Vorsitzender des Aufsichtsrats Mercedes-Benz Group
Dr. Martin BrudermüllerVorsitzender des Aufsichtsrats Mercedes-Benz Group Dr. Martin BrudermüllerRolf Kickuth - Eigenes Werk wikipedia

Brudermüller sieht deutsches Geschäftsmodell vor grundlegender Neuordnung

Veröffentlichung: 22.06.2026, 17:06 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Martin Brudermüller hält die wirtschaftliche Lage Deutschlands für deutlich ernster als vielfach wahrgenommen. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes-Benz von einer „sich beschleunigenden Erosion der Wettbewerbsfähigkeit“ und warnt davor, dass das bisherige Geschäftsmodell Deutschlands langfristig nicht mehr tragfähig sei.

(PDF)

Nach seiner Einschätzung verliert die deutsche Industrie international an Marktanteilen und teilweise auch an technologischer Führungsstärke. Als Ursachen nennt er unter anderem hohe Regulierung, Defizite bei Infrastruktur und Digitalisierung sowie unzureichende politische Reformbereitschaft.

Forderung nach neuem „volkswirtschaftlichen Betriebssystem“

Besonders deutlich wird Brudermüller bei der Beschreibung des Reformbedarfs. Deutschland befinde sich an einem Punkt, an dem sich ein Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten grundlegend neu ausrichten würde. Das Land müsse deshalb sein „volkswirtschaftliches Betriebssystem fundamental überarbeiten“.

Kritisch äußert er sich über die aus seiner Sicht ausgeprägte Reformresistenz und fehlende Verantwortungsübernahme innerhalb politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse. Gleichzeitig vermisst er bei der Bundesregierung einen langfristigen strategischen Plan für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.

Staatsausgaben als dominierender Wachstumstreiber

Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik verweist Brudermüller auf die hohe Staatsquote und rückläufige private Investitionen. In den vergangenen Jahren seien staatliche Ausgaben der wichtigste Wachstumstreiber gewesen. Die Entwicklung bewertet er kritisch und warnt davor, dass Deutschland dadurch an wirtschaftlicher Dynamik verlieren könne.

Gleichzeitig spricht er sich für gezielte staatliche Investitionen aus. Als Prioritäten nennt er insbesondere die Infrastruktur sowie den Ausbau der Energienetze. Die steigenden Netzgebühren belasteten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zunehmend.

Kapitalgedeckte Rente und längere Arbeitszeiten

Zu seinen zentralen Reformvorschlägen zählt Brudermüller der Aufbau einer kapitalbasierten Altersvorsorge. Ein Teil der staatlichen Schuldenaufnahme sollte seiner Ansicht nach in den Aufbau eines langfristigen Kapitalstocks für das Rentensystem fließen.

Zudem spricht er sich für eine längere Lebensarbeitszeit und eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche aus. Deutschland müsse über wettbewerbsfähigere Arbeitskosten diskutieren. Arbeit sei im internationalen Vergleich zu teuer geworden, während frühere Produktivitätsvorteile geschrumpft seien.

Kooperation mit China bleibt aus seiner Sicht unverzichtbar

Trotz zunehmender Konkurrenz chinesischer Unternehmen warnt Brudermüller vor einer wirtschaftlichen Entkopplung. Die deutsche Wirtschaft könne es sich wegen der Marktgröße und technologischen Bedeutung Chinas nicht leisten, auf Zusammenarbeit zu verzichten. Neben Wettbewerb seien deshalb auch Partnerschaften und Kooperationen notwendig.

Wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten könnten aus seiner Sicht zudem politische Stabilität fördern, da alle Beteiligten Interessen an funktionierenden Beziehungen hätten.

Wirtschaftliche Unsicherheit stärkt nach seiner Ansicht die AfD

Mit Sorge blickt Brudermüller auf die politische Entwicklung in Deutschland. Insbesondere die zunehmende Unterstützung der AfD durch Industriearbeiter bezeichnet er als problematisch. Die etablierten Parteien hätten sich teilweise von den Lebensrealitäten vieler Bürger entfernt.

Als zentrale Themen nennt er Arbeitsplatzsicherheit, wirtschaftliche Perspektiven und die Wahrnehmung wachsender Umverteilungslasten. Die etablierten Parteien müssten nach seiner Ansicht stärker auf diese Sorgen eingehen, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Der Bundeshaushalt 2027 markiert einen historischen Kurswechsel: mehr Schulden, mehr Staat und eine neue Logik deutscher Finanzpolitik.Der Bundeshaushalt 2027 markiert einen historischen Kurswechsel: mehr Schulden, mehr Staat und eine neue Logik deutscher Finanzpolitik.Experten/KI
Politik

Deutschlands neuer Haushaltskurs: Mehr Schulden, mehr Staat, mehr Risiko

Die Bundesregierung plant höhere Schulden, mehr Investitionen und massive Verteidigungsausgaben. Warum der Haushalt 2027 einen strukturellen Bruch markiert.
Trotz schleppender Weltkonjunktur sieht Allianz Trade Deutschland auf dem Weg zur wirtschaftlichen Erholung - unter bestimmten Voraussetzungen.Trotz schleppender Weltkonjunktur sieht Allianz Trade Deutschland auf dem Weg zur wirtschaftlichen Erholung - unter bestimmten Voraussetzungen.DALL-E
Wirtschaft

Allianz Trade: Mini-Wachstum 2025 – doch Deutschlands Resilienz lässt auf mehr hoffen

Trotz schleppender Weltkonjunktur sieht Allianz Trade Deutschland auf dem Weg zur wirtschaftlichen Erholung – sofern Digitalisierung, Klimainvestitionen und Strukturreformen entschlossen vorangetrieben werden.
extreme-hitze-wirtschaftsrisiko-allianz-trade-deutschlandextreme-hitze-wirtschaftsrisiko-allianz-trade-deutschlandExtreme Hitze entwickelt sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Risikofaktor. Sinkende Produktivität, steigende Energiekosten und ausbleibende Investitionen könnten die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren erheblich belasten.Redaktion experten.de / KI-generiert
Wirtschaft

Extreme Hitze wird zum Wirtschaftsrisiko: Deutschland drohen Milliardenverluste

Hitzewellen sind längst nicht mehr nur ein Umwelt- oder Gesundheitsthema. Nach einer aktuellen Analyse von Allianz Trade könnten extreme Temperaturen die deutsche Wirtschaft bis 2030 bis zu 131 Milliarden US-Dollar kosten. Besonders betroffen sind Produktivität, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit. Die Studie sieht Deutschland in einer kritischen Übergangszone: zu warm für Vorteile, aber noch nicht ausreichend auf Hitze vorbereitet.
Deutschlands Arbeitsmarkt verliert nicht nur Stellen, sondern industrielle Substanz. Genau darin liegt das eigentliche Risiko.Deutschlands Arbeitsmarkt verliert nicht nur Stellen, sondern industrielle Substanz. Genau darin liegt das eigentliche Risiko.Adobe
Wirtschaft

Deutschlands Arbeitsmarkt verliert seine industrielle Basis

Die Erwerbstätigkeit sinkt erneut. Besonders Industrie und Bau verlieren Beschäftigung. Warum der Arbeitsmarkt strukturell kippt.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht