EZB vor Dilemma um Zinserhöhung

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Eine DIW-Studie untersucht erstmals die Wirkung von EZB-Zinserhöhungen auf Heizkosten und Kraftstoffpreise und zeigt auf, dass die Heizpreise um 2 Prozent, Benzin und Diesel um 4 Prozent sinken würden. Ein steigender Wert des Euros würde insbesondere den Import von Öl verbilligen, allerdings auch die Industrieproduktion belasten.

Die seit Mitte vergangenen Jahres stetig steigende Inflation ist vor allem durch die Teuerung der Energiepreise getrieben. Verschärft hat diese Entwicklung der Krieg in der Ukraine. Nun könnte zwar die Europäische Zentralbank mit einer restriktiveren Geldpolitik versuchen, die Inflation zu dämpfen, doch hätte eine Zinserhöhung – zumindest indirekt – überhaupt einen Effekt, die Energiepreise für deutsche Unternehmen und Verbraucher*innen zu senken? Dieser Frage sind die Ökonomen Gökhan Ider, Alexander Kriwoluzky und Frederik Kurcz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nachgegangen.

Die Abbildung zeigt, dass eine Zinserhöhung die Energiepreise sehr viel stärker als den gesamtem Verbraucherpreisindex senkt. Anteile im deutschen Verbraucherpreisindex (rechts) und Veränderung der Preise in Prozent (links). © DIW Berlin

Mit einem Zeitreihenmodell können sie erstmals nachweisen, dass eine straffere Geldpolitik in normalen Zeiten eine statistisch signifikante Wirkung auf die Energiepreise hat. Eine Zinserhöhung, die die Rendite der einjährigen Bundesanleihen um 25 Basispunkte steigen lässt, reduziert den deutschen Verbraucherpreisindex im Modell um 0,2 Prozent. Deutlicher reagieren die Heiz- und Stromkosten in der Verbraucherpreis-Komponente „Wohnen“; sie sinken um rund 2 Prozent. Noch stärker macht sich die Zinserhöhung bei den Kraftstoffen wie Benzin und Diesel in der Komponente „Verkehr“ bemerkbar: Sie gehen um 4 Prozent zurück. Gökhan Ider sagt:

Wertet der Euro gegenüber dem US-Dollar auf, sinken die Verbraucherpreise für Kraftstoffe und Heizkosten in Deutschland signifikant.

Euro-Aufwertung verbilligt Energieimporte

Zwar beeinflusst die EZB mit ihrer Zinsentscheidung nicht wesentlich den Preis auf dem Weltmarkt für Öl und Gas, aber durchaus den Wert des Euro, der durch eine Zinserhöhung für Investoren attraktiver wird. Studienautor Gökhan Ider konstatiert:

Wertet der Euro gegenüber dem US-Dollar auf, sinken die Verbraucherpreise für Kraftstoffe und Heizkosten in Deutschland signifikant, weil ein großer Teil davon in US-Dollar gepreist wird.

Dies lässt sich an den unterschiedlichen Reaktionen des Gas- und des Heizölpreises ablesen: Weil der größte Anteil von Gas in Euro gehandelt wird, verbilligt sich dieses nach einer Zinserhöhung nur um ein Prozent, Heizöl gibt dagegen um fast 10 Prozent nach und kehrt erst nach zwei Jahren wieder auf seinen Ausgangswert zurück. Studienautor Frederik Kurcz sagt:

Mit der Zinserhöhung hätte die EZB demnach theoretisch ein wirkungsvolles Instrument in der Hand, die Preise im Euroraum etwas zu senken.

Dabei gilt es auch zu berücksichtigen, dass die Finanzmärkte bereits einen Zinsanstieg von 50 Basispunkten für die EZB in diesem Jahr eingepreist haben. Somit könnte sich eine Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar in dem Modell nur dann ergeben, wenn die EZB die Zinsen noch stärker als die bereits erwarteten 50 Basispunkte anhebt.

Negative Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft

Gleichzeitig würde eine Zinserhöhung aber auch die aktuell wegen der Corona-Pandemie und des Kriegs in der Ukraine ohnehin nur vor sich hin dümpelnde deutsche Wirtschaft zusätzlich bremsen: Wie vergangene restriktive geldpolitische Maßnahmen zeigen, die die Rendite einjähriger Bundesanleihen um 0,25 Prozentpunkte unerwartet steigen lassen, sinkt damit für wenige Monate die Industrieproduktion um zwei Prozent und steigt die Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte. Alexander Kriwoluzky, Leiter der Abteilung Makroökonomie im DIW Berlin, bringt es wie folgt auf den Punkt.

Die EZB steckt damit in einem Dilemma: Senkt sie die Inflation, bremst sie auch die wirtschaftliche Entwicklung.

Die 7 Prozent Inflation kann die EZB nicht ignorieren, aber sie muss eine schwierige Abwägung in ihren geldpolitischen Entscheidungen treffen, so Kriwoluzky abschließend.

Bild (2): © DIW Berlin