Warum Lebensversicherer ein Kostenproblem bekommen könnten
Die Ertragslage der deutschen Lebensversicherer hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Höhere Kapitalmarktzinsen, sinkende Belastungen aus der Zinszusatzreserve und steigende Rohüberschüsse sorgen für Rückenwind. Doch hinter den positiven Zahlen verbirgt sich eine Entwicklung, die zunehmend Aufmerksamkeit verdient: Die Kostenbasis vieler Anbieter gerät unter Druck.
Die deutschen Lebensversicherer profitieren derzeit von einem deutlich günstigeren Marktumfeld als noch vor wenigen Jahren. Die Renditen auf Neuanlagen steigen, die Solvenzquoten befinden sich auf hohem Niveau und die Ertragslage hat sich spürbar verbessert. Doch während die Kapitalmarktperspektive freundlicher geworden ist, entwickelt sich ein anderer Bereich weniger positiv: die Kostenstruktur.
Sinkende Bestände treffen auf steigende Kosten
Nach Angaben von Assekurata bleibt die Zahl der Lebensversicherungsverträge seit Jahren rückläufig. Gleichzeitig müssen Versicherer weiterhin komplexe Bestände verwalten, regulatorische Anforderungen erfüllen und in Digitalisierung investieren. Die Folge: Die Kosten verteilen sich auf immer weniger Verträge. „Die Verwaltungskosten je Vertrag steigen bereits seit Jahren kontinuierlich an“, erklärt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. Damit entsteht eine Entwicklung, die sich unabhängig vom Kapitalmarkt vollzieht.
Einmalbeiträge verändern die Statistik
Hinzu kommt eine Verschiebung innerhalb des Neugeschäfts. Während laufende Beiträge vielerorts stagnieren, gewinnen Einmalbeiträge zunehmend an Bedeutung. Für die Unternehmen bedeutet dies zwar zusätzliche Beitragseinnahmen, allerdings nicht automatisch eine entsprechende Verbesserung der langfristigen Wirtschaftlichkeit. Denn die Verwaltungskosten entstehen häufig über viele Jahre hinweg, während Einmalbeiträge keinen dauerhaften Beitragsstrom erzeugen. Dadurch geraten klassische Effizienzkennzahlen zunehmend unter Druck.
Digitalisierung ist Chance und Kostenfaktor zugleich
Gleichzeitig investieren viele Versicherer erhebliche Summen in neue Systeme, digitale Prozesse und künstliche Intelligenz. Diese Investitionen gelten als notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern. Kurzfristig erhöhen sie jedoch den Kostendruck zusätzlich. Die Branche befindet sich damit in einer paradoxen Situation: Digitalisierung soll Kosten senken, verursacht zunächst aber zusätzliche Aufwendungen. Gerade kleinere Anbieter stehen deshalb vor der Herausforderung, die notwendige Modernisierung zu finanzieren und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Konsolidierung könnte weitergehen
Vor diesem Hintergrund erwartet Assekurata, dass Effizienzfragen in den kommenden Jahren stärker in den Mittelpunkt rücken werden. Bereits heute beobachten Marktteilnehmer eine zunehmende Konzentration in der Lebensversicherungsbranche. Bestandsübertragungen, Kooperationen und Plattformmodelle könnten an Bedeutung gewinnen, wenn einzelne Anbieter ihre Kostenbasis nicht ausreichend anpassen können. Die Frage lautet dabei weniger, ob Versicherer wachsen, sondern ob sie Wachstum profitabel organisieren können.
Die Ertragslage verdeckt strukturelle Herausforderungen
Die aktuellen Geschäftszahlen vieler Lebensversicherer wirken auf den ersten Blick erfreulich. Doch die Analysten warnen davor, die verbesserte Ertragslage mit einer Lösung aller strukturellen Probleme zu verwechseln. „Die verbesserte Ertragslage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Geschäftsmodelle auf der Kostenseite strukturell angespannt sind“, betont Lars Heermann. Die Aussage verweist auf einen wichtigen Unterschied: Während sich Zinsentwicklungen verändern können, bleiben Kostenstrukturen oft über viele Jahre wirksam.
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