Der Mann als Altersvorsorge? Gender Pay Gap besteht weiterhin

In Deutschland existiert weiterhin eine unbereinigte Lohnlücke von 21 Prozent und zudem zeichnet sich immer stärker ab, dass Frauen zu wenig abgesichert sind. Dies zeigt eine gemeinsame Untersuchung von WeltSparen und der YouGov Deutschland GmbH.

Obwohl Deutschland international den 12. Platz bei der Gleichberechtigung belegt, schneidet die Bundesrepublik laut Analysen des Weltwirtschaftsforums gerade bei der wirtschaftlichen Partizipation und Chancengleichheit auf dem 36. Platz zwischen Myanmar und Kenya relativ schlecht ab.

Existiert eine Sparlücke?

Die Lohnlücke von 21 Prozent reduziert die finanzielle Leistungskraft von Frauen. Bei geringerem Einkommen wäre die logische Konsequenz, dass Frauen weniger sparen, investieren und vorsorgen können.

Für 42 Prozent der Befragten gibt es keine geschlechterspezifische Sparlücke (Gender Savings Gap). So verneinen 45 Prozent der befragten Männer und 39 Prozent der Frauen, dass Frauen weniger sparen können. 29 Prozent der Deutschen bestätigen die Sparlücke zwischen Mann und Frau. Genauso viele Studienteilnehmer konnten keine Angabe zum Thema machen.

Allerdings spiegeln die Ergebnisse der Befragung nicht die Lebensrealität wider. Denn allein das Einkommen von erwerbstätigen Frauen unterscheidet sich massiv von dem der Männer. So haben laut einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums nur 10 Prozent der Frauen gegenüber 42 Prozent der Männer zwischen 30 und 50 Jahren ein Nettoeinkommen über 2.000 Euro. Dementsprechend haben Frauen geringere finanzielle Möglichkeiten zur Existenzsicherung, Risikoabsicherung und Altersvorsorge.

Dr. Tamaz Georgadze dazu:

„Insgesamt zeigt sich anhand der Studie, dass den Deutschen das Bewusstsein für die geschlechterspezifische Sparlücke der Frauen und die Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt. Die Gründe für diese Sparlücke sind vielfältig und münden im Alter häufig in der Armut von Frauen. Das fehlende Bewusstsein ist erschreckend, gerade mit Blick auf die Zukunft vieler Frauen.“

Schlüsselfaktoren für Sparlücke bei Frauen

51 Prozent der Frauen und 39 Prozent der Männer fordern als wichtigste Gegenmaßnahme gegen die Sparlücke weniger Benachteiligung und bessere Unterstützung von Alleinerziehenden.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei einer gerechteren Aufteilung von Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen in der Familie ab. Hier sehen 40 Prozent der Frauen eine Lösung für die Sparlücke, aber nur ein Viertel der Männer.

Frauen sehen gerade bei den Herausforderungen im Alltag bessere Unterstützung als Gegenmittel zum Verringern der Sparlücke zwischen Mann und Frau an. Männer, die in dieser Beziehung mit Einsatz und Unterstützung gefordert wären, setzen dagegen andere Prioritäten zur Bekämpfung der Gender Savings Gap.

So sehen 45 Prozent der Männer als wichtigste Gegenmaßnahmen eine bessere Aufklärung zur Rentenlücke und Altersarmut. Für 41 Prozent ist es das Stärken von Finanzbildung von klein auf und für 38 Prozent ein höheres Bewusstsein für Sparen und Investieren.

Im Gegensatz dazu ist das höhere Bewusstsein nur für jede fünfte Befragte eine wichtige Gegenmaßnahme.

Grundsätzlich appellieren Männer anhand der Antworten stärker an die Eigenverantwortung und das Handeln der Frauen, um die Unterschiede im Sparverhalten und der Vorsorge zu reduzieren.

Ungleichheit auf politischer Ebene bekämpfen

Ein internationales Forscherteam fand heraus, dass Mütter in Deutschland zehn Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 61 Prozent weniger verdienen. Dieser Effekt wird von Wissenschaftlern „Child Penalty“ genannt und tritt bei deutschen Vätern nicht ein.

Denn Frauen reduzieren die Arbeitszeit oder treten zu Gunsten der Kinder aus dem Erwerbsleben aus. Auch, weil es häufig an einer Betreuungsmöglichkeit für den Nachwuchs mangelt. So bejaht ein Drittel der Studienteilnehmerinnen, dass eine bessere Kinderbetreuung eine wichtige Maßnahme zum Verringern der Sparlücke ist. Bei den befragten Männern sind es 26 Prozent.

Ehegattensplitting unerwünscht

Das Ehegattensplitting kann zu einem geringeren Nettoeinkommen von Frauen führen. Frauen sehen das Ehegattensplitting dementsprechend deutlich kritischer (36 Prozent) als Männer (23 Prozent). Dieser beliebte Steuervorteil für verheiratete Ehepaare kann sich langfristig negativ auf das Sparverhalten des Geringverdieners, dessen Rentenansprüche und weitere Sozialleistungen auswirken.

Weitere Ursachen: Berufswahl und Gehaltsverhandlung

Als Ursache für ein geringeres Einkommen von Frauen werden häufig die Berufswahl und schlechtere Verhandlungsfähigkeiten beim Gehalt herangezogen. Zur Gehaltsverhandlung gehören neben finanziellen Aspekten auch Aufstiegschancen ins Management und Weiterbildung. 39 Prozent der befragten Frauen denken, dass Mädchen und Frauen besser auf Gehaltsverhandlungen vorbereitet werden müssen. Diese Meinung teilen nur 29 Prozent der Männer. Die bessere Förderung von Kindern in meist besser bezahlten mathematisch-naturwissenschaftlichen Berufen befürworten nahezu gleichauf 23 Prozent aller Studienteilnehmer.

Dr. Tamaz Georgadze sagt:

„Die Studienergebnisse haben uns sehr überrascht. Wichtige Wechselwirkungen in Bezug auf eine drohende Altersarmut werden noch immer nicht erkannt. Trotz der lauten Forderungen nach mehr Gleichberechtigung, auch im Zuge der #Metoo-Bewegung und einem politisch erkennbaren Willen ist unsere Gesellschaft noch immer nicht bei einer echten Gleichstellung angekommen. Das Weltwirtschaftsforum erwartet, dass sich die Gender Gap im wirtschaftlichen Bereich erst in 202 Jahren schließt. Dabei ist wirtschaftliche Teilhabe und Absicherung für alle Menschen gleichermaßen essentiell.

Es sticht ins Auge, dass die Studienteilnehmerinnen mit ihren Gegenmaßnahmen zur Sparlücke sehr auf eine bessere Entlastung und Unterstützung bei Alltagsthemen fokussiert sind, während die Männer vor allem ein höheres Bewusstsein, bessere Aufklärung und Bildung fordern. Sind die Männer konkret mit Einsatz – beispielsweise bei der Familienarbeit oder Entlastung alleinerziehender Mütter – gefragt, identifizieren sie diese zusätzlichen Leistungen neben der Erwerbstätigkeit der Frauen weniger als Teil der Problemlösung.“

 

Bild: © Андрей Яланский / fotolia.com

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