Pflege kriegt mehr Lohn – doch das System bleibt krank

Veröffentlichung: 26.11.2025, 13:11 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

(PDF)
cms.hghgvAdobe

Am 19. November 2025 hat sich die Pflegekommission einstimmig auf eine Anhebung der Pflegemindestlöhne verständigt. Wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) mitteilt, sollen die Entgelte in zwei Stufen steigen: zum 1. Juli 2026 und erneut zum 1. Juli 2027. Der Mindestlohn steigt für Pflegehilfskräfte von derzeit 16,10 Euro auf 16,95 Euro, für qualifizierte Pflegehilfskräfte von 17,35 Euro auf 18,26 Euro, für Pflegefachkräfte von 20,50 Euro auf 21,58 Euro. Die Erhöhung erfolgt bundesweit einheitlich, unabhängig von Trägerform oder Region.

Gleichzeitig empfiehlt die Kommission, den Anspruch auf neun zusätzliche Urlaubstage über das gesetzliche Maß hinaus beizubehalten. Die Laufzeit der Empfehlung endet am 30. September 2028. Das BMAS will die Inhalte per Verordnung verbindlich machen.

Mindestlohn als Unterkante

Rund 1,3 Millionen Beschäftigte in stationären und ambulanten Einrichtungen unterliegen dem Pflegemindestlohn. Er liegt deutlich über dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn, der aktuell bei 12,82 Euro pro Stunde steht. In Haushalten ohne formale Pflegeanstellung gilt nur dieser allgemeine Satz. Die Mindestlöhne der Kommission sind somit nicht flächendeckend, aber verbindlich für tariffreie Einrichtungen.

Wo Tarifverträge gelten, liegen die Entgelte häufig höher. Doch Tarifbindung ist in der Altenpflege keine Selbstverständlichkeit. Private Anbieter zahlen oft nur den gesetzlichen Mindestlohn. Die Kommission setzt mit ihrer Empfehlung eine Lohnuntergrenze – aber keine Struktur.

Planungssicherheit auf instabilem Fundament

Die Politik lobt den Beschluss. Arbeitsministerin Bärbel Bas spricht von einem „starken Zeichen“, Gesundheitsministerin Nina Warken von Planungssicherheit in schwieriger Lage. Formal stimmt das: Die Lohnentwicklung ist klar, die Laufzeit geregelt. Doch die Entlastung ist begrenzt. Der Mindestlohn ist ein Korrektiv – keine Steuerung.

Er ersetzt nicht, was in der Praxis fehlt: verlässliche Dienstpläne, ausreichend Personal, reduzierte Bürokratie. Der Druck im System bleibt hoch, der Arbeitsmarkt leer, die Abwanderung spürbar. Lohnerhöhungen reagieren auf Symptome, nicht auf Ursachen.

Systempflege braucht mehr als Beträge

Die Anhebung ist ökonomisch folgerichtig. Sie folgt dem Inflationsniveau und adressiert die Lücke zu anderen Branchen. Doch Pflege ist kein Markt mit freien Kräften. Sie folgt keiner Konjunktur, sondern einem konstanten Bedarf. Deshalb reicht ein Lohnsignal nicht aus.

Pflege bleibt strukturell überfordert: Personalschlüssel sind knapp kalkuliert, Ausbildungszahlen stagnieren, Investitionen verlaufen schleppend. Der Mindestlohn stabilisiert die Unterkante, aber er entlastet nicht den Alltag.

Erhöhung ohne Entlastung

Die Empfehlung der Pflegekommission hebt die Löhne, nicht die Belastung. Sie schafft keine neuen Strukturen, sondern stabilisiert bestehende. Die Verteilung bleibt asymmetrisch, die Tarifbindung lückenhaft. Wo das System überlastet ist, hilft kein Stundenlohn allein. Die Maßnahme ist richtig, aber sie reicht nicht. Pflege bleibt unterfinanziert, unterbesetzt und unter Spannung.


(PDF)

LESEN SIE AUCH

Die Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) rückt in greifbare Nähe.Die Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) rückt in greifbare Nähe.DALL-E
Politik

GOÄ-Novelle auf dem Tisch: Ärzteschaft und PKV machen Druck auf die Politik

Die Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) rückt in greifbare Nähe. Der 129. Deutsche Ärztetag hat mit großer Mehrheit beschlossen, den überarbeiteten Entwurf, der gemeinsam von Bundesärztekammer und PKV-Verband erarbeitet wurde, an das Bundesgesundheitsministerium zu übergeben. Damit liegt ein breit abgestimmter Vorschlag für eine moderne GOÄ vor – nun steht die Politik unter Zugzwang.
Arbeiter-erschoepft-213588626-AS-pressmasterArbeiter-erschoepft-213588626-AS-pressmasterpressmaster – stock.adobe.com
Politik

Beschäftigte ohne Tarifvertrag arbeiten länger und verdienen weniger

Betriebe mit Tarifvertrag bieten deutliche bessere Arbeitsbedingungen als vergleichbare Betriebe ohne Tarifbindung. Für Fachkräfte und andere Beschäftigte sind Arbeitgeber ohne Tarifvertrag deshalb weniger attraktiv. So arbeiten Vollzeitbeschäftigte in tariflosen Betrieben im Mittel wöchentlich 54 Minuten länger und verdienen 11 Prozent weniger als Beschäftigte in Betrieben mit Tarifbindung, die sich hinsichtlich der Betriebsgröße, des Wirtschaftszweiges, der Qualifikationsstruktur der ...
Schauplatz eines wirtschaftspolitischen Spitzentreffens heute Abend: Das Kanzleramt in Berlin.Schauplatz eines wirtschaftspolitischen Spitzentreffens heute Abend: Das Kanzleramt in Berlin.JensG / pixabay
Politik

Wettbewerbsfähigkeit, Rente, Arbeitszeit: Redet Deutschland über die falschen Baustellen?

Bundesregierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften kommen heute Abend im Kanzleramt zu einem wirtschaftspolitischen Spitzentreffen zusammen. Doch schon die Debatte im Vorfeld zeigt, wie umstritten die Diagnose der deutschen Wirtschaftslage ist. Während über Rente, Arbeitszeit und Sozialausgaben diskutiert wird, sehen andere Ökonomen die größten Herausforderungen bei Innovation, Produktivität und geopolitischen Risiken.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und Kanzler Friedrich Merz (beide CDU)Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und Kanzler Friedrich Merz (beide CDU)Steffen Kugler
Pflege

Pflegereform 2026: Sanierung statt Systemwechsel

Die Pflegeversicherung steuert auf milliardenschwere Defizite zu. Die Bundesregierung plant deshalb eine umfassende Reform. Im Mittelpunkt stehen höhere Einnahmen und Einsparungen. Die großen Strukturfragen der Pflegefinanzierung bleiben dagegen weitgehend unangetastet.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht