Golfkrise: Eskalation sorgt für Nervosität an den Märkten
Ökonomen und Marktstrategen bewerten die jüngste Eskalation im Nahen Osten unterschiedlich. Während einige nur kurzfristige Marktreaktionen erwarten, warnen andere vor steigenden Ölpreisen und neuen Inflationsrisiken – entscheidend bleibt die Lage an der Straße von Hormus.
Die jüngste Eskalation im Nahen Osten rückt erneut die Bedeutung geopolitischer Risiken für Energieversorgung, Inflation und Kapitalmärkte in den Mittelpunkt. Marktstrategen und Ökonomen mehrerer Investmenthäuser gehen zwar derzeit überwiegend von einem begrenzten wirtschaftlichen Schaden aus – warnen jedoch vor deutlich gravierenderen Folgen im Falle einer längeren Blockade der Straße von Hormus.
Straße von Hormus als zentraler Risikofaktor
Nach Einschätzung von Matthew Ryan, Head of Market Strategy beim Währungsdienstleister Ebury, war ein Teil der geopolitischen Risiken bereits vor den jüngsten Militärschlägen in den Märkten eingepreist. „Historisch betrachtet führen steigende geopolitische Risiken meist nur zu vorübergehenden Marktverwerfungen“, so Ryan. Wie nachhaltig die aktuellen Auswirkungen sein werden, hänge jedoch maßgeblich davon ab, ob der Konflikt eskaliert oder sich rasch beruhigt. Besonders kritisch sehen Marktbeobachter die Situation rund um die Straße von Hormus. Sollte diese wichtige Schifffahrtsroute blockiert werden, könnte ein erheblicher Teil der weltweiten Ölversorgung unterbrochen werden. In diesem Szenario könnten die Ölpreise nach Einschätzung von Ebury in Richtung 100 US-Dollar pro Barrel steigen.
Ölpreis entscheidet über wirtschaftliche Folgen
Auch Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer der apoBank, sieht im Ölpreis den zentralen Faktor für die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts. „Für die Weltwirtschaft und die Märkte ist entscheidend, wie lange der Krieg und ob die Blockade der Straße von Hormus anhält“, erklärt Pfingsten. Bei einem nur wenige Wochen andauernden Konflikt wären die Auswirkungen nach seiner Einschätzung moderat. Ziehe sich die Auseinandersetzung jedoch über mehrere Monate hin, könnte dies zu deutlich höheren Energiepreisen führen und sowohl Inflation als auch Wirtschaftswachstum spürbar belasten. Solange der Konflikt keine dauerhaften Auswirkungen auf das globale Ölangebot habe, rechnet die apoBank allerdings nicht mit nachhaltigen Marktverwerfungen.
Märkte reagieren bislang vergleichsweise stabil
Michael Hünseler, Chief Investment Officer der LBBW Asset Management, beobachtet bislang vor allem Rotationen innerhalb der Märkte statt großflächiger Verkäufe. „Globale Aktien geben moderat nach, während Öl, Gas und Gold deutlich zulegen“, erklärt Hünseler. Gleichzeitig bewegten sich Anleiherenditen im Spannungsfeld zwischen Flucht in sichere Anlagen und steigenden Inflationserwartungen. Die mögliche Entwicklung des Ölpreises sieht die LBBW in einer breiten Bandbreite. Je nach Eskalationsgrad könnte er zwischen 65 und 110 US-Dollar pro Barrel liegen. Entscheidend für Anleger bleibe daher eine breite Diversifikation über verschiedene Anlageklassen hinweg.
Geopolitische Krisen treffen Aktienmärkte meist nur kurzfristig
Auch aus historischer Perspektive sehen viele Marktstrategen keine zwingende langfristige Belastung für Aktienmärkte. Ross Cartwright, Lead Strategist bei MFS Investment Management, verweist darauf, dass geopolitische Ereignisse selten dauerhaft negative Folgen für Aktienkurse hätten. „Geopolitische Ereignisse führen selten zu einer anhaltenden Schwäche der Aktienmärkte – es sei denn, sie haben starke Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Fundamentaldaten“, so Cartwright. Der entscheidende Faktor sei auch hier die Energieversorgung. Rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung sowie ein erheblicher Teil des LNG-Handels laufen über die Straße von Hormus. Selbst ohne formelle Blockade könnten bereits erhöhte Sicherheitsrisiken oder Versicherungsprobleme den Transport erheblich stören.
Ölpreisschock bleibt ein Rezessionsrisiko
Der Chefvolkswirt der FERI Gruppe, Axel Angermann, sieht im aktuellen Umfeld zwar Risiken, hält eine globale Rezession jedoch nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Selbst bei höheren Ölpreisen seien die Auswirkungen heute weniger gravierend als in früheren Jahrzehnten. Die Wirtschaft sei deutlich weniger ölintensiv geworden und verfüge über größere strategische Energiereserven. Dennoch bleibe eine Eskalation mit drastisch steigenden Ölpreisen ein ernstzunehmendes Risikoszenario für die Weltwirtschaft.
Anleihemärkte: Inflationssorgen oder kurzfristiger Effekt?
Auch an den Rentenmärkten beobachten Analysten bislang eher eine kurzfristige Reaktion. Dario Messi, Head of Fixed Income Research bei Julius Bär, verweist darauf, dass ein Teil der jüngsten Renditeanstiege lediglich eine Gegenbewegung zu vorherigen Kursgewinnen darstellen könnte. „Wir raten davon ab, die aktuelle Entwicklung zu extrapolieren“, so Messi. Selbst bei moderat steigenden Energiepreisen erwarten die Analysten keine grundlegende Veränderung der Inflationsprognosen. Hochwertige Staatsanleihen könnten daher weiterhin eine stabilisierende Rolle im Portfolio spielen.
Service: Destatis bündelt Daten zum Nahostkonflikt
Das Statistische Bundesamt hat angesichts der aktuellen Entwicklungen eine Sonderseite mit relevanten Daten zum Nahostkonflikt veröffentlicht. Dort werden unter anderem Informationen zu folgenden Themen gebündelt:
Die Sonderseite wird fortlaufend aktualisiert.
Themen:
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