Aktuare kritisieren Vorschläge der Fokusgruppe

Veröffentlichung: 26.07.2023, 11:07 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Die DAV bemängelt den Abschlussbericht der Fokusgruppe private Altersvorsorge: Die Vorschläge konterkarieren zum Teil das Ziel privater Altersvorsorge und fördern Altersarmut. Insbesondere die Idee, die Rente mit zeitlich befristeten Auszahlungsplänen gleichzustellenden, würde den zentralen Kerngedanken von Altersvorsorge aufzugeben.

(PDF)
Red flag peakRed flag peakallvision – stock.adobe.com

„Die Ergebnisse der Fokusgruppe private Altersvorsorge verfolgen in einigen Punkten den richtigen Ansatz, dem Kernthema Lebensstandardsicherung im Alter werden sie aber nicht gerecht“, kommentiert Dr. Max Happacher, Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV), das Papier des vom Bundesministerium der Finanzen eingesetzten Gremiums. So kritisiert er etwa die Gleichstellung der Rente mit zeitlich befristeten Auszahlungsplänen und die Idee eines vollständigen Wegfalls von Garantien.​

Positiv hebt Happacher hervor, dass mit dem Ergebnispapier ein Bekenntnis zu mehr Reformwillen erfolgt, die Bedeutung der privaten Vorsorge für die Alterssicherung hervorgehoben und weiterhin eine sozial orientierte und vereinfachte staatliche Förderung angestrebt wird. Auch der Vorschlag, sich mit höheren Startrenten zu beschäftigen und so Spielraum in der Auszahlphase zu ermöglichen, hebt er hervor.

Dennoch merkt er aus aktuarieller Perspektive Kritikpunkte an: „Die Fokusgruppe betont, dass die nachhaltige Absicherung des Lebensstandards breiter Bevölkerungsgruppen das Ziel einer Reform der privaten Altersvorsorge sei. Die Vorschläge werden dem nur zum Teil gerecht beziehungsweise konterkarieren dieses Ziel sogar“, so Happacher.

Kompletter Garantieverzicht nicht sinnvoll

Für begrüßenswert hält der oberste Vertreter der deutschen Aktuarinnen und Aktuare die Bereitschaft, Chancen des Kapitalmarktes für eine renditestärkere Altersvorsorge zu nutzen. „Dazu gehört es auch, dass Garantieanforderungen abgesenkt und so Möglichkeiten für mehr Anlage in Sachwerten wie Aktien und Immobilien geschaffen werden“, erklärt Happacher.

Allerdings ist die Fokusgruppe aus DAV-Sicht über das Ziel hinausgeschossen, indem ein vollständiger Garantieverzicht für einzelne Produkte vorgeschlagen wird. „Auf Basis aktuarieller Erkenntnisse ist eine komplette Abkehr von der Garantie nicht notwendig und hier auch nicht zielführend. Sie dient immerhin als Sicherheitsnetz. Es sollte eine gesunde Abwägung zwischen Renditechancen und damit einhergehenden Risiken geben. Gerade für die relevanten Gruppen, bei denen es um die Vorbeugung von Altersarmut sowie Lebensstandardsicherung und nicht in erster Linie um Renditeoptimierung geht, ist eine risikoreiche Anlage ohne Sicherheitsnetz nicht die beste Lösung.“

Langfristinvestitionen in ökologischen Umbau gefährdet

Das Papier der Fokusgruppe hebt die Bedeutung des Wettbewerbs zwischen den Anbietern und von Wechselmöglichkeiten hervor. Eine maximale Flexibilität beim Anbieterwechsel in der Ansparphase kann nicht mit sehr langfristiger Anlagestrategie in Einklang gebracht werden. Happacher: „Gerade beim angestrebten ökologischen Umbau der Gesellschaft sind aber genau solche Langfristinvestitionen gefragt. Kapitalanleger müssen hierfür Planungssicherheit haben. Das beschränkt größtmögliche Wechsel-Flexibilität.“

Pläne zur Rente: „staatlich geförderte Altersarmut“

Der Hauptkritikpunkt der DAV betrifft die Gleichstellung der Rente mit zeitlich befristeten Auszahlungsplänen. Happacher führt hierzu aus: „Das würde bedeuten, den zentralen Kerngedanken von Altersvorsorge aufzugeben. Die Finanzierung der Lebenshaltungskosten zur Vermeidung von Altersarmut kann nur durch eine lebenslange Rente erreicht werden. Hierbei muss es sich um stabile Zahlungen handeln, die garantiert bis zum Lebensende laufen und nicht dann enden, wenn ein Vermögenstopf aufgebraucht ist. Bei allem Wunsch nach Wahloptionen: Die Vorschläge laufen darauf hinaus, dass viele Rentner – teilweise mit hohem Pflegebedarf – plötzlich kein Geld mehr haben, weil sie ein Auszahlungsmodell gewählt haben, das nicht lebenslang garantiert ist. Wenn das Modell der Rente in der privaten Altersvorsorge für die breite Bevölkerung untergraben wird, halten wir das für fahrlässig. Das käme staatlich geförderter Altersarmut gleich.“

Gesprächsangebot an die Politik

Die Vorschläge der Fokusgruppe sollen nun in den politischen Prozess überführt werden und noch in dieser Legislaturperiode zu Gesetzesvorhaben führen. „Reformen sind längst überfällig“, hält Happacher fest. Insgesamt sieht der DAV-Vorsitzende im weiteren Prozess noch deutlichen Handlungsbedarf, aber auch den nötigen Handlungsspielraum sowie auf Seiten der Politik angesichts des aktuellen Diskussionsstandes weitergehenden Beratungsbedarf.

„Wir Aktuarinnen und Aktuare der DAV stehen als neutrale Instanz bereit, unser versicherungsmathematisches Know-how in den anstehenden Prozess einzubringen. Wir können auf diesem Weg einen fairen Interessenausgleich aller Beteiligten erwirken, um die private Altersvorsorge nachhaltig auf solide Beine zu stellen. Ihren Wert kann man angesichts der demografischen Entwicklung nämlich nicht hoch genug einschätzen.“

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Money question signMoney question sign
Assekuranz

BVK-Kritik: Das Generationenkapital ist kein Allheilmittel um die Renten zu stärken

Der BVK kritisiert den Aufbau des Generationenkapitals mit Staatsschulden an den Aktienbörsen. Statt dessen sollten die Finanzierungsnöte durch einen Mix aus höherem Renteneintrittsalter und -beitragssatz und angepasster Rentenhöhe ausgeglichen werden. Flankierend dazu sollte eine durchgreifende Reform der privaten Altersvorsorge erfolgen.
Bei der privaten Altersvorsorge stehen für viele Verbraucher weiterhin Sicherheit und Kapitalerhalt im Vordergrund. Die Mehrheit bevorzugt Vorsorgelösungen mit Garantien statt reiner Kapitalmarktanlagen ohne Absicherung.Bei der privaten Altersvorsorge stehen für viele Verbraucher weiterhin Sicherheit und Kapitalerhalt im Vordergrund. Die Mehrheit bevorzugt Vorsorgelösungen mit Garantien statt reiner Kapitalmarktanlagen ohne Absicherung.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Altersvorsorge-Depot: Deutsche wollen Sicherheit statt Rendite

Die Politik setzt bei der Reform der privaten Altersvorsorge auf mehr Kapitalmarkt und höhere Renditechancen. Die Verbraucher sehen das offenbar differenzierter. Eine neue Studie von Sirius Campus und Aeiforia zeigt: Die Mehrheit der potenziellen Kunden wünscht sich weiterhin Garantien. Reine Aktienlösungen ohne Absicherung stoßen dagegen nur auf begrenztes Interesse.
Elderly couple planning on life insurance planElderly couple planning on life insurance plan
Finanzen

Warum nur eine lebenslange Rente vor Altersarmut schützt

Vielfach wird die Wahrscheinlichkeit, sehr alt zu werden, gravierend unterschätzt. Da ein großer Teil der Sicherung des Lebensstandards im Alter dazu dient, laufende Kosten zu decken, sind eine lebenslange Rente und der Risikoausgleich im Kollektiv unabdingbar.
Generationen-Frauen-179892628-AS-georgerudyGenerationen-Frauen-179892628-AS-georgerudygeorgerudy – stock.adobe.com
Finanzen

Rentenreform darf höhere Lebenserwartung nicht ignorieren

Die Deutsche Aktuarvereinigung unterstützt den aktuellen Vorschlag des Sachverständigenrates, den Renteneintritt an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Die Aktuare erkennen zudem auch großen Reform-Bedarf in den kapitalgedeckten Säulen 2 und 3 der Altersicherung.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht