Frauen und Finanzen: Warum viele trotz Einkommen nicht unabhängig sind
Viele Frauen verdienen eigenes Geld – fühlen sich aber dennoch nicht finanziell frei. Eine aktuelle Studie von Consors Finanz zeigt: Finanzielle Selbstbestimmung scheitert häufig nicht am Einkommen, sondern an fehlender Absicherung, Wissenslücken und strukturellen Hürden.
Einkommen vorhanden – Sicherheit fehlt
Die Annahme ist weit verbreitet: Wer ein eigenes Einkommen hat, ist finanziell unabhängig. Die Realität vieler Frauen in Deutschland sieht jedoch anders aus. Laut der aktuellen Studie von Consors Finanz verdienen 16,3 Prozent der Frauen eigenes Geld und fühlen sich dennoch nicht finanziell frei. Zugleich zeigt sich eine erhöhte Belastung: 24,8 Prozent der Frauen empfinden ihre finanzielle Situation als belastend – bei Männern sind es 18,6 Prozent. Besonders betroffen sind junge Frauen zwischen 18 und 29 Jahren sowie die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen, die häufig mehrere finanzielle Herausforderungen gleichzeitig bewältigen müssen.
Dispokredit als Symptom wachsender Unsicherheit
Die finanzielle Belastung zeigt sich auch im Verhalten. Insbesondere Frauen zwischen 30 und 39 Jahren greifen überdurchschnittlich häufig auf Dispokredite zurück. „Finanzierungen wie Dispokredit oder Kreditkarte sollten nur in seltenen Ausnahmefällen als finanzielle Überbrückung genutzt werden, da die hohen Zinsen rasch in eine Schuldenfalle führen können. Ein Ratenkredit ist häufig günstiger und ermöglicht eine besser planbare Rückzahlung“, sagt Astrid Drechsel-Grau, Chief Strategy & Engagement Officer bei Consors Finanz.
Aufschieben statt entscheiden
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Finanzthemen werden häufig vertagt. 16,6 Prozent der Frauen geben an, sich regelmäßig nicht mit Vorsorge, Geldanlage oder Steuerfragen zu beschäftigen. Bei jungen Frauen ist dieser Anteil deutlich höher. Gleichzeitig wünschen sich viele konkrete Orientierung und einfache Einstiegsmöglichkeiten. „Unsere Studie zeigt: Junge Frauen meiden Finanzthemen nicht aus Desinteresse, sondern aus Unsicherheit. Mehr als jede Dritte schiebt Finanzentscheidungen regelmäßig auf – genau in der Lebensphase, in der sie langfristig am meisten bewirken. Das ist ein klarer Auftrag an uns als Branche: einfacher, klarer und relevanter zu kommunizieren“, so Drechsel-Grau.
Fehlende Rücklagen verschärfen die Lage
Ein weiteres strukturelles Problem ist die mangelnde finanzielle Absicherung. Nur 38,9 Prozent der Frauen verfügen über einen Notgroschen für unvorhergesehene Ausgaben. Gleichzeitig machen sich viele Gedanken über mögliche finanzielle Engpässe, ohne konkrete Strategien zu haben. Besonders ausgeprägt ist diese Lücke bei niedrigen Einkommen. Hier zeigen sich auch strukturelle Unterschiede: Teilzeitquoten, Einkommensunterschiede und Erwerbsunterbrechungen führen dazu, dass Frauen häufiger von fehlender Absicherung betroffen sind.
Digitale Zugänge werden zu selten genutzt
Obwohl digitale Tools den Einstieg in Finanzthemen erleichtern könnten, werden sie bislang vergleichsweise selten genutzt. Während knapp ein Fünftel der Männer entsprechende Anwendungen verwendet, liegt der Anteil bei Frauen deutlich niedriger. Dabei könnten gerade diese Angebote helfen, Hemmschwellen abzubauen und Finanzentscheidungen transparenter zu machen. „Wir lassen heute zentrale Hebel liegen: Digitale Tools könnten den einfachen Einstieg in Finanzthemen bieten. Sie werden aber zu selten genutzt. Und Kredite werden meist als Konsumhilfe verstanden und nicht als Investition in Qualifikation und Unabhängigkeit“, sagt Drechsel-Grau.
Zwischen Scham und Normalität
Ein weiterer Faktor ist die emotionale Komponente. Viele Frauen tun sich schwer, offen über finanzielle Themen zu sprechen. 28,2 Prozent geben an, ungern über finanzielle Probleme im eigenen Umfeld zu sprechen. Gleichzeitig empfinden 24,1 Prozent Scham, wenn sie Ratenkäufe nutzen oder ihr Konto überziehen. Dabei zeigt sich auch ein Wandel: Ein Teil der Befragten sieht Kredite durchaus als legitimes Planungsinstrument – sofern Konditionen transparent sind und die Rückzahlung tragfähig bleibt. „Offen über Geld zu sprechen lohnt sich im privaten Umfeld und insbesondere in der Partnerschaft. Es schafft Wissen, erhöht die Entscheidungssicherheit und macht unabhängiger“, so Drechsel-Grau.
Finanzplanung als unterschätzter Hebel
Die Ergebnisse der Studie deuten auf eine strukturelle Lücke hin: Frauen sind im Durchschnitt finanziell schlechter abgesichert, gleichzeitig aber seltener aktiv in der Finanzplanung. Für Anbieter und Vermittler ergibt sich daraus eine doppelte Herausforderung. Zum einen müssen Produkte verständlicher werden, zum anderen müssen Kommunikations- und Beratungsansätze stärker an die Lebensrealität der Zielgruppe angepasst werden. „Unternehmen, die Frauen gezielt ansprechen – mit verständlichen Angeboten, digitalen Zugangspunkten und einer Kommunikation ohne Scham – erschließen nicht nur eine unterversorgte Zielgruppe. Sie leisten einen messbaren Beitrag zur finanziellen Gleichstellung“, sagt Drechsel-Grau.
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