Hannover Rück erwartet Preissteigerungen in der Schaden-Rückversicherung

In der Vertragserneuerungsrunde zum 1. Januar 2021 rechnet die Hannover Rück mit spartenübergreifenden, deutlichen Preissteigerungen in der Schaden-Rückversicherung. Diese sind auf die Belastungen für Erst- und Rückversicherer, die sich aus der Covid-19-Pandemie, aus den abermals zurückgegangenen, niedrigen Zinsen sowie den Großschäden der vergangenen drei Jahre ergeben, zurückzuführen.

Neben einer generell höheren Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Rückversicherungsschutz fragen Erstversicherer auch vermehrt maßgeschneiderte Lösungen zur Solvenzentlastung nach. Hier kommen vor allem Rückversicherer mit besonders großer Risikotragfähigkeit und überdurchschnittlichem Rating zum Zuge.

Die Hannover Rück hat bei den zurückliegenden Erneuerungsrunden des Jahres 2020 teils Konditionsverbesserungen und Preissteigerungen erreicht. Insbesondere bei schadenbetroffenen Verträgen waren Preissteigerungen im überwiegend zweistelligen Prozentbereich zu verzeichnen. Allerdings sind auch diese aufgrund der niedrigen Zinsen nicht immer technisch ausreichend, sodass weitere Preiserhöhungen notwendig sind.

Die Covid-19-Pandemie wirkt sich in unterschiedlichem regionalen Ausmaß auf die weltweiten Rückversicherungsmärkte aus. Bis dato sind die größten Schäden aus Deckungen von Betriebsunterbrechungen, Warenkrediten und Veranstaltungsausfällen zu erwarten. Dabei ist die Bandbreite der möglichen Szenarien weiterhin zu groß für konkrete Prognosen. Zudem gelten viele staatliche Hilfsprogramme nur für einen begrenzten Zeitraum.

Vor diesem Hintergrund hat das Risikobewusstsein der Erstversicherer und damit der Wert von qualitativ hochwertigem Risikoschutz in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen.

Sven Althoff, im Vorstand der Hannover Rück zuständig für die Schaden-Rückversicherung, sagt:

„Covid-19 ist aus unserer Sicht ein ähnlich marktveränderndes Ereignis wie die Terroranschläge des 11. September 2001 oder die Hurrikane Katrina, Rita und Wilma im Jahr 2005. Das wahre Ausmaß der durch die Pandemie entstandenen Schäden wird erst langfristig erkennbar sein. Wir sehen die Covid-19-Pandemie als Katalysator für fundamentale Preis- und Konditionsanpassungen bei Erst- und Rückversicherern. Die Ausprägungen werden allerdings je nach Region und Sparte unterschiedlich sein.“

Im Einzelnen erwartet die Hannover Rück für die Erneuerungsrunde zum 1. Januar 2021 folgende Entwicklungen:

Europa

In Deutschland war das Geschäft im Verlauf des Jahres deutlich durch das Coronavirus mitbestimmt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und ihre Auswirkungen auf den Betrieb vieler Unternehmen sind vor allem im Bereich der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) zu spüren. Hier sind deutliche Schadenbelastungen in der Betriebsschließungsversicherung festzustellen. Dies gilt, wenn auch bisher weniger stark ausgeprägt, ebenfalls für den Bereich der Veranstaltungsausfallversicherung.

Zudem rechnet die Hannover Rück für das Jahr 2021 im Vergleich zu den vergangenen Jahren mit einem deutlich geringeren Wachstum im Erstversicherungsmarkt. Der pandemiebedingte Konjunktureinbruch wirkt sich dabei insbesondere im KMU-Segment aus. Die Einflüsse auf das Privatkundengeschäft sollten dagegen eher begrenzt sein.

Der Sanierungsbedarf in der Sachsparte in Gewerbe und Industrie verschärft sich durch die Schadenbelastung weiter. Eine Verbesserung der Rückversicherungskonditionen wird insbesondere bei schadenbelasteten Programmen erwartet.

In der Kraftfahrtversicherung zeichnet sich für das laufende Jahr eine Entlastung durch das zeitweise reduzierte Verkehrsaufkommen und entsprechend geringere Schäden ab. Da dies eher ein Einmaleffekt sein wird und für 2021 eine normalisierte Schadenbelastung mit unverändert steigenden Ersatzteil- und Reparaturkosten wahrscheinlich ist, haben Erst- und Rückversicherer kaum Spielraum für weitere Konditionsverbesserungen.

Das britische Motor-Geschäft, welches die Hannover Rück nichtproportional zeichnet, verzeichnete deutliche Preisanstiege. Hier hat die letztjährig vorgenommene Anpassung der Ogden-Raten, welche unterhalb der Erwartungen von Erst- und Rückversicherern lag, Korrekturen ausgelöst. Auch für das kommende Jahr sind deutliche Preisanstiege für das britische Motor-Geschäft zu erwarten.

In Frankreich sind im Erstversicherungsgeschäft Preissteigerungen zu erwarten. Grund dafür sind unter anderem die weiter rückläufigen Erträge aus den Kapitalanlagen sowie die anhaltende Schadenbelastung. Gleichzeitig unterstützt auch eine steigende Nachfrage nach Industrieversicherungsdeckungen. Dies sollte sich auch positiv auf die Entwicklung der Rückversicherungspreise auswirken. Zumal hier auch die Großschäden der vergangenen Jahre durch unter den Erwartungen liegende Abwicklungsergebnisse belasten.

Die Corona-Pandemie hat in den Märkten Zentral- und Osteuropas wie in vielen anderen Regionen auch die ohnehin herausfordernde wirtschaftliche Lage zusätzlich negativ beeinflusst – auch wenn aus dieser Region mit keinen oder nur geringen Covid-19-Schäden zu rechnen ist. Preiserhöhungen sind bei schadenbelasteten Verträgen und bei nicht-risikoadäquaten Programmen zu erwarten. Mittel- bis langfristig rechnet die Hannover Rück mit einer Erholung der Wirtschaft und höheren Wachstumsraten im Erstversicherungsgeschäft, um die Versorgungslücke zu schließen.

Nordamerika

Trotz der Unwägbarkeiten durch das Coronavirus und den daraus resultierenden ökonomischen Einschränkungen, entwickelt sich der Erstversicherungsmarkt in Nordamerika entwickelt weiterhin positiv. Alle Sparten weisen deutliche Ratensteigerungen auf – mit Ausnahme der Arbeiterunfallversicherung (Workers’ Compensation). Tornados, Hagelunwetter und Hurrikane haben im Jahresverlauf zu einer relativ hohen Anzahl von Schäden geführt. Nach den Feuerschäden in Kalifornien der vergangenen Jahre werden damit weitere Gebiete in Nordamerika Raten- und Konditionsanpassungen erfahren.

Sowohl in den Sach-, als auch in den Haftpflichtsparten sind deutliche Preissteigerungen oder präzisierte Deckungseinschränkungen die Regel.

Lateinamerika

In Folge der Gefahren aus Naturkatastrophen und sozialen Unruhen steigt in Lateinamerika die Nachfrage nach hochwertigem Risikoschutz. Das unterliegende Wachstum in einigen Ländern kombiniert mit dem Rückzug anderer Marktteilnehmer führt aktuell zu einer Verhärtung der Erst- und Rückversicherungskonditionen.

Auch weiterhin zeigen die einzelnen Länder Lateinamerikas eine stark zunehmende Nachfrage nach Versicherungen. Dies vor allem in den Bereichen rund um die Deckung von Kraftfahrzeugen, Produktionsanlagen und Immobilien.

Ebenfalls verzeichnet die Hannover Rück ein unverändert starkes Interesse an der Entwicklung von Deckungskonzepten auf der Basis von parametrischen Indizes. Parametrische Deckungen eignen sich insbesondere für Länder mit einer geringen Versicherungsdichte. Regierungen können mit Hilfe dieser Lösungen den Katastrophenschutz für ihre Bevölkerung verbessern.

Asiatisch-pazifischer Raum

Die Region Asien-Pazifik entwickelt sich zu einem der größten Versicherungsmärkte weltweit. Da die Versicherungsdichte noch immer geringer ist als in den weiter entwickelten Märkten, ist sowohl in der Schaden-Rückversicherung als auch im Bereich Gesundheit und Vorsorge mittel- und langfristig von deutlichen Zuwachsraten auszugehen. Davon werden auch Rückversicherer profitieren.

Die Hannover Rück hat ihre Präsenz in der Region in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut. Auch unterstützt sie ihre Kunden in dieser Wachstumsregion bei ihrer Entwicklung und den Herausforderungen der nächsten Jahre durch kapitalstützende Konzepte oder auch die Optimierung von Distribution und Ausgestaltung ihrer Produkte.

Für die anstehenden Erneuerungsrunden zum 1. Januar 2021 und 1. April 2021 in der Region Asien-Pazifik ist die Hannover Rück optimistisch, wenngleich sich die Preisveränderungen regionsabhängig je nach Schadenlast uneinheitlich gestalten sollten. Als Unsicherheitsfaktor sind hier die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zu berücksichtigen.

Naturkatastrophengeschäft

In den Jahren 2017 bis 2019, und damit drei Jahre in Folge, hat der Rückversicherungsmarkt große Verluste durch Naturkatastrophen erlitten. Dies hat sich sowohl auf traditionelle Rückversicherer als auch auf Akteure des ILS-Markts ausgewirkt. Obwohl in der ersten Hälfte des Jahres 2020 keine Großschäden aus Naturkatastrophen zu verzeichnen waren, stellen die globalen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie den bereits unter Druck geratenen Rückversicherungsmarkt vor weitere Herausforderungen.

Unter der Annahme, dass es keine weiteren marktverändernden Ereignisse gibt, erwartet die Hannover Rück für das Jahr 2021 folgende Entwicklungen in den einzelnen Märkten für Naturkatastrophenrisiken:

Nordamerika: Insgesamt haben die Raten für das US-Sachkatastrophengeschäft ein zufriedenstellendes Niveau erreicht. Da die USA jedoch für die meisten Rückversicherer ein Schwerpunktmarkt sind, erwartet die Hannover Rück einen anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Raten, insbesondere bei schadenbelasteten Programmen. Für 2021 wird ein weiter verbessertes Umfeld erwartet.

Europa: Da auch Europa derzeit im Mittelpunkt der Auswirkungen von Covid-19 auf den Erst- und Rückversicherungsmarkt steht, ist für 2021 eine materielle Verhärtung zu erwarten. Dies gilt insbesondere für die Programme, die erhebliche Schäden durch die Pandemie zu verzeichnen haben.

Japan: Nach den schweren Taifunen der Jahre 2018 und 2019 konnte die Hannover Rück bei den Erneuerungen zum 1. April bereits signifikante Preissteigerungen für japanische Rückversicherungsprogramme für Wind- und Hochwasserkatastrophen erzielen. Die großen Rückversicherer haben die jüngsten Ereignisse genutzt, um ihre Risikomodelle und damit ihre Einschätzung des japanischen Taifunrisikos und ihre Exponierungen zu adjustieren. Dies wird im Jahr 2021 voraussichtlich zu weiteren deutlichen Preiserhöhungen führen und dazu beitragen, eine technische Angemessenheit zu erreichen, die die Grundlage für die langfristige Unterstützung dieses Marktes durch die Rückversicherer darstellt.

Australien/Neuseeland: Aufgrund signifikanter und wiederholter Frequenzschäden in Australien in den vergangenen Jahren bestand eine erhebliche Notwendigkeit, im Jahr 2020 risikoadäquate Preise zu erzielen um Konditionsverbesserungen, insbesondere für Aggregatdeckungen und niedrige Haftungsabschnitte, zu erreichen. Für 2021 erwartet die Hannover Rück, dass sich dieser Trend für alle Naturkatastrophendeckungen fortsetzt.

Spezialgeschäft

Im vergangenen Jahr war der Transportmarkt von einer größeren Anzahl von Frequenzschäden betroffen. Auch als Folge der schlechten Ergebnisse der Vorjahre erhöhten die Versicherer die Preise. Beschleunigt wurde diese Entwicklung im ersten Halbjahr 2020 durch Covid-19-Einflüsse. In den unterjährigen Erneuerungen des Jahres machte sich bereits eine spürbare Verhärtung im Rückversicherungsmarkt bemerkbar.

In der Kredit- und Kautionsversicherung sowie im Bereich der politischen Risiken sind bisher trotz der weltweiten Rezession im Vergleich zu den Vorjahren nur leicht ansteigende Schadenquoten zu verzeichnen. In den kommenden Monaten ist aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Lage jedoch mit einem Anstieg der Schadenbelastung zu rechnen. Angesichts dessen sollten die Preise in der Erst- und Rückversicherung deutlich steigen.

In der landwirtschaftlichen Versicherung führt der zunehmende Bedarf an Agrarrohstoffen und Nahrungsmitteln sowie die Zunahme von extremen Wetterereignissen insbesondere in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu einer weiter steigenden Nachfrage nach entsprechenden Rückversicherungslösungen. Die Hannover Rück engagiert sich hier sowohl in der klassischen Rückversicherung als auch in verstärkter Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern bei der Entwicklung neuer Versicherungsinstrumente. Wachstumspotenzial bieten indexbasierte Produkte und parametrische Deckungen oder auch öffentlich-private Partnerschaften.

Ausblick

Die Hannover Rück erwartet, dass sich die zunehmende Dynamik von Preiserhöhungen der zurückliegenden Vertragserneuerungsrunden auch im kommenden Jahr fortsetzt. Zum 1. Januar 2021 ist von segmentübergreifend deutlich steigenden Preisen auszugehen. Ebenso sind spürbare Verbesserungen der Konditionen aufgrund der Auswirkungen der Pandemie und der damit einhergehenden hohen Unsicherheiten zu erwarten.

Das digitale Arbeiten hat an Akzeptanz und Bedeutung gewonnen, weswegen sich Cyberdeckungen, digitale Dienstleistungen und Produkte weiter durchsetzen und innovative Insurtechs einen Nachfrageschub verzeichnen werden. Die Hannover Rück setzt dabei auf die partnerschaftliche Zusammenarbeit bei der Entwicklung von digitalen Lösungen zusammen mit ihren Kunden sowie auf die Unterstützung von Insurtechs mit Know-how und Rückversicherungsdeckung.

Auch ist es nach wie vor nicht möglich, die konkreten Auswirkungen der Pandemie auf die Rückversicherungsmärkte und Kapitalanlagen präzise zu beziffern. Die Hannover Rück führt die entsprechenden Szenario-Berechnungen im Rahmen des Risikomanagements laufend durch und wird wieder Ergebnisziele nennen, sobald die zugrundeliegenden Wahrscheinlichkeiten belastbar genug sind.

 

Bild: © fewerton – stock.adobe.com

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