Nachfolgekrise im Mittelstand spitzt sich zu

Veröffentlichung: 25.07.2025, 14:07 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Die Unternehmensnachfolge entwickelt sich laut aktuellem Bericht der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zur größten strukturellen Herausforderung für den deutschen Mittelstand. Die Zahl der übergabebereiten Betriebe erreicht mit 9.636 im Jahr 2024 einen historischen Höchststand. Gleichzeitig sinkt die Zahl potenzieller Nachfolger. Immer mehr Unternehmer ziehen daher eine Schließung in Betracht – mit gravierenden Folgen für Wirtschaft, Regionen und Gesellschaft.

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Demografie, Unsicherheit und Bürokratie bremsen Übergaben aus

Die Ursachen für die wachsende Nachfolgelücke sind vielschichtig: Zwar führt die Altersstruktur zu einem erwartbaren Anstieg von Übergabewilligen – doch strukturelle Hemmnisse verstärken das Ungleichgewicht. Laut DIHK-Report sehen sich Unternehmen zunehmend mit wirtschaftlicher Unsicherheit, hohen Kosten, Überregulierung und Fachkräftemangel konfrontiert. Die anhaltende Konjunkturschwäche drückt zusätzlich auf die Investitionsbereitschaft.

Nach Angaben der DIHK ziehen 27 Prozent der 9.636 im Jahr 2024 beratenen Unternehmen eine Schließung in Erwägung. Laut DIHK-Bericht nennen 92 Prozent der beratenden IHKs die fehlende Nachfolge als Hauptursache für diesen Schritt.

Regionale Strukturen leiden

Insbesondere das Gastgewerbe, der Einzelhandel und das Verkehrsgewerbe leiden unter einem deutlichen Überhang an übergabewilligen Betrieben – teils viermal so viele Angebote wie Interessenten. Das trifft nicht nur die Unternehmer selbst, sondern auch Regionen: Leerstände, sinkende Nahversorgungsangebote und der Verlust sozialer Treffpunkte schwächen die Standortattraktivität ganzer Gemeinden. Duch Wegfall von Gewerbe mindern sich auch die Steuereinnahmen der Gemeinden und das führt zu fehlender Finanzierungssicherheit.

IHKs zeigen Wirkung – aber politischer Handlungsdruck bleibt hoch

Positiv ist: Das Interesse an einer Übernahme steigt – 2024 verzeichneten die IHKs rund 4.000 Nachfolgeinteressierte, fast 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders in der Industrie wächst das Interesse, sich über den Weg der Nachfolge unternehmerisch selbstständig zu machen. Erfolgreiche Formate wie Nachfolgezentralen, Nachfolgepools oder die Plattform „nexxt-change.org“ unterstützen den Prozess. Dennoch bleibt der strukturelle Rückstand deutlich

DIHK fordert: Unternehmensnachfolge entbürokratisieren, Unternehmertum fördern

Die DIHK leitet aus den gesammelten Beratungserfahrungen ein umfangreiches Maßnahmenpaket ab, das vor allem auf drei zentrale Handlungsfelder zielt:

  1. Bürokratieabbau und Vereinfachung der Nachfolgeprozesse:
    Eine zentrale Anlaufstelle für Nachfolgeverfahren, reduzierte Dokumentationspflichten sowie Bestandsschutzregelungen für übernommene Betriebe sollen Hürden senken – besonders im stark regulierten Gastgewerbe.
  1. Finanzielle Entlastung und steuerpolitische Impulse:
    Eine Senkung der Steuerlast auf Gewinne auf 25 Prozent sowie Erleichterungen bei der Erbschaft- und Schenkungsteuer sollen Übergaben attraktiver machen. Auch bei der Finanzierung sieht die DIHK Verbesserungsbedarf – insbesondere bei Bankkrediten und Eigenkapitalanforderungen.
  1. Stärkung der Nachfolgekultur und wirtschaftlichen Bildung:
    Unternehmertum soll früher im Bildungssystem verankert werden. Ziel ist es, die Unternehmensnachfolge als reale Karriereoption sichtbarer zu machen – auch für Frauen. Derzeit liegt ihr Anteil unter den Nachfolgeinteressierten nur bei rund einem Viertel.

Politische Impulse nötig

Die Unternehmensnachfolge ist längst keine Randthematik mehr, sondern eine zentrale Weichenstellung für die Zukunft des Mittelstands. Die aktuellen Zahlen machen deutlich: Ohne gezielte politische Impulse drohen Schließungen – auch von gesunden Unternehmen. Die DIHK benennt die Problemlagen mit Klarheit und bietet praxistaugliche Lösungsansätze. Ob die Politik rechtzeitig handelt, entscheidet maßgeblich über den Fortbestand tausender Betriebe – und damit über Arbeitsplätze, Innovationen und die wirtschaftliche Stabilität ganzer Regionen.

Den vollständigen Report zur Unternehmensnachfolge 2025 lesen Sie hier.

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