Gen Z verliert das Vertrauen in die Rente – und setzt stärker auf eigenes Kapital
Das Vertrauen junger Erwachsener in die gesetzliche Rente sinkt. Nur noch 49 Prozent der 18- bis 30-Jährigen gehen davon aus, im Alter überhaupt eine gesetzliche Rente zu erhalten. Im vergangenen Jahr waren es noch 56 Prozent. Dass die gesetzliche Rente später ausreichen wird, um den eigenen Lebensstandard zu halten, erwarten sogar nur fünf Prozent.
Die Zahlen wirken zunächst wie ein weiterer Beleg für die wachsende Distanz der jungen Generation zum Rentensystem. Interessanter ist jedoch, was daraus nicht folgt: Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Ruhestand.
Mehr als die Hälfte sorgt bereits für das Alter vor. 65 Prozent finden das geplante Altersvorsorge-Depot attraktiv. Und die ING-Daten zeigen zumindest für die jungen Depotkundinnen und -kunden der Bank, dass regelmäßiges Wertpapiersparen längst zum Anlageverhalten gehört.
Das Problem ist damit nicht fehlendes Interesse an Vorsorge. Es liegt tiefer: Junge Erwachsene sollen einen wachsenden Teil ihrer Alterssicherung selbst organisieren, während gleichzeitig das Vertrauen in langfristige Versprechen sinkt und der finanzielle Spielraum begrenzt bleibt.
Die Rente ist nur eine von mehreren finanziellen Sorgen
79 Prozent der Befragten sorgen sich um Altersvorsorge und Altersarmut. Noch häufiger werden steigende Lebenshaltungskosten und die wirtschaftliche Lage genannt. Beide Themen erreichen jeweils 90 Prozent.
Das ist für die Altersvorsorge entscheidend. Denn die langfristige Sorge um das Einkommen im Ruhestand trifft auf finanzielle Belastungen in der Gegenwart.
Das zeigt sich auch bei den Sparzielen. 64 Prozent bilden Rücklagen für Notfälle. 54 Prozent sparen für finanzielle Unabhängigkeit, 53 Prozent für die Altersvorsorge. Insgesamt sparen oder investieren 92 Prozent der Befragten.
Die junge Generation spart also durchaus. Aber Altersvorsorge steht in Konkurrenz zu anderen Zielen. Wer zunächst einen finanziellen Puffer aufbauen muss, kann denselben Betrag nicht gleichzeitig langfristig für die Rente binden.
Damit wird der verfügbare finanzielle Spielraum zu einer zentralen Größe der privaten Altersvorsorge. Die Bereitschaft zum Sparen allein sagt noch wenig darüber aus, wie viel Vorsorgevermögen tatsächlich entstehen kann.
Das Altersvorsorge-Depot trifft auf Interesse
Vor diesem Hintergrund sind die 65 Prozent Zustimmung zum geplanten Altersvorsorge-Depot bemerkenswert. Das Interesse ist deutlich größer als die Bekanntheit des Instruments. Nur 50 Prozent der jungen Frauen und 66 Prozent der jungen Männer kennen das geplante Depot.
Darin liegt zunächst eine Informationslücke. Vor allem aber sollte Attraktivität nicht mit späterer Nutzung verwechselt werden. Zwischen der Aussage, ein gefördertes Depot interessant zu finden, und jahrzehntelangen regelmäßigen Einzahlungen liegen Einkommen, Kosten, Anlageentscheidungen und Vertrauen.
Genau hier entscheidet sich, was die Reform tatsächlich bewirken kann.
Sie kann zusätzliche private Vorsorge finanziell attraktiver machen. Sie kann aber nicht dafür sorgen, dass jeder Haushalt gleichermaßen Geld für langfristiges Sparen zur Verfügung hat.
Bei jungen Depotkunden sind ETFs längst angekommen
Wie junge Menschen investieren können, wenn sie bereits Zugang zum Kapitalmarkt haben, zeigt der zweite Teil der ING-Untersuchung.
Die Bank hat dafür anonymisierte Daten von 1,1 Millionen eigenen Kundinnen und Kunden zwischen 18 und 30 Jahren ausgewertet. Unter den jungen Depotkundinnen und -kunden besparen 47 Prozent regelmäßig einen Wertpapiersparplan. Durchschnittlich fließen dabei 365 Euro im Monat in die Sparpläne. 90 Prozent der Einzahlungen gehen in ETFs.
49 Prozent halten ausschließlich ETF-Portfolios. Das durchschnittliche Depotvolumen stieg von 14.600 Euro im Vorjahr auf 17.800 Euro.
Diese Zahlen sind interessant, aber sie brauchen eine klare Grenze. Sie beschreiben nicht die 18- bis 30-Jährigen in Deutschland insgesamt. Es handelt sich um ING-Kundendaten und bei den Sparplanwerten ausdrücklich um junge Menschen, die bereits ein Depot besitzen.
Gerade deshalb zeigen sie etwas anderes: Für einen Teil der jungen Anleger sind ETF-Sparpläne keine neue oder erklärungsbedürftige Anlageform mehr. Ein Altersvorsorge-Depot würde bei dieser Gruppe auf ein Verhalten treffen, das bereits vorhanden ist.
Das könnte für den Erfolg der Reform wichtiger werden als die Frage, ob junge Menschen grundsätzlich bereit sind, sich mit Kapitalmarktanlagen zu beschäftigen.
Entscheidend wird, wer tatsächlich dauerhaft sparen kann
An diesem Punkt treffen Rentenpolitik und Einkommensrealität aufeinander.
Kapitalgedeckte Vorsorge lebt von regelmäßigen Beiträgen und Zeit. Wer früh beginnt und kontinuierlich einzahlen kann, hat einen langen Zeitraum für den Vermögensaufbau. Wer dagegen über längere Phasen wenig finanziellen Spielraum besitzt, kann diesen Vorteil nur eingeschränkt nutzen.
Das Altersvorsorge-Depot kann deshalb zwei sehr unterschiedliche Wirkungen entfalten. Es kann zusätzliche Vorsorge erleichtern und Kapitalmarktanlagen für den Ruhestand breiter zugänglich machen. Es kann aber auch vor allem diejenigen erreichen, die ohnehin sparen können.
Welche Wirkung überwiegt, entscheidet sich nicht an der Zahl der angebotenen Produkte. Entscheidend sind die tatsächlichen Einzahlungen.
Genau deshalb ist die hohe Vorsorgebereitschaft der jungen Erwachsenen zwar ein gutes Ausgangssignal, aber noch kein Ergebnis.
Und dann bleibt die Vertrauensfrage
Die forsa-Zahlen zeigen schließlich noch einen Punkt, den eine Reform der privaten Vorsorge nicht einfach lösen kann.
Wenn nur 49 Prozent der jungen Erwachsenen damit rechnen, später überhaupt eine gesetzliche Rente zu erhalten, ist das zunächst eine Aussage über Erwartungen – nicht über die tatsächliche künftige Zahlungsfähigkeit der Rentenversicherung.
Für Vorsorgeentscheidungen sind solche Erwartungen trotzdem relevant. Wer der gesetzlichen Absicherung weniger zutraut, hat einen stärkeren Grund, zusätzlich vorzusorgen.
Nur entsteht daraus nicht automatisch Vertrauen in private Produkte.
Auch ein Altersvorsorge-Depot verlangt eine langfristige Entscheidung. Junge Menschen müssen darauf vertrauen können, dass Kosten nachvollziehbar bleiben, Produkte funktionieren und die politischen Rahmenbedingungen nicht ständig verändert werden.
Damit führt die Rentendebatte zurück zu ihrem Ausgangspunkt: Vertrauen.
Die junge Generation scheint durchaus bereit, mehr Verantwortung für die eigene Vorsorge zu übernehmen. Die Daten zeigen Sparbereitschaft, Interesse am Altersvorsorge-Depot und bei einem Teil der jungen Anleger eine bereits ausgeprägte Nutzung von ETFs und Sparplänen.
Die schwierigere Aufgabe beginnt deshalb erst danach. Wer private Vorsorge stärken will, muss aus Bereitschaft dauerhaftes Sparen machen. Dafür braucht es nicht nur Förderung und attraktive Produkte, sondern genügend finanziellen Spielraum und Regeln, denen junge Menschen länger vertrauen als bis zur nächsten Rentenreform.
Quelle: ING Deutschland/Visa, „Altersvorsorge und die Gen Z“, forsa-Umfrage und ING-Kundendatenanalyse, August 2026.
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