Altersvorsorgedepot 2027: Junge Beschäftigte setzen auf ETFs – und auf Beratung
Das geplante Altersvorsorgedepot trifft vor allem bei jüngeren Beschäftigten auf hohe Bereitschaft, für die private Altersvorsorge stärker in Fonds und ETFs zu investieren. 75 Prozent der 18- bis 29-Jährigen und 68 Prozent der 30- bis 39-Jährigen befürworten nach einer Civey-Befragung im Auftrag der DEVK eine stärker kapitalmarktorientierte Altersvorsorge. Gleichzeitig zeigt eine vorausgegangene Befragung aus demselben Erhebungszeitraum: 88 Prozent der unter 30-Jährigen halten persönliche Beratung zum Altersvorsorgedepot für wichtig.
Beide Werte gehören zusammen. Die jüngere Generation ist offenbar bereit, für höhere langfristige Renditechancen mehr Kapitalmarktrisiko zu übernehmen. Sie verwechselt diese Bereitschaft aber nicht mit finanzieller Selbststeuerung. Für Versicherer und Finanzdienstleister zeichnet sich damit ein Markt ab, in dem standardisierte Kapitalanlage und individuelle Beratung gleichzeitig an Bedeutung gewinnen.
Was ändert sich mit dem Altersvorsorgedepot 2027?
Die Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge erweitert das bisher stark garantieorientierte System um ein Altersvorsorgedepot ohne verpflichtende Kapitalgarantie. Daneben bleiben Produkte mit garantierten Leistungen möglich. Das Bundesfinanzministerium beschreibt das Depot ausdrücklich als renditeorientierte Vorsorgemöglichkeit.
Für das Standarddepot sind weitgehend vorgegebene Anlageprozesse vorgesehen. Sparer sollen grundsätzlich zwischen zwei vom Anbieter bestimmten Fonds mit unterschiedlichen Risikoprofilen wählen können. Vor Beginn der Auszahlungsphase wird das Vermögen standardmäßig schrittweise in den risikoärmeren Fonds umgeschichtet, sofern keine andere Aufteilung gewählt wird. Die Effektivkosten des Standarddepots dürfen nach dem aktuellen Stand maximal 1,0 Prozent betragen.
Damit verändert sich mehr als die Produktauswahl. Staatlich geförderte private Altersvorsorge wird erstmals systematisch für ein Modell geöffnet, bei dem langfristige Kapitalmarktrendite einen Teil jener Funktion übernimmt, die bisher vor allem über Garantien hergestellt wurde.
Warum setzen junge Beschäftigte stärker auf ETFs und Kapitalmarkt?
Die Altersunterschiede in der DEVK-Befragung sind deutlich. Während 75 Prozent der 18- bis 29-Jährigen eine stärker kapitalmarktorientierte Altersvorsorge befürworten, sind es bei den 30- bis 39-Jährigen 68 Prozent. Unter den 50- bis 64-Jährigen liegt die Zustimmung nur noch bei 45 Prozent.
Die Erklärung liegt zumindest teilweise in der Zeitstruktur der Altersvorsorge. Wer mit 25 oder 30 Jahren beginnt, besitzt mehrere Jahrzehnte Anlagehorizont. Kurzfristige Schwankungen haben für diesen Personenkreis eine andere Bedeutung als für einen Sparer wenige Jahre vor Rentenbeginn.
Das verändert auch den Begriff des Vorsorgerisikos.
Eine Kapitalgarantie reduziert das Risiko nominaler Verluste. Sie kann aber die Möglichkeiten begrenzen, langfristig höhere Kapitalmarktrenditen zu erzielen. Umgekehrt erhöht eine stärkere Aktien- und Fondsanlage die Schwankungsrisiken, eröffnet aber höhere Renditechancen.
Das Altersvorsorgedepot verschiebt damit die zentrale Abwägung: Nicht mehr allein der Kapitalerhalt bestimmt die Produktausgestaltung, sondern das Verhältnis von Anlagehorizont, Renditechance und Risikotragfähigkeit.
Wie groß ist das Interesse am neuen Altersvorsorgedepot?
Die Kapitalmarktoffenheit steht nicht isoliert. Bereits die am 15. September veröffentlichte DEVK-Auswertung derselben Civey-Erhebung zeigte ein breites Interesse an der Reform.
70 Prozent der befragten Erwerbstätigen wollen sich demnach mit dem neuen staatlich geförderten Altersvorsorgeprodukt beschäftigen. 32 Prozent wollen sich näher informieren, 22 Prozent wünschen eine fachliche Beratung und 16 Prozent können sich bereits einen konkreten Abschluss vorstellen. 22 Prozent schließen einen Abschluss grundsätzlich aus.
Besonders ausgeprägt ist das Interesse bei den unter 30-Jährigen: 88 Prozent dieser Altersgruppe zeigen sich offen für das neue Förderprodukt – über Informationssuche, Beratungsinteresse oder Abschlussbereitschaft.
Civey befragte dafür vom 25. August bis 1. September 2026 insgesamt 2.500 Erwerbstätige ab 18 Jahren. Beamte und Selbstständige waren nicht Teil dieser Stichprobe. Für die Gesamtergebnisse gibt die DEVK einen statistischen Fehler von 3,3 bis 3,4 Prozentpunkten an.
Die Daten messen damit Einstellungen einer definierten Gruppe von Erwerbstätigen – nicht das tatsächliche spätere Anlageverhalten der Gesamtbevölkerung. Gerade die hohen Zustimmungswerte der Jüngeren sind deshalb zunächst ein Signal für Akzeptanz, noch keine Prognose künftiger Abschlussquoten.
Warum bleibt Beratung trotz ETF-Akzeptanz wichtig?
Der auf den ersten Blick überraschendste Befund betrifft die Beratung. Gerade die Altersgruppe mit der höchsten Offenheit gegenüber Kapitalmarktanlagen meldet gleichzeitig den größten Beratungsbedarf.
74 Prozent aller befragten Erwerbstätigen halten persönliche Beratung beim Altersvorsorgedepot für wichtig oder sehr wichtig. Unter den unter 30-Jährigen sind es 88 Prozent.
Damit lässt sich aus der hohen ETF-Akzeptanz nicht ableiten, dass jüngere Kunden ihre Altersvorsorge vollständig selbst organisieren wollen.
Vielmehr könnten sich Produkt und Beratung funktional voneinander entkoppeln: Die Kapitalanlage wird einfacher, standardisierter und kostengünstiger. Beratungsbedarf entsteht dagegen bei der Frage, welche Risiken ein Sparer tragen kann, welche Fördermöglichkeiten bestehen, wie hoch die Sparleistung sein sollte und welches Verhältnis zwischen Kapitalmarktanlage und Garantien zur individuellen Situation passt.
Das ist für die Versicherungswirtschaft entscheidend. Ein ETF selbst benötigt wenig Erklärung. Eine über Jahrzehnte tragfähige Vorsorgestrategie dagegen schon.
Was bedeutet das Altersvorsorgedepot für Versicherer?
Mit dem Altersvorsorgedepot dürfte der Wettbewerb in der privaten Altersvorsorge stärker über Kosten und nachprüfbare Leistungen geführt werden.
Standardisierte Fondsanlagen lassen sich leichter vergleichen als komplexe Vorsorgekonstruktionen. Hinzu kommt beim Standarddepot die gesetzliche Begrenzung der Effektivkosten auf maximal 1,0 Prozent. Das Bundesfinanzministerium verbindet mit der Standardisierung ausdrücklich einen niedrigschwelligen Zugang; das Produkt soll auch für Kunden mit wenig Kapitalmarkterfahrung geeignet sein und grundsätzlich einen Online-Abschluss ohne vorherige Beratung ermöglichen.
Für Versicherer entsteht daraus eine doppelte Herausforderung.
Einerseits sinkt der Spielraum, Produktkomplexität als Differenzierungsmerkmal zu nutzen. Andererseits bleibt offenbar ein erheblicher Bedarf an Beratung und Orientierung bestehen. Der wirtschaftliche Wert verschiebt sich damit vom bloßen Zugang zu einem Anlageprodukt stärker auf Risikosteuerung, Beratung, Verrentung und langfristige Kundenbegleitung.
Die DEVK reagiert bereits auf diese Struktur. Nach Unternehmensangaben soll ab Januar 2027 ein förderfähiges Standarddepot ohne Kapitalgarantie angeboten werden, das in breit gestreute ETFs investiert. Weitere Vorsorgeprodukte mit unterschiedlichen Garantieelementen sollen folgen.
Damit zeichnet sich ab, wie der künftige Wettbewerb aussehen könnte: nicht ETF gegen Versicherung, sondern unterschiedliche Kombinationen aus Kapitalanlage, Garantie, Beratung und Auszahlungsmanagement.
Was bedeutet die Reform für Riester-Sparer?
Auch für bestehende Riester-Verträge schafft die Reform Entscheidungsbedarf. In einer zusätzlichen Civey-Befragung unter 1.000 Riester-Sparern gaben 29 Prozent an, zunächst Beratung zu ihren Handlungsoptionen zu wünschen. 24 Prozent wollen ihren Vertrag unverändert fortführen, 18 Prozent wollen in ein neues gefördertes Vorsorgeprodukt wechseln und 16 Prozent den bestehenden Vertrag behalten, aber das neue Fördersystem nutzen.
Die Zahlen zeigen ein grundsätzliches Problem jeder Vorsorgereform: Neue Produkte treten nicht in einen leeren Markt ein. Sie treffen auf langfristige Verträge, bestehende Garantien, unterschiedliche Kostenstrukturen und individuelle Förderhistorien.
Deshalb entscheidet sich der Erfolg des Altersvorsorgedepots nicht allein daran, wie attraktiv neue Verträge ausgestaltet werden. Ebenso wichtig wird sein, wie verständlich und wirtschaftlich sinnvoll der Übergang aus bestehenden Vorsorgestrukturen organisiert werden kann.
Verändert das Altersvorsorgedepot die private Altersvorsorge grundsätzlich?
Ja – strukturell vor allem deshalb, weil der Kapitalmarkt stärker in das staatlich geförderte Vorsorgesystem integriert wird.
Diese Entwicklung reicht inzwischen über das Altersvorsorgedepot für Erwachsene hinaus. Bei der geplanten Frühstartrente sollen für Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro staatlich finanziert in ein individuelles kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot fließen. Für die dafür vorgesehenen Standarddepot-Verträge nennt der Regierungsentwurf ebenfalls einen Effektivkostendeckel von einem Prozent; bis zur Volljährigkeit sollen keine Abschluss- und Vertriebskosten anfallen.
Damit entsteht eine politische Linie: Kapitalmarktanlage soll nicht länger lediglich eine mögliche Ergänzung der Altersvorsorge sein, sondern früher und systematischer Bestandteil des geförderten Vermögensaufbaus werden.
Für den Versicherungsmarkt verändert das die Preisbildung. Je standardisierter und transparenter die reine Kapitalanlage wird, desto sichtbarer werden die Kosten zusätzlicher Garantien, Beratung und Versicherungsleistungen. Anbieter müssen stärker zeigen, welchen wirtschaftlichen Nutzen diese Leistungen tatsächlich erzeugen.
Für Sparer verändert sich gleichzeitig die Risikoverteilung. Höhere Renditechancen entstehen nicht kostenlos. Kapitalmarktrisiken werden sichtbarer und stärker individuell getragen. Entscheidend wird deshalb nicht nur, ob Anleger bei Vertragsabschluss Aktien und ETFs akzeptieren, sondern ob sie ihre Strategie auch in schwachen Marktphasen durchhalten.
Die DEVK-Zahlen liefern dafür ein bemerkenswertes Signal: Die junge Generation verlangt offenbar weniger Schutz vor dem Kapitalmarkt, aber keineswegs weniger Orientierung. Genau darin liegt die strukturelle Verschiebung der privaten Altersvorsorge. Wenn das Produkt einfacher und die Kapitalanlage standardisierter wird, verschwindet Beratung nicht – ihr Gegenstand verändert sich.
Quelle: DEVK Versicherungen / Civey, Befragung von 2.500 Erwerbstätigen, Erhebungszeitraum 25. August bis 1. September 2026
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