Bis zu sieben Millionen Muslime: Wie lange bleibt Islamic Finance in Deutschland eine Nische?
Islamic Finance bleibt in Deutschland trotz einer potenziell großen Zielgruppe ein Randmarkt. Nur wenige Banken bieten Finanzierungen und Anlageprodukte an, die islamethischen Kriterien entsprechen. Ein neues Forschungsprojekt will nun klären, ob mangelnde Nachfrage, regulatorische Hürden oder fehlende institutionelle Strukturen die Entwicklung bremsen.
Keine Zinsen, keine hochspekulativen Geschäfte und keine Investitionen in Branchen wie Glücksspiel, Alkohol oder Waffen: Islamkonforme Finanzprodukte folgen besonderen religiös-ethischen Regeln. Obwohl nach Angaben der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) bis zu sieben Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland leben, ist das entsprechende Angebot bislang überschaubar.
Warum Islamic Finance hierzulande ein Nischenmarkt geblieben ist, untersucht künftig Say Cheong Lim als Fellow der AIWG an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Projekt „Islamic Finance in Deutschland: Regulatorische Rahmenbedingungen, Marktnachfrage und institutionelle Integration“ soll erstmals Wissen aus Finanzwirtschaft, islamischer Theologie und muslimischen Communities systematisch zusammenführen.
Dabei geht es um eine grundlegende Marktfrage: Bieten deutsche Banken kaum islamkonforme Produkte an, weil die Nachfrage fehlt? Oder bleibt die Nachfrage gering, weil nur wenige Angebote existieren und viele potenzielle Kunden ihre Möglichkeiten nicht kennen?
Zinsverbot bedeutet nicht Verzicht auf Ertrag
Islamic Finance wird häufig auf das islamische Zinsverbot reduziert. Tatsächlich umfasst das Konzept ein breiteres Regelwerk. Unzulässig sind verzinsliche Geldgeschäfte, Geschäfte mit ausgeprägtem Glücksspielcharakter sowie hochspekulative Transaktionen. Investitionen in bestimmte Branchen werden ebenfalls ausgeschlossen.
Finanzierungen müssen deshalb anders strukturiert werden als klassische Kredite. Möglich sind beispielsweise Kauf- und Weiterverkaufsmodelle mit einer zuvor vereinbarten Gewinnspanne, Miet- und Leasingkonstruktionen oder Beteiligungsmodelle, bei denen Gewinne und Risiken zwischen den Vertragspartnern geteilt werden. Auch islamkonforme Anleihen, sogenannte Sukuk, knüpfen Erträge an Vermögenswerte oder wirtschaftliche Aktivitäten statt an eine klassische Zinszahlung.
Islamkonform bedeutet damit nicht, dass Banken oder Anleger auf Erträge verzichten. Die Vergütung entsteht jedoch über andere Vertragskonstruktionen und muss zugleich den jeweiligen religiös-ethischen Anforderungen genügen.
Deutschland hat bislang nur wenige Angebote
Ein vollständiges islamkonformes Bankangebot ist in Deutschland bislang vor allem mit der KT Bank verbunden. Sie bezeichnet sich als erste islamische Bank Deutschlands und bietet unter anderem Konten, Geldanlagen sowie Fahrzeug-, Konsum- und Immobilienfinanzierungen an.
Daneben können Anleger über einzelne Fonds oder börsengehandelte Indexfonds in Portfolios investieren, die bestimmte islamische Ausschluss- und Auswahlkriterien berücksichtigen. Von einem breit entwickelten Markt über Bankprodukte, Baufinanzierungen, Kapitalanlage und Altersvorsorge kann dennoch kaum gesprochen werden.
Das unterscheidet Deutschland etwa von Großbritannien. Dort wurde Islamic Finance über Jahre auch politisch und regulatorisch als Teil des Finanzplatzes entwickelt. Die britische Regierung emittierte bereits 2014 erstmals eine staatliche Sukuk-Anleihe und legte 2021 eine weitere Emission über 500 Millionen Pfund auf. Damit schuf sie zugleich liquide islamkonforme Anlageinstrumente und institutionelle Infrastruktur.
Das Problem könnte auf beiden Seiten des Marktes liegen
Das deutsche Nischendasein lässt sich bislang nicht eindeutig erklären. Für Finanzinstitute stellt sich zunächst die Frage, ob eine ausreichend große und verlässlich erreichbare Kundengruppe vorhanden ist. Die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime allein erlaubt noch keinen Rückschluss darauf, wie viele von ihnen bei Geldanlage, Finanzierung oder Altersvorsorge tatsächlich islamethische Kriterien anwenden möchten.
Auf der anderen Seite kann eine geringe Nutzung nicht automatisch als fehlendes Interesse interpretiert werden. Wenn geeignete Produkte kaum bekannt oder nur bei wenigen Anbietern verfügbar sind, bleibt mögliche Nachfrage unter Umständen unsichtbar.
Hinzu kommen Fragen der Produktgestaltung und Glaubwürdigkeit. Für potenzielle Kunden muss nachvollziehbar sein, nach welchen Kriterien ein Produkt als islamkonform eingestuft wird, wer diese Einordnung prüft und wie Erträge, Kosten und Risiken verteilt werden. Unterschiedliche theologische Bewertungen können die Standardisierung zusätzlich erschweren.
Forschung verbindet Theologie, Finanzmarkt und Communities
Um diese Zusammenhänge zu untersuchen, will Lim Gespräche mit Fachleuten aus islamischer Theologie, Wissenschaft, Banken und Finanzwirtschaft sowie mit Angehörigen muslimischer Communities führen. Einen ersten Austausch gibt es nach Angaben der AIWG mit dem Leibniz-Institut SAFE, dem Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe-Universität und der Forschungsabteilung der Europäischen Zentralbank.
„Die in der Finanzmetropole Frankfurt ansässige AIWG ist der ideale Ort für mein Vorhaben, aktuell vorhandenes Wissen zu Islamic Finance in Deutschland aus Theologie, Finanzinstitutionen, Bankwesen und zu Konsumentenverhalten zusammenzutragen“, erklärt Lim. Der aus Malaysia stammende Wissenschaftler berät seit Jahrzehnten bei der Konzeption islamethisch konformer Finanzprodukte und ist selbst nicht muslimisch.
In die Untersuchung sollen auch digitale Entwicklungen und neue Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz einfließen. Digitale Plattformen könnten spezialisierten Anbietern den Zugang zu einer räumlich verteilten Zielgruppe erleichtern. Ob Technologie allein ausreicht, um fehlende Marktstrukturen und Vertrauen zu ersetzen, bleibt allerdings offen.
Potenzial reicht über die muslimische Zielgruppe hinaus
Dr. Raida Chbib, Geschäftsführerin der AIWG, sieht sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in den muslimischen Communities erheblichen Aufklärungsbedarf. Bislang sei nur begrenzt untersucht, welche islamkonformen Finanzierungs-, Anlage- und Vorsorgemöglichkeiten bereits genutzt werden und welche Angebote noch entwickelt werden könnten.
Für die Finanzwirtschaft könnte das Thema zudem über eine religiös definierte Zielgruppe hinausreichen. Der Ausschluss bestimmter Branchen, die Bindung an reale Vermögenswerte sowie Anforderungen an Transparenz und verantwortliches Wirtschaften weisen Überschneidungen mit anderen Formen werteorientierter Geldanlage auf.
Ob daraus tatsächlich ein größerer Markt entstehen kann, wird jedoch nicht allein von der Zahl potenzieller Kunden abhängen. Entscheidend ist, ob Anbieter tragfähige Produkte entwickeln können, die zugleich regulatorisch praktikabel, wirtschaftlich konkurrenzfähig und für unterschiedliche muslimische Gruppen glaubwürdig sind. Das Forschungsprojekt muss deshalb nicht nur eine Nachfragelücke vermessen. Es soll klären, ob Deutschland bislang einen Markt übersieht – oder ob dieser Markt erst geschaffen werden müsste.
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