Brudermüller sieht deutsches Geschäftsmodell vor grundlegender Neuordnung
Martin Brudermüller hält die wirtschaftliche Lage Deutschlands für deutlich ernster als vielfach wahrgenommen. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes-Benz von einer „sich beschleunigenden Erosion der Wettbewerbsfähigkeit“ und warnt davor, dass das bisherige Geschäftsmodell Deutschlands langfristig nicht mehr tragfähig sei.
Nach seiner Einschätzung verliert die deutsche Industrie international an Marktanteilen und teilweise auch an technologischer Führungsstärke. Als Ursachen nennt er unter anderem hohe Regulierung, Defizite bei Infrastruktur und Digitalisierung sowie unzureichende politische Reformbereitschaft.
Forderung nach neuem „volkswirtschaftlichen Betriebssystem“
Besonders deutlich wird Brudermüller bei der Beschreibung des Reformbedarfs. Deutschland befinde sich an einem Punkt, an dem sich ein Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten grundlegend neu ausrichten würde. Das Land müsse deshalb sein „volkswirtschaftliches Betriebssystem fundamental überarbeiten“.
Kritisch äußert er sich über die aus seiner Sicht ausgeprägte Reformresistenz und fehlende Verantwortungsübernahme innerhalb politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse. Gleichzeitig vermisst er bei der Bundesregierung einen langfristigen strategischen Plan für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands.
Staatsausgaben als dominierender Wachstumstreiber
Mit Blick auf die Wirtschaftspolitik verweist Brudermüller auf die hohe Staatsquote und rückläufige private Investitionen. In den vergangenen Jahren seien staatliche Ausgaben der wichtigste Wachstumstreiber gewesen. Die Entwicklung bewertet er kritisch und warnt davor, dass Deutschland dadurch an wirtschaftlicher Dynamik verlieren könne.
Gleichzeitig spricht er sich für gezielte staatliche Investitionen aus. Als Prioritäten nennt er insbesondere die Infrastruktur sowie den Ausbau der Energienetze. Die steigenden Netzgebühren belasteten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zunehmend.
Kapitalgedeckte Rente und längere Arbeitszeiten
Zu seinen zentralen Reformvorschlägen zählt Brudermüller der Aufbau einer kapitalbasierten Altersvorsorge. Ein Teil der staatlichen Schuldenaufnahme sollte seiner Ansicht nach in den Aufbau eines langfristigen Kapitalstocks für das Rentensystem fließen.
Zudem spricht er sich für eine längere Lebensarbeitszeit und eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche aus. Deutschland müsse über wettbewerbsfähigere Arbeitskosten diskutieren. Arbeit sei im internationalen Vergleich zu teuer geworden, während frühere Produktivitätsvorteile geschrumpft seien.
Kooperation mit China bleibt aus seiner Sicht unverzichtbar
Trotz zunehmender Konkurrenz chinesischer Unternehmen warnt Brudermüller vor einer wirtschaftlichen Entkopplung. Die deutsche Wirtschaft könne es sich wegen der Marktgröße und technologischen Bedeutung Chinas nicht leisten, auf Zusammenarbeit zu verzichten. Neben Wettbewerb seien deshalb auch Partnerschaften und Kooperationen notwendig.
Wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten könnten aus seiner Sicht zudem politische Stabilität fördern, da alle Beteiligten Interessen an funktionierenden Beziehungen hätten.
Wirtschaftliche Unsicherheit stärkt nach seiner Ansicht die AfD
Mit Sorge blickt Brudermüller auf die politische Entwicklung in Deutschland. Insbesondere die zunehmende Unterstützung der AfD durch Industriearbeiter bezeichnet er als problematisch. Die etablierten Parteien hätten sich teilweise von den Lebensrealitäten vieler Bürger entfernt.
Als zentrale Themen nennt er Arbeitsplatzsicherheit, wirtschaftliche Perspektiven und die Wahrnehmung wachsender Umverteilungslasten. Die etablierten Parteien müssten nach seiner Ansicht stärker auf diese Sorgen eingehen, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.
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