht sämtliche Vermögensübertragungen. Die Erbschaft- und Schenkungsteuerstatistik erfasst grundsätzlich die von den Finanzämtern bearbeiteten steuerlich relevanten Fälle. Viele Übertragungen innerhalb der Freibeträge erscheinen deshalb nicht in dieser Statistik. Destatis weist ausdrücklich darauf hin, dass daraus keine vollständige Rechnung über das tatsächlich vererbte und verschenkte Vermögen abgeleitet werden kann.
Aus dem Einkommensgefälle wird ein Vermögensgefälle
Ökonomisch entscheidend ist deshalb weniger die exakte Höhe als die Größenordnung des regionalen Unterschieds. Bereits für 2024 hatte Destatis ein ähnliches Muster ausgewiesen: Damals entfielen 106,4 Milliarden Euro steuerlich berücksichtigter Übertragungen auf Westdeutschland und 6,8 Milliarden Euro auf Ostdeutschland einschließlich Berlin. Pro Kopf standen knapp 1.600 Euro im Westen gut 400 Euro im Osten gegenüber. Das Gefälle ist also kein statistischer Ausreißer des Jahres 2025.
Dahinter steht eine lange Vermögensgeschichte. Ostdeutsche Haushalte haben seit der Wiedervereinigung beim Vermögensaufbau aufgeholt, die Ausgangslücke aber nicht geschlossen. Nach den von Destatis veröffentlichten Vergleichsdaten lag das Nettogesamtvermögen westdeutscher Haushalte 2018 im Durchschnitt bei 182.000 Euro, in Ostdeutschland einschließlich Berlin bei 88.000 Euro.
Genau hier liegt die strukturelle Bedeutung der Erbschaften. Einkommen wird innerhalb einer Generation erwirtschaftet. Erbschaften übertragen dagegen bereits akkumuliertes Vermögen von einer Generation auf die nächste. Unterschiedliche Ausgangsvermögen können sich dadurch selbst dann fortsetzen, wenn sich Erwerbseinkommen und Beschäftigung zwischen Regionen annähern.
Das Ost-West-Gefälle bekommt damit eine Zeitdimension: Die Vermögensunterschiede der Eltern werden zu unterschiedlichen Startbedingungen ihrer Kinder.
Das ist nicht nur eine Verteilungsfrage. Vermögensübertragungen beeinflussen wirtschaftliche Entscheidungen.
Wer eine Immobilie, Wertpapiere oder größere Geldbeträge erbt, verfügt über Eigenkapital, das für einen Immobilienkauf, eine Unternehmensgründung oder weitere Kapitalanlagen eingesetzt werden kann. Vermögen reduziert Finanzierungsbedarf und kann die Fähigkeit erhöhen, wirtschaftliche Risiken zu tragen. Wer dagegen Vermögen überwiegend aus laufendem Einkommen aufbauen muss, benötigt dafür Zeit und ist stärker von Kreditbedingungen, Zinsen und Immobilienpreisen abhängig.
Damit entsteht ein Verstärkungseffekt. Bestehendes Vermögen erleichtert den Erwerb weiteren Vermögens. Fehlendes Vermögen erhöht dagegen die Abhängigkeit vom Arbeitseinkommen und von Fremdfinanzierung.
Gerade am Immobilienmarkt ist dieser Mechanismus relevant. 2025 lebten 61 Prozent der Ruheständlerinnen und Ruheständler in Westdeutschland im Wohneigentum, im Osten waren es lediglich 44 Prozent. Immobilienvermögen bildet aber einen wesentlichen Bestandteil dessen, was später innerhalb von Familien übertragen werden kann.
Das regionale Erbschaftsgefälle wirkt deshalb über den einzelnen Erbfall hinaus auf Nachfrage, Finanzierungsmöglichkeiten und Vermögensbildung.
Der Steuerstaat trifft auf historisch ungleiche Vermögensbestände
Auch fiskalisch schlägt sich diese Struktur nieder. Von den 2025 insgesamt festgesetzten 21,4 Milliarden Euro Erbschaft- und Schenkungsteuer entfielen nach den Destatis-Daten 20,4 Milliarden Euro auf die westlichen Bundesländer und eine Milliarde Euro auf Ostdeutschland einschließlich Berlin.
Die Erbschaftsteuer ist eine Ländersteuer. Damit erzeugt die unterschiedliche Vermögensbasis zugleich unterschiedliche regionale Steuerpotenziale. Festgesetzte Steuer und tatsächliche Einnahmen eines Jahres sind allerdings nicht identisch, unter anderem wegen zeitversetzter Zahlungen, Änderungsfestsetzungen und möglicher Steuererlasse.
Ordnungspolitisch führt das zu einer bemerkenswerten Spannung. Der Staat besteuert Vermögensübertragungen nach einem bundesweit einheitlichen gesetzlichen Rahmen, trifft damit aber auf historisch höchst unterschiedlich entstandene Vermögensbestände. Gleiche steuerliche Regeln operieren auf ungleichen ökonomischen Grundlagen.
Hinzu kommt die Frage der Ausnahmen. Insbesondere bei Unternehmensübertragungen können steuerliche Verschonungsregeln eine erhebliche Rolle spielen. Die konkrete Belastungswirkung hängt deshalb nicht allein von der Höhe einer Erbschaft, sondern wesentlich von der Art des übertragenen Vermögens ab.
Die Vermögenskonvergenz dauert länger als die Einkommenskonvergenz
Die politische Versuchung liegt nahe, das Ost-West-Gefälle bei Erbschaften unmittelbar als steuerpolitisches Problem zu behandeln. Ökonomisch greift das zu kurz. Die Steuer setzt erst am Ende einer jahrzehntelangen Vermögensbildung an.
Der entscheidende Unterschied entstand früher: in Immobilienbesitz, Unternehmensvermögen, Kapitalanlagen und den Möglichkeiten privater Haushalte, über Jahrzehnte Vermögen aufzubauen. Die geringeren heutigen Erbschaften im Osten sind insofern nicht die Ursache des Vermögensgefälles, sondern zugleich dessen Ergebnis und dessen künftiger Verstärker.
Damit verändert sich auch der Blick auf wirtschaftliche Konvergenz. Löhne, Beschäftigung und Wirtschaftsleistung können sich vergleichsweise schnell annähern. Vermögen folgt einer anderen Zeitlogik. Es akkumuliert über Jahrzehnte und wird anschließend weitergegeben.
Genau deshalb ist die Zahl von 95 Prozent wirtschaftlich relevanter, als eine Momentaufnahme des Jahres 2025 vermuten lässt. Sie beschreibt einen Mechanismus, durch den Vergangenheit zu ökonomischem Startkapital der Zukunft wird.
Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung verläuft die wirtschaftliche Grenze zwischen Ost und West deshalb zunehmend weniger durch den Arbeitsmarkt als durch die Vermögensbilanzen der Familien. Einkommen kann sich innerhalb einer Generation annähern. Vermögen braucht dafür mehrere – und jede ungleiche Erbschaft verschiebt den Ausgangspunkt der nächsten erneut.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Erbschaft- und Schenkungsteuerstatistik 2025; Bevölkerungsfortschreibung zum 31. Dezember 2025 auf Grundlage des Zensus 2022.
FAQ zu Erbschaften und Schenkungen in Ost- und Westdeutschland
In den westlichen Bundesländern wurden 2025 steuerlich berücksichtigte Erbschaften und Schenkungen im Wert von 142,5 Milliarden Euro veranlagt. In den östlichen Bundesländern einschließlich Berlin waren es 8,0 Milliarden Euro. Damit entfielen rund 95 Prozent des erfassten Gesamtwerts auf Westdeutschland und fünf Prozent auf Ostdeutschland einschließlich Berlin.
Rechnerisch entfielen 2025 in Westdeutschland gut 2.100 Euro steuerlich berücksichtigtes übertragenes Vermögen auf jeden Einwohner. In Ostdeutschland einschließlich Berlin waren es knapp 500 Euro. Der westdeutsche Pro-Kopf-Wert lag damit mehr als viermal so hoch. Der gesamtdeutsche Durchschnitt betrug gut 1.800 Euro.
Das Gefälle spiegelt vor allem unterschiedliche historisch aufgebaute Vermögensbestände wider. Immobilien-, Unternehmens- und Finanzvermögen konnten in Westdeutschland über einen wesentlich längeren Zeitraum privat akkumuliert und anschließend innerhalb von Familien weitergegeben werden. Diese Unterschiede wirken über Generationen fort. Die Steuerstatistik bildet allerdings nicht alle Vermögensübertragungen ab, da insbesondere viele Erbschaften und Schenkungen innerhalb der Freibeträge nicht enthalten sind.
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