Munich Re kauft At-Bay: Cyberversicherung soll zur Sicherheitsplattform werden
Munich Re übernimmt das US-Insurtech At-Bay für einen Unternehmenswert von 575 Millionen US-Dollar. Hinter dem Deal steckt mehr als der Ausbau des Cyberportfolios: Versicherung, laufende Risikoüberwachung und aktive Prävention sollen enger zusammenwachsen. Gerade im Geschäft mit kleinen und mittleren Unternehmen sieht der Rückversicherer darin einen Wachstumsmarkt.
Munich Re verstärkt sich im Cybergeschäft mit einer Übernahme. Der Konzern hat eine Vereinbarung zum Erwerb des US-amerikanischen Insurtechs At-Bay geschlossen. Der vereinbarte Unternehmenswert liegt bei 575 Millionen US-Dollar. At-Bay verbindet Cyberversicherung mit Dienstleistungen zur Cybersicherheit und richtet sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen in den USA. Nach Abschluss der Transaktion soll das Unternehmen von Hartford Steam Boiler (HSB) gesteuert werden, das zum Segment Global Specialty Insurance von Munich Re gehört.
Der Vollzug ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen und steht noch unter anderem unter dem Vorbehalt der Zustimmung der zuständigen Aufsichtsbehörden.
Vom Versicherer zum laufenden Risikomanager
Strategisch interessant ist vor allem das Geschäftsmodell, das Munich Re mit der Übernahme ausbaut. At-Bay beschränkt sich nicht darauf, Cyberrisiken zu versichern. Über eine eigene Sicherheitsplattform werden Risiken während der Laufzeit einer Police identifiziert, überwacht und reduziert. Die dabei gewonnenen Informationen fließen wiederum in Underwriting und Sicherheitsmaßnahmen ein. Damit entsteht ein Kreislauf aus Versicherung, Datenanalyse, Prävention und Schadenmanagement.
Munich Re sieht genau darin eine grundlegende Entwicklung des Cybermarktes. Nach Einschätzung des Konzerns bewegt sich dieser zunehmend weg von isolierten Versicherungslösungen und hin zu integrierten Plattformen, die Risiken kontinuierlich beobachten und reduzieren.
„At-Bay ist aufgrund seiner Marktposition und einzigartigen Fähigkeiten eine perfekte Ergänzung unseres Spezialversicherungsportfolios und ein wichtiger Baustein unseres künftigen Cyber-Angebots“, sagt Mike Kerner, Mitglied des Vorstands von Munich Re. Langfristig erwartet der Konzern von dem Geschäft einen erheblichen Ergebnisbeitrag.
At-Bay gehört zu den zehn größten US-Cyberversicherern
Für Munich Re ist das Unternehmen kein unbekannter Partner. HSB arbeitet bereits seit der Gründung von At-Bay im Jahr 2017 mit dem Insurtech zusammen und hat dessen Entwicklung begleitet. Inzwischen zählt At-Bay nach Angaben von Munich Re zu den zehn führenden Cyberversicherern in den USA. Ende 2025 beliefen sich die Bruttobeitragseinnahmen nach US-GAAP auf 278 Millionen US-Dollar. Hinzu kamen 23 Millionen US-Dollar Gebühreneinnahmen aus Cyberservices. Das Unternehmen beschäftigt rund 280 Mitarbeiter in den USA und Israel.
Mit der Übernahme holt Munich Re damit nicht nur zusätzliche Versicherungsbestände in den Konzern. Der Rückversicherer kauft zugleich Technologie, Sicherheitskompetenz und direkten Zugang zum amerikanischen KMU-Markt.
Gerade kleinere Unternehmen brauchen mehr als eine Police
Dieser Markt ist für integrierte Cyberangebote besonders interessant. Kleine und mittlere Unternehmen sind zunehmend mit professionellen Cyberangriffen konfrontiert, verfügen aber häufig nicht über eigene große IT-Sicherheitsabteilungen. Genau hier setzt die Verbindung von Versicherung und Prävention an. Statt ein Risiko lediglich bei Vertragsabschluss einzuschätzen und anschließend Versicherungsschutz bereitzustellen, können Schwachstellen fortlaufend erkannt und Gegenmaßnahmen angestoßen werden. Jeffrey O’Shaughnessy, President und CEO der HSB Group, spricht von einem Markt, der sich in Richtung „vertikal integrierter Plattformen“ aus Versicherung und Sicherheit entwickele. Ziel sei ein durchgängiges System, das Versicherungsschutz, Cybersicherheit und Schadenbearbeitung miteinander verbindet.
Für Versicherer liegt darin ebenfalls ein Vorteil: Wer Risiken während der Vertragslaufzeit besser erkennt und reduziert, kann nicht nur Schäden verhindern, sondern zugleich seine Datengrundlage für das Underwriting verbessern.
Cyberversicherung verändert ihre Funktion
Damit steht die At-Bay-Übernahme exemplarisch für eine größere Verschiebung im Cybergeschäft. Traditionell setzt Versicherung dort an, wo ein Risiko trotz Prävention zum Schaden geworden ist. Cyberrisiken eröffnen jedoch die Möglichkeit, sehr viel früher in diese Kette einzugreifen. Sicherheitslücken können erkannt, Systeme überwacht und Unternehmen vor konkreten Gefahren gewarnt werden. Die Grenze zwischen Versicherung und Risikomanagement wird dadurch durchlässiger.
Für Munich Re ist At-Bay deshalb nicht lediglich ein zusätzlicher Anbieter von Cyberpolicen. Der Konzern erhält eine Plattform, über die Risikobewertung, Versicherung und aktive Schadenprävention miteinander verbunden werden können.
Der Kaufpreis von 575 Millionen US-Dollar ist damit auch eine Wette darauf, wohin sich der Cyberversicherungsmarkt entwickelt: Die Police allein könnte künftig nur noch ein Bestandteil des Produkts sein.
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