NRW holt Zurich in die Klimaanpassung: Versichererwissen soll Städte hitzefester machen
Klimaanpassung wird in Nordrhein-Westfalen erstmals zum gemeinsamen Arbeitsfeld eines Ministeriums und eines Versicherers. Zurich soll seine Methoden aus dem industriellen Risikomanagement auf Städte und Gemeinden übertragen. Damit verändert sich auch die Rolle der Versicherungswirtschaft – von der Absicherung eingetretener Schäden hin zur Beratung staatlicher Stadtentwicklung.
Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen und die Zurich Gruppe Deutschland wollen gemeinsam Handlungsempfehlungen für den Umgang mit Klimafolgen entwickeln. Im ersten Schritt steht die zunehmende Hitzebelastung von Städten und Gemeinden im Mittelpunkt.
Nach Angaben der Beteiligten handelt es sich um die erste Zusammenarbeit dieser Art in Deutschland: Erstmals greift ein für Stadtentwicklung zuständiges Ministerium unmittelbar auf die Risikoexpertise eines Versicherers zurück, um kommunale Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln und zu priorisieren.
Der ungewöhnliche Wissenstransfer folgt einer klaren Logik. Versicherer analysieren seit Langem, wie Naturgefahren Industrieanlagen, Gebäude, kritische Infrastruktur und Lieferketten gefährden. Viele dieser Methoden lassen sich grundsätzlich auch auf Städte übertragen. An die Stelle eines einzelnen Unternehmensstandorts tritt dann ein kommunaler Raum mit Wohngebäuden, Schulen, Krankenhäusern, Verkehrswegen und besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen.
Aus Risikodaten soll eine kommunale Roadmap entstehen
Ziel der Zusammenarbeit ist nicht allein eine weitere Analyse vorhandener Klimadaten. Hitzebelastete Standorte sollen identifiziert, geeignete Anpassungsmaßnahmen entwickelt und nach Dringlichkeit sowie Umsetzbarkeit geordnet werden. „Die Daten liegen alle vor, aber das Wissen, wie diese Daten zielgerichtet in Handlung übersetzt werden können, ist der komplett neue Ansatz“, erklärt Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Aus der Risikobewertung soll eine Prioritäten-Roadmap entstehen. Kommunen könnten dadurch erkennen, an welchen Standorten zuerst gehandelt werden muss und welche Maßnahmen unter den jeweiligen örtlichen Bedingungen den größten Schutz versprechen.
Das kann beispielsweise dicht bebaute Quartiere, soziale Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen oder kritische Infrastruktur betreffen. Welche Städte und Gemeinden an der Erprobung teilnehmen, nach welchen Kriterien sie ausgewählt werden und wann erste Ergebnisse vorliegen sollen, geht aus der Ankündigung bislang nicht hervor.
Methodik stammt aus dem industriellen Risikomanagement
Zurich beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit rund 1.000 Risikoingenieure sowie Klima- und Nachhaltigkeitsexperten. Die nun vorgesehene Methodik wurde ursprünglich für Großunternehmen, Industriestandorte, kritische Infrastrukturen und Logistikketten entwickelt. „Die Übertragung unserer Expertise auf Städte und Kommunen ist naheliegend, da diese vor ähnlichen Herausforderungen stehen und insofern vom Wissenstransfer von den Unternehmen direkt profitieren können“, sagt Dr. Carsten Schildknecht, Vorstandsvorsitzender der Zurich Gruppe Deutschland.
Die Analyse erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst wird die konkrete Gefahr bestimmt. Abhängig vom betrachteten Standort oder der besonders gefährdeten Personengruppe können dabei die maximale Temperatur, die Dauer einer Hitzewelle oder der zu erwartende Hitzestress entscheidend sein. Anschließend wird die Kritikalität des Standorts bewertet: Welche Menschen, Gebäude oder technischen Anlagen sind gefährdet? Wo kann Hitze den Betrieb beeinträchtigen oder die Funktionsfähigkeit wichtiger Einrichtungen unterbrechen? Danach werden bereits vorhandene Schutzmaßnahmen untersucht und zusätzliche Optionen entwickelt.
Die Kühlung beginnt nicht beim Klimagerät
Die Maßnahmen sollen nach Schutzwirkung, Umsetzbarkeit und ganzjähriger Robustheit beurteilt werden. Daraus leitet Zurich eine sogenannte Kühlkaskade ab. „Wir vermeiden Wärmeeintrag möglichst früh, halten ihn vom Gebäude fern, führen verbleibende Wärme passiv ab – und kühlen erst den unvermeidbaren Restbedarf aktiv“, erklärt Prof. Dr. Matthias von Harten, Experte für Climate Resilience bei Zurich.
Damit beginnt die Anpassung nicht erst bei Klimaanlagen. Zunächst soll die Hitze im Stadtraum reduziert werden. Dazu können je nach Standort Verschattung, Begrünung, Entsiegelung, Wasserflächen oder eine veränderte Bauweise beitragen. Danach folgen Maßnahmen an Gebäuden, beispielsweise Sonnenschutz, Dämmung, Luftführung und passive Kühlung. Erst am Ende der Kaskade steht die aktive Erzeugung von Kälte.
Der Ansatz soll verhindern, dass Kommunen auf steigende Temperaturen hauptsächlich mit zusätzlichem Stromverbrauch für Klimatisierung reagieren.
Madrid und London dienen als Vorbilder
Als Referenz nennt das Ministerium Projekte von Zurich mit dem Madrid City Council und dem London Borough of Camden. Dort arbeitet der Versicherer bereits daran, Hitzebelastungen zu erfassen und die Widerstandsfähigkeit urbaner Räume zu erhöhen.
Nordrhein-Westfalen will untersuchen, welche Elemente dieses Vorgehens auf deutsche Städte übertragbar sind. Die Ausgangsbedingungen unterscheiden sich erheblich: Architektur, Versiegelung, Bevölkerungsstruktur, klimatische Belastung und kommunale Handlungsmöglichkeiten sind nicht identisch. Die grundlegende Aufgabe bleibt jedoch dieselbe – besonders belastete Orte zu erkennen und begrenzte Mittel dort einzusetzen, wo sie die größte Wirkung erzielen.
Hitzeschutz wird zur Sicherheitsfrage
Die Dringlichkeit des Themas zeigt sich nicht nur an steigenden Temperaturen. Nach dem Global Risks Report 2026 des World Economic Forum gelten Extremwetterereignisse auf Sicht von zehn Jahren weiterhin als größtes globales Risiko. Auch die gesundheitlichen Folgen sind erheblich. Das Robert Koch-Institut schätzte für Deutschland bis zur Kalenderwoche 30 des Jahres 2026 rund 11.900 hitzebedingte Sterbefälle. Etwa 9.600 davon entfielen nach dem RKI-Modell auf die besonders heiße Kalenderwoche 26 und deren Nachwirkungen. Die Schätzung für das Gesamtjahr ist noch unvollständig und beruht auf einem statistischen Vergleich der Mortalität mit und ohne Hitzeeinfluss.
Europaweit führt die Europäische Umweltagentur für den Zeitraum von 1980 bis 2024 rund 441.000 Todesfälle auf extreme Wetter- und Klimaereignisse zurück. Etwa 95 Prozent davon stehen im Zusammenhang mit Hitzewellen.
Hitze ist damit nicht nur ein Umweltproblem. Sie betrifft Gesundheitsschutz, Arbeitsfähigkeit, soziale Infrastruktur und die Funktionsfähigkeit von Städten. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, chronisch Erkrankte, kleine Kinder sowie Personen, die in stark aufgeheizten Quartieren leben oder im Freien arbeiten.
Versicherer übernimmt neue Rolle
Für Zurich eröffnet die Kooperation ein Tätigkeitsfeld jenseits der klassischen Schadenregulierung. Das Unternehmen stellt keine Versicherungsleistung bereit, sondern Risikodaten, Bewertungsmethoden und Präventionswissen für staatliche Planung.
Damit entsteht zugleich eine neue Schnittstelle zwischen öffentlicher Hand und Versicherungswirtschaft. Versicherer verfügen über umfangreiche Erfahrungen mit Schadenursachen und der wirtschaftlichen Bewertung von Risiken. Kommunen entscheiden dagegen über Flächennutzung, Bauplanung, Infrastruktur und Städtebauförderung.
Wie weit diese Zusammenarbeit reicht, bleibt noch zu konkretisieren. Offen sind unter anderem die Auswahl der Pilotkommunen, die Finanzierung des Projekts, der Umgang mit Daten und die Frage, ob die entwickelten Analysen und Handlungsempfehlungen öffentlich zugänglich werden.
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