Altersvorsorge im Umbruch: Zwischen ETF-Boom und lebenslanger Garantie
Generationenkapital, ETF-Sparen und Reformpläne verändern die Altersvorsorge. Doch reicht das? Im Interview erklären Frank Kettnaker und Christian Pape (ALH Gruppe), warum lebenslange Garantien aus ihrer Sicht unverzichtbar bleiben.
Hinweis vorab: Dies ist Teil 3 eines vierteiligen Interviews.
expertenReport: Der Staat schraubt ständig am Vorsorgesystem. Wie kalkuliert ein Lebensversicherer Stabilität, wenn politische Rahmenbedingungen immer volatiler werden?
Pape: Gerade weil der Staat in der gesetzlichen Rentenversicherung ständig interveniert oder besser: intervenieren muss, ist die private Vorsorge aus Sicht von Kunden wichtig. Der entscheidende Punkt ist die Sicherstellung eines lebenslangen Einkommens – und genau darauf setzen wir.
Lebensversicherer sollen heute Rendite, Flexibilität und Garantien gleichzeitig bieten. Ist das nicht eine Quadratur des Kreises?
Kettnaker: Ein weitverbreiteter Trugschluss besteht darin anzunehmen, man benötige im Alter weniger finanzielle Mittel, weil man vermeintlich weniger aktiv ist. Tatsächlich steigt die Ausgaben im Alter. Mit zunehmendem Alter steigen die Ausgaben, insbesondere durch Pflegekosten und gesundheitliche Aufwendungen. Die Frage ist, welche Produkte dafür die richtigen sind. Wenn ich für die Politik entscheiden könnte, würde ich Produkte mit deutlich höherer Flexibilität zulassen, etwa mit einem Garantieniveau von 80 Prozent, um dadurch höhere Renditen zu ermöglichen.
Pape: Weil niemand weiß, wie lange er oder sie lebt, bleiben lebenslange Renten die höchste Sicherheit, als es beispielsweise ETF-Sparpläne jemals könnten. Denn wenn deren Auszahlungen enden, habe ich vielleicht noch einige Jahre zu leben, erhalte dann aber kein Geld mehr aus dieser Vorsorge.
Die Rentendebatte wird uns auch 2026 begleiten. Wie blicken Sie auf das vor dem Jahreswechsel verabschiedete Rentenpaket? Stärkt es die private Vorsorge – oder schwächt es Erwartungen, die Versicherer kaum erfüllen können?
Kettnaker: Das verabschiedete Rentenpaket ist ein erster Schritt. Weitere Schritte müssen zwingend folgen. Eine Lösung liegt in der Stärkung der betrieblichen Altersversorgung. Das diskutierte Sozialpartnermodell wäre dazu sinnvoll, ebenso wie die Ansätze des Betriebsrentenstärkungsgesetzes 2.0. Auch hier gäbe es bereits Lösungen, die man sofort implementieren könnte. Zentrale Punkte wären die Flexibilisierung von Garantien und Rentenauszahlungsphasen. Mit einem Opt-out-Modell könnte man die Quote derjenigen, die eine bAV haben, deutlich erhöhen.
Pape: Der Entwurf für die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge erlaubt neben der klassischen lebenslangen Rente auch zeitlich befristete Auszahlungspläne, mindestens bis zum 85. Lebensjahr. Das ist kritisch, denn Altersvorsorge muss bis zum Lebensende tragen.
Welche Rolle bleibt Lebensversicherern, wenn der Staat zunehmend selbst kapitalgedeckte Vorsorgeelemente anbietet?
Kettnaker: Was wir alle in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gelernt haben, ist, dass staatliche Lösungen nicht so lange halten und so sicher sind wie propagiert. Wenn Politiker heute also zeitgemäß neben einer elektronischen Litfaßsäule stehen, auf der der Werbetext 'Staatliche Vorsorge ist sicher' eingeblendet wird, würde ich das als Bürger sehr kritisch hinterfragen. Sicher vor staatlichem Zugriff ist nur das, was ich privat angespart habe. Und wenn ich für meine arbeitsfreie Phase ein garantiertes, lebenslanges Einkommen möchte, können das nur die Prodkte eines Lebensversicherers garantieren.
Viele junge Menschen setzen eher auf ETFs als auf klassische Vorsorgelösungen. Was entgegnen Sie dem Vorwurf, Lebensversicherer hätten die junge Generation verloren?
Pape: Wir sehen bei uns seit Jahren einen Zuwachs bei den privaten Rentenversicherungen, speziell bei den fondsgebundenen Policen. Das zeigt, dass die Gruppe derjenigen, die die Auszahlung über angespartes ETF-Vermögen nicht auf eigene Faust gestalten möchten, gar nicht so klein ist. Allen anderen empfehle ich, nicht zu spät zu beginnen und sich bei der Altersvorsorge nicht nur auf sich selbst zu verlassen. Ohne eine lebenslange Rente besteht die Gefahr, dass in den letzten, kostenintensiven Lebensjahren kein Geld mehr zur Verfügung steht.
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Teil 1 lesen: Verantwortung im Vertrieb: Warum Vertrauen für Lebensversicherer zum zentralen Faktor wird
Teil 2 lesen: Run-offs und Vertrauen: Warum Bestandsverkäufe die Branche spalten
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