Staatsfinanzen am Limit: Bund der Steuerzahler warnt vor wachsender Schuldenfalle

Veröffentlichung: 30.07.2025, 13:07 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Bundeshaushalt 2026: Der Bund der Steuerzahler (BdSt) schlägt Alarm: Die aktuelle Haushaltspolitik der Bundesregierung gefährde die fiskalische Stabilität Deutschlands nachhaltig. Anstatt Strukturreformen einzuleiten und reale Einsparungen vorzunehmen, setze die Bundesregierung weiterhin auf eine expansive Schuldenpolitik – mit potenziell dramatischen Langfristfolgen.

(PDF)
Es bräuchte eine Notbremse für Staatsfinanzen – keine strategielose Flucht in immer mehr Schulden, so der Bund der Steuerzahler zum Haushaltsplan der Bundesregierung.Es bräuchte eine Notbremse für Staatsfinanzen – keine strategielose Flucht in immer mehr Schulden, so der Bund der Steuerzahler zum Haushaltsplan der Bundesregierung.DALL-E

„Wir erleben eine immer krassere Schuldenpolitik – zugleich gibt es aber keine gleichwertigen Strukturreformen und Einsparungen im Bundeshaushalt“, kritisiert BdSt-Präsident Reiner Holznagel. Die steigenden Steuereinnahmen würden bereits durch höhere Zinslasten aufgezehrt, während neue Ausgaberekorde bevorstehen. „Die Schuldenoffensive der Regierung wird die fiskalische Resilienz Deutschlands massiv schwächen!“, so Holznagel.

Szenarien zeigen Verschuldung von 6.000 Milliarden Euro

Aktuelle Projektionen des Bundesfinanzministeriums bis 2041, die auch in die Haushaltsüberprüfung durch die EU-Kommission einfließen, zeichnen ein düsteres Bild: Demnach könnten die Staatsschulden auf über 6.000 Milliarden Euro anwachsen, was einer Schuldenquote von fast 90 Prozent entsprechen würde – deutlich über der Maastricht-Grenze. Gleichzeitig würden sich die jährlichen Zinsausgaben auf bis zu 200 Milliarden Euro summieren. Holznagel warnt vor einem „Teufelskreis aus immer höheren Schulden und Kreditfinanzierungskosten“, dem das Wirtschaftswachstum nicht standhalten könne.

Einsparversprechen ohne Substanz

Auch die angekündigten Sparmaßnahmen im Bundeshaushalt 2025 und 2026 kritisiert der BdSt als unzureichend und teils widersprüchlich. Zwei Drittel der Bundesverwaltung seien von Sparvorgaben ausgenommen, zugleich würden seit 2024 rund 8.000 neue Stellen geschaffen. Die Folge: steigende Personal- und Verwaltungsausgaben.

Bei den Finanzhilfen sei ebenfalls keine Konsolidierung erkennbar. Während die 20 größten Förderprogramme 2024 noch rund 25 Milliarden Euro umfassten, steige deren Volumen 2026 auf 44 Milliarden Euro. „Eine Rotstift-Politik ist nicht erkennbar – und deshalb überfällig“, so der Verband.

Sozialkassen werden weiter mit Schulden gestützt

Besondere Kritik übt der BdSt an der Kreditfinanzierung der Sozialversicherungen. Statt Reformen zu initiieren, gewähre der Bund Darlehen in Milliardenhöhe: 4,6 Milliarden Euro für die gesetzliche Krankenversicherung, 2 Milliarden für die Pflegeversicherung und 6,1 Milliarden für die Arbeitslosenversicherung – refinanziert über zusätzliche Staatsschulden. Diese Praxis sei „die teuerste Variante, strukturelle Probleme zu ignorieren“, heißt es vom BdSt. Auch der GKV-Spitzenverband übte scharfe Kritik daran (experten.de berichtete).

850 Milliarden Euro Neuverschuldung bis 2029 geplant

Die mittelfristige Finanzplanung des Bundes sehe laut BdSt weiterhin keine Konsolidierung vor. Bis 2029 plant die Bundesregierung mit einer Netto-Neuverschuldung von rund 850 Milliarden Euro – bei gleichzeitig steigenden Finanzierungslücken von insgesamt 190 Milliarden Euro. Neue Ausgabenversprechen seien damit nicht mehr vertretbar, so der Verband mit Verweis auf den Finanzierungsvorbehalt im Koalitionsvertrag.

Verteidigung auf Pump – ein kritischer Punkt

Auch bei der Finanzierung der Bundeswehr sieht der BdSt strukturelle Mängel: 70 Prozent der Verteidigungsausgaben sollen 2029 über Kredite abgedeckt werden. Das sei langfristig nicht tragbar. „Wir brauchen eine Strategie, um das Wehrbudget solide und hauptsächlich durch Steuereinnahmen zu finanzieren“, fordert Holznagel.

Forderung nach Konsolidierung und Reformen

Der BdSt-Präsident zieht ein klares Fazit: „Die Bundesregierung muss endlich auf einen Konsolidierungskurs umschwenken und für spürbare Strukturreformen sorgen. Wir brauchen eine Notbremse für Staatsfinanzen – keine strategielose Flucht in immer mehr Schulden!“ Die Politik müsse priorisieren, um insbesondere sicherzustellen, dass Kernaufgaben wie die Verteidigung aus eigener Kraft tragfähig finanziert bleiben.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Sondervermögen stößt auf breite Zustimmung in der Bevölkerung.Sondervermögen stößt auf breite Zustimmung in der Bevölkerung.pixabay
Studien

Mehrheit der Bevölkerung befürwortet gelockerte Schuldenbremse

Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigt: Die im Frühjahr beschlossene Lockerung der Schuldenbremse trifft auf breite Zustimmung in der Bevölkerung. Vor allem das geplante Sondervermögen für Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz überzeugt.
Reichstagsgebäude, Berlin / DeutschlandReichstagsgebäude, Berlin / DeutschlandDeutscher Bundestag Fotograf/in: Felix Zahn / photothek Bildnummer: 5019566
Politik

Rekordetat, Rekordschulden: Wie viel fiskalische Ausnahme verträgt das System?

Der Bundeshaushalt 2026 steht: 524,5 Mrd. € Ausgaben, 98 Mrd. € neue Schulden – und eine Schuldenbremse, die formal hält. Ein Etat zwischen sicherheitspolitischer Ausnahme und sozialpolitischer Kompensation.
Steigende Anleiherenditen sind ein Warnsignal für Deutschland.Steigende Anleiherenditen sind ein Warnsignal für Deutschland.Foto: Adobestock
Finanzen

Steigende Anleiherenditen: Deutschlands Schuldenpolitik wird teuer

Die Finanzmärkte reagieren sensibel auf wirtschafts- und fiskalpolitische Entscheidungen. Das zeigt sich aktuell in der Entwicklung der Renditen für zehnjährige Bundesanleihen, die in den letzten Wochen von 2,5 % auf 2,9 % gestiegen sind.
Bei einer Notbremse ist Missbrauch strafbar. Ob das auch für die Schuldenbremse gilt?Bei einer Notbremse ist Missbrauch strafbar. Ob das auch für die Schuldenbremse gilt?pvdv63 / pixabay
Politik

Schuldenbremse aufheben? Allianz Trade warnt vor fiskalischen Risiken und mahnt Reformen an

Die Diskussion um die Aufhebung der Schuldenbremse nimmt Fahrt auf. Doch welche Folgen hätte das für Deutschland? Eine neue Analyse von Allianz Trade beleuchtet die Auswirkungen auf Wirtschaft, Investitionen und Inflation. Zudem wird der Vorschlag einer „dynamischen Schuldenbremse“, wie ihn Bundesbank und Sachverständigenrat empfehlen, kritisch bewertet.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht