Warum Sparkassen beim Venture Capital umdenken
Junge Technologieunternehmen benötigen häufig Risikokapital, lange bevor klassische Bankfinanzierungen möglich sind. Jochen Schönleber, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Mainfranken Würzburg und Mitinitiator des VC-Fonds 14leafs, erklärt im Interview, warum regionale Sparkassen den Einstieg in die Frühphasenfinanzierung wagen, welche Rolle Netzwerke spielen und wo die Grenzen regionaler Venture-Capital-Modelle liegen.
expertenReport: Sie sprechen von einem Kapitalproblem in der Frühphase – woran scheitern Gründungen aus Ihrer Sicht konkret am häufigsten: fehlendes Kapital, fehlende Skalierungskompetenz oder strukturelle Hürden?
Jochen Schönleber: Aus meiner Sicht scheitern Gründungen selten an einer einzigen Ursache. Gute Ideen gibt es in Deutschland viele. Die eigentliche Schwierigkeit beginnt danach: Gerade technologiegetriebene Start-ups benötigen früh Kapital, bevor klassische Bankfinanzierungen greifen. Gleichzeitig braucht es Menschen, die ein Produkt an den Markt bringen, kaufmännisch sauber planen und die nächsten Wachstumsschritte strukturieren können. Fehlen diese Bausteine, bleibt eine gute Idee schnell im Projektstatus stecken. Hinzu kommen strukturelle Hürden: bürokratische Prozesse, lange Entscheidungswege und eine Kultur, die Risiko häufig stärker bewertet als Chancen. Genau diese Kombination macht die Frühphase in Deutschland so anspruchsvoll.
Sparkassen sind traditionell im Mittelstand stark – warum gehen Sie jetzt bewusst in die Frühphasenfinanzierung von Start-ups, die deutlich risikoreicher ist?
Sparkassen sind traditionell eng mit Unternehmen, Mittelstand und Gründungen verbunden. Genau daraus ergibt sich die logische Weiterentwicklung. Wenn wir Gründerinnen und Gründer ernsthaft begleiten wollen, müssen wir auch dort Lösungen mitdenken, wo klassische Finanzierungsinstrumente nicht ausreichen. Frühphasige Start-ups passen oft noch nicht in das Raster eines klassischen Bankkredits. Sie haben noch keine langen Bilanzen, häufig noch keine stabilen Umsätze, aber teilweise hohes Wachstumspotenzial. Dafür braucht es Risikokapital – und Partner, die das Unternehmen früh verstehen. Unser Anspruch ist nicht, selbst zum klassischen Venture-Capital-Investor zu werden. Unsere Rolle liegt darin, Zugänge zu schaffen, Netzwerke zu öffnen und Finanzierung möglich zu machen. 14leafs bietet in diesem Gründungsumfeld einen Baustein, der bislang vor allem regional gefehlt hat.
Was können regionale Modelle wie 14leafs besser als etablierte Venture-Capital-Strukturen in Berlin oder München – und wo sehen Sie klare Grenzen dieses Ansatzes?
Regionale Modelle haben einen entscheidenden Vorteil: Nähe. Sie kennen Hochschulen, Unternehmen, Netzwerke und handelnde Personen vor Ort. Dadurch entstehen Zugänge, die ein überregionaler Fonds oft nicht in gleicher Tiefe hat. Gerade in frühen Phasen ist Vertrauen wichtig – und wer nah am Ökosystem ist, erkennt Potenziale oft früher. Der Mehrwert liegt deshalb nicht nur im Kapital, sondern in der Einbettung der Gründung: Forschung, Mittelstand, Beratung, erste Kundenkontakte und mögliche Anschlussfinanzierungen können früh zusammengedacht werden. Gerade für technologiegetriebene Start-ups kann das ein wichtiger Unterschied sein. Die Grenzen liegen dort, wo ein Fonds nicht das gesamte Wachstum eines Unternehmens allein finanzieren kann. 14leafs ist darauf ausgerichtet, Unternehmen früh zu unterstützen und sie in Wachstum und Skalierung zu bringen. Für weitere Entwicklungsschritte braucht es dann zusätzliche Investoren und perspektivisch auch die Fähigkeit, Fremdkapital aufzunehmen. Dafür müssen Geschäftsmodell, Rentabilität und Planbarkeit stimmen. Ein regionaler Fonds ist also kein abschließender Finanzierer, sondern ein wichtiger erster Baustein, der weitere Finanzierungsschritte ermöglichen soll.
Wie stellen Sie sicher, dass aus einer regionalen Verankerung auch ausreichend qualitativ hochwertiger Dealflow entsteht – gerade im Wettbewerb mit großen VC-Fonds?
Qualitativ hochwertiger Dealflow entsteht nicht allein durch vorhandenes Kapital, sondern durch frühen Zugang zu Innovation. Bei 14leafs ist deshalb die Verbindung zur Julius-Maximilians-Universität Würzburg, zum regionalen Forschungsumfeld und zur Sparkasse entscheidend. Über Strukturen wie die 360° Base stehen wir im Austausch mit Unternehmen, Gründerinnen und Gründern sowie regionalen Partnern. So kommen wir früh mit Ideen in Kontakt, können Orientierung geben und passende Partner einbinden. Das Interesse zeigt sich bereits deutlich: Es liegen schon mehr als 20 Anfragen von Start-ups vor. Natürlich werden nicht alle eine Finanzierung erhalten, weil nicht jedes Konzept zum Fonds passt. Entscheidend ist ein professioneller und neutraler Auswahlprozess. Über Investments entscheidet ein unabhängiges Investment-Board nach marktüblichen Kriterien, nicht die Sparkasse und auch nicht politische Akteure. Qualität entsteht also nicht durch Regionalität allein, sondern durch professionelle Auswahl, gutes Fondsmanagement und den Abgleich mit echten Marktchancen.
Wie balancieren Sie den Anspruch auf wirtschaftliche Rendite mit dem regionalen Fördergedanken – gibt es hier Zielkonflikte?
Aus meiner Sicht ist das kein Widerspruch, solange die Rollen klar definiert sind. Ein Venture-Capital-Fonds muss professionell gemanagt werden und wirtschaftlich funktionieren, sonst hilft er weder Investoren noch Start-ups noch der Region. Der regionale Gedanke bedeutet nicht, andere Maßstäbe anzulegen oder aus Gefälligkeit zu investieren. Entscheidend sind professionelle Investment-Kriterien und Unternehmen, die wachsen können. Natürlich liegt der Fokus des Fonds auf der Region. 14leafs ist so strukturiert, dass mindestens 50 Prozent des Kapitals in der Region investiert werden. Gleichzeitig muss der Fonds investitionsfähig bleiben: Wenn es nicht ausreichend passende Investitionsmöglichkeiten gibt, kann auch überregional investiert werden. Das ist wichtig, damit Renditeerwartungen und Risikoparameter gewahrt bleiben. Der regionale Fördergedanke und wirtschaftliche Rendite schließen sich also nicht aus. Im Gegenteil: Wenn gute Unternehmen entstehen und wachsen, profitieren beide Seiten – Investoren durch wirtschaftlichen Erfolg und die Region durch Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Know-how. Regionale Verankerung darf Wachstum nicht begrenzen, sondern sollte es ermöglichen.
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