Lebensversicherer so kapitalstark wie lange nicht – doch die stillen Lasten bleiben
Die deutschen Lebensversicherer präsentieren sich finanziell so robust wie seit Jahren nicht mehr. Hohe Solvenzquoten, steigende Rohüberschüsse und sinkende Belastungen aus der Zinszusatzreserve sprechen für eine deutlich verbesserte Ausgangslage. Dennoch mahnt Assekurata zur Differenzierung: Trotz der positiven Entwicklung lasten weiterhin erhebliche stille Lasten auf den Kapitalanlagen der Branche.
Die deutschen Lebensversicherer haben die schwierigen Jahre der Niedrigzinsphase weitgehend hinter sich gelassen. Nach Einschätzung der Ratingagentur Assekurata haben sich die wirtschaftlichen Kennzahlen 2025 nochmals spürbar verbessert. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Solvenz: Die durchschnittliche Solvenzquote der Branche stieg auf rund 380 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit Einführung von Solvency II.
Die Zahlen sprechen für eine robuste Kapitalausstattung. Gleichzeitig weisen die Analysten darauf hin, dass der Blick auf einzelne Kennzahlen allein nicht ausreicht, um die finanzielle Lage der Branche vollständig zu beurteilen.
Solvenz erreicht Rekordniveau
Die Solvenzquote gilt als einer der wichtigsten Indikatoren für die Finanzkraft von Versicherern. Sie beschreibt, wie hoch die verfügbaren Eigenmittel im Verhältnis zum regulatorisch erforderlichen Kapital sind. Mit durchschnittlich rund 380 Prozent verfügen die Lebensversicherer derzeit über einen deutlichen Sicherheitspuffer. Im Vorjahr lag der Durchschnitt noch bei rund 298 Prozent. Nach Einschätzung von Assekurata spiegelt diese Entwicklung die insgesamt verbesserte Kapitalmarktsituation sowie die gestiegene Ertragskraft der Unternehmen wider.
Weniger Druck durch die Zinszusatzreserve
Parallel dazu nimmt die Belastung durch die Zinszusatzreserve weiter ab. Das Sicherungsinstrument war in den Jahren der Niedrigzinsphase aufgebaut worden, um langfristige Garantieverpflichtungen erfüllen zu können. Ende 2025 lag ihr Bestand erstmals wieder unter 80 Milliarden Euro. Vier Jahre zuvor hatte die Reserve noch rund 96 Milliarden Euro betragen. Mit steigenden Kapitalmarktzinsen müssen die Versicherer deutlich geringere Beträge in die Reserve einstellen. Dadurch verbessern sich Ergebnis- und Finanzierungsspielräume.
Stille Lasten verschwinden nicht über Nacht
Trotz der positiven Entwicklung verweist Assekurata auf einen weiteren wichtigen Bilanzposten: die stillen Lasten. Sie entstehen, wenn Marktwerte von Kapitalanlagen unter ihren bilanziellen Buchwert fallen. Besonders der kräftige Zinsanstieg der vergangenen Jahre hatte zu erheblichen Bewertungsverlusten bei festverzinslichen Wertpapieren geführt. Nach Angaben der Ratingagentur beliefen sich diese stillen Lasten Ende 2025 branchenweit noch immer auf rund 100 Milliarden Euro. Zwar habe sich die Situation gegenüber den Vorjahren entspannt, vollständig verschwunden seien die Belastungen jedoch nicht.
Bilanzstärke und Bewertungsrisiken schließen sich nicht aus
Auf den ersten Blick wirken hohe Solvenzquoten und hohe stille Lasten widersprüchlich. Tatsächlich messen beide Kennzahlen unterschiedliche Aspekte der Unternehmenslage. Während die Solvenzquote vor allem die regulatorische Kapitalausstattung beschreibt, spiegeln stille Lasten die aktuelle Bewertung einzelner Kapitalanlagen wider. Für langfristig orientierte Lebensversicherer müssen Bewertungsverluste nicht zwangsläufig realisiert werden. Viele Anleihen werden bis zur Endfälligkeit gehalten. Dadurch gleichen sich zwischenzeitliche Marktwertschwankungen häufig wieder aus.
Mehr finanzielle Bewegungsfreiheit
Insgesamt sieht Assekurata die Branche heute deutlich widerstandsfähiger als noch vor wenigen Jahren. „Die Lebensversicherer verfügen wieder über mehr finanzielle Bewegungsfreiheit“, erläutert Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. Gleichzeitig verweist er darauf, dass die verbesserte Bilanzqualität den Unternehmen neue Möglichkeiten eröffne, in Produkte, Digitalisierung und den Wettbewerb um neue Kundengruppen zu investieren.
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