In Deutschland werden Personen als arm bezeichnet, wenn sie aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen aus Teilbereichen der Gesellschaft ausgeschlossen sind. In Zahlen bedeutet das: Stehen weniger als 60 Prozent des bundesweit mittleren Nettohaushaltseinkommens zur Verfügung, gilt man in Deutschland als arm.
2012 lag das mittlere Einkommen für einen Einpersonenhaushalt bei etwa 20.000 Euro und mehr als 14 Prozent der deutschen Bevölkerung hatten ein Einkommen von weniger als 60 Prozent dieses Betrags zur Verfügung. Sie galten somit als arm (Spannagel 2015).
Doch diese einfache Definition der sogenannten relativen Armut berücksichtigt nicht, dass in Deutschland bedeutende regionale Unterschiede in Bezug auf Einkommen, Kaufkraft, Preisgefälle und auch das Rentenniveau vorherrschen. Eine aktuelle Erhebung des Hans-Böckler-Instituts (WSI Vergleichsmonitor 2016) geht unter anderem auf gravierende Veränderungen und das Ungleichgewicht bei Vermögen, Einkommen und auch das Thema Armut ein. So haben sich beispielsweise die Einkommensverhältnisse in Deutschland sehr unterschiedlich entwickelt. Im Jahr 2005 war die Einkommensungleichheit auf ihrem Höhepunkt, doch im Jahr 2012 wurde der Wert nochmals getoppt.
Lebensstandard im Durchschnitt
Der durchschnittliche Brutto-Jahresarbeitslohn für Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe und Dienstleistungen bei Vollzeit lag im Jahr 2014 immerhin bei 3.876,00 Euro brutto bzw. 1.924, Euro netto.
Doch wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt: je nach Wohnort benötigen Menschen mehr oder weniger Geld. Ein gutes Beispiel dafür ist die bayerische Landeshauptstadt München. Die Lebenshaltungskosten dort sind sehr hoch, die Stadt zählt zu den teuersten Standorten Deutschlands. Die Differenz zum günstigen Kreis Deutschlands in Tirschenreuth in der Oberpfalz liegt bei 37 Prozent. In Zahlen ausgedrückt heißt das, reichen einem Single in Tirschenreuth 818,00 Euro pro Monat um angemessen leben zu können, muss man in München dafür 1.106 Euro kalkulieren. Wobei selbst dieser Wert nicht mit den aktuellen Wohnraumkosten korrespondiert.
Die Nettokaltmieten für ein kleines Appartement mit ca. 32m² liegen zwischen 400,00 und 900,00 Euro – je nach Lage. Ein extremes Beispiel, das aufzeigt, wie unterschiedlich Lebenshaltungskosten und dadurch per se die Armutsgefährdung im Vergleich der Ost-West-Kreise sein kann. Bezogen auf das Vorsorgeverhalten für die Arbeitskraftabsicherung und die Rente muss die Frage gestellt werden, wie viel kann eine Person mit mittlerem Einkommen dafür investieren oder besser gesagt im Monat entbehren.
Kaufkraft in Stadt und Land
Berechnet man statt der üblichen Einkommensarmut die Kaufkraftarmut, halbieren sich die Ost-West-Unterschiede, zeigen die IW-Forscher: Die Armutsquote in Ostdeutschland sinkt von 19,9 auf 17,6 Prozent, während sich die westdeutsche Quote mit 14,8 Prozent gegenüber der Einkommensarmut (14,4 Prozent) leicht erhöht.
Sichtbar wird in den IW-Berechnungen auch ein starkes Stadt-Land-Gefälle: Ist die Quote der städtischen Gebiete bereits bei der Einkommensarmut um 4,7 Prozentpunkte höher als in ländlichen oder teilurbanen Regionen, beträgt der Unterschied bei der Kaufkraftarmut sogar 7,9 Prozentpunkte. Im Mittel kommen städtische Gebiete auf eine Kaufkraftarmutsquote von fast 22 Prozent. Grund dafür ist das hohe Preisniveau, zugleich sind die Einkommen ungleichmäßiger verteilt als auf dem Land, da es besonders viele Haushalte mit hohem Armutsrisiko wie Migranten und Alleinerziehende gibt.
Öffnet sich die soziale Schere in Deutschland oder nicht?
Wächst die Ungleichheit also tatsächlich und bremst dabei das Wachstum in Deutschland? Diese Fragestellung ist selbst unter Fachleuten nicht unumstritten. Auf der Grundlage eines umfassenden Fragenkatalogs hat die Hans-Böckler-Stiftung dazu die „FAQs Ungleichheit“ erarbeiten lassen. Wer sich damit genauer beschäftigen möchte, das neue Angebot findet sich im Verteilungsmonitor des WSI der Hans-Böckler-Stiftung.
Video auf FOCUS Online: „Die Ungleichheit wächst - und bremst Deutschlands Wachstum“
http://www.experten.de/2016/04/22/angst-vor-altersarmut/
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