Die politische Hängepartie ist beendet: Der Bundestag hat das Rentenpaket der Bundesregierung verabschiedet. Während die Koalition das Maßnahmenbündel als Stabilisierungsschritt bewertet, bleibt die Kritik aus Verbänden und der Wirtschaft deutlich. Zwei Stimmen aus der Branche zeigen, wie ambivalent die Reaktionen ausfallen – und wo zentrale Reformbaustellen weiterhin ungelöst bleiben.
Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) äußert sich erleichtert über das Ende der monatelangen Unsicherheit – hält jedoch an seiner grundsätzlichen Skepsis fest. „Dennoch sind wir froh, dass die Hängepartie und Unsicherheit der letzten Zeit vorbei ist und es neue Impulse in der Rentenpolitik gibt“, sagt BVK-Präsident Michael H. Heinz. Das Paket erkenne zwar die Bedeutung der privaten Altersvorsorge und des Kapitalmarkts für den langfristigen Vermögensaufbau an, doch fehle es weiterhin an struktureller Konsequenz.
Für den Verband bleibt eine Reform der Riester-Rente zentral: mit erweitertem Adressatenkreis, weniger Bürokratie und verlässlichen Rahmenbedingungen. Auch der sozialpolitische Auftrag der Vermittler müsse stärker berücksichtigt werden.
Fidelity International: „Der Beschluss zeigt den fehlenden Reformwillen“
Noch deutlicher positioniert sich Christof Quiring, Leiter betriebliche Vorsorgelösungen bei Fidelity International. Aus seiner Sicht ist die Einigung zwar „ein wichtiges Signal für die Handlungsfähigkeit der Regierung“, aber zugleich Ausdruck struktureller Reformschwäche. „Der Beschluss zeigt den fehlenden Reformwillen der Bundesregierung, bürdet den Rentenbeitrags- und Steuerzahlern einseitig hohe Lasten auf und verschärft die demografischen Herausforderungen für die Altersvorsorge in Deutschland.“
Quiring setzt deshalb große Erwartungen in die neue Rentenkommission – und formuliert drei konkrete Forderungen für echte Reformschritte in allen Säulen:
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Erste Säule: Haltelinie überdenken
Die Fixierung des Rentenniveaus sei teuer und langfristig nicht tragfähig. Eine Studie von Prof. Martin Werding zeige, dass der Staatszuschuss bis 2040 drastisch steigen werde, wenn die Haltelinie bestehen bleibt. -
Zweite Säule: bAV reformieren – und Auto-Enrolment einführen
Nach britischem Vorbild sollten Beschäftigte automatisch in die bAV einbezogen werden, sofern sie nicht widersprechen. Notwendig seien zudem der Rückbau teurer Garantien und eine bessere Mitnehmbarkeit von Ansprüchen. -
Dritte Säule: Altersvorsorge-Depot umsetzen
Das im Koalitionsvertrag vorgesehene Depot sei überfällig. Die geplante Frühstart-Rente sei sinnvoll, aber „kein Allheilmittel“ – sie müsse Teil einer breiteren Kontenlösung werden, wie in Schweden oder Großbritannien.
„Wir haben in der deutschen Rentenpolitik kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. (…) Ansonsten sind der Wirtschaftsstandort Deutschland und der Wohlstand der nächsten Generation gefährdet“, so Quiring.
Stabilisierung – oder vertagte Verantwortung?
Während das Rentenpaket kurzfristig Sicherheit schaffen soll, verweisen die Stimmen aus der Branche auf die gleichen Schwachpunkte: hohe Lasten für Beitrags- und Steuerzahler, fehlende strukturelle Entlastung und unklare Perspektiven. Viel hängt nun von der Rentenkommission ab, die bis Mitte 2026 Vorschläge erarbeiten soll. Ob diese ausreichen, um das System langfristig zu stabilisieren, bleibt offen. Klar ist nur: Die politische Auseinandersetzung über die Zukunft der Altersvorsorge beginnt mit dem heutigen Beschluss erst richtig.
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