KfW-Mittelstandspanel 2026: Warum der Mittelstand trotz solider Kapitalbasis kaum Kredite nachfragt
Der deutsche Mittelstand verfügt über eine vergleichsweise stabile Eigenkapitalausstattung, erwirtschaftet wieder höhere Gewinnmargen und bringt damit wesentliche Voraussetzungen für neue Investitionen mit. Dennoch bleibt die Investitionstätigkeit schwach, während die Bereitschaft zur Kreditaufnahme seit Jahren zurückgeht. Das KfW-Mittelstandspanel 2026 zeigt, dass die Finanzierung wirtschaftlichen Wachstums zunehmend an einer Frage scheitert, die sich mit günstigen Kreditangeboten allein kaum beantworten lässt: Warum sollten Unternehmen zusätzliche Verpflichtungen eingehen, wenn sie den wirtschaftlichen Ertrag ihrer Investitionen nur schwer kalkulieren können?
Der deutsche Mittelstand ist finanziell widerstandsfähiger, als es die schwache wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre zunächst vermuten lässt. Nach dem am 22. Oktober veröffentlichten KfW-Mittelstandspanel 2026 lag die durchschnittliche Eigenkapitalquote der Unternehmen im vergangenen Jahr bei 30,7 Prozent. Mehr als die Hälfte verfügt inzwischen über eine Eigenkapitalquote von über 30 Prozent, während der Anteil schwach kapitalisierter Betriebe deutlich zurückgegangen ist. Auch die Gewinnmargen haben sich verbessert, obwohl die Umsätze preisbereinigt erneut gesunken sind.
Eigentlich wären das günstige Voraussetzungen, um in neue Anlagen, digitale Prozesse oder zusätzliche Produktionskapazitäten zu investieren. Tatsächlich aber setzte nur ein Teil der Unternehmen entsprechende Vorhaben um, und noch weniger suchten dafür die Finanzierung durch eine Bank oder Sparkasse. Die KfW beschreibt damit eine Entwicklung, bei der nicht allein die verfügbaren Finanzierungsmittel knapp werden, sondern zunehmend die Bereitschaft fehlt, sie für langfristige Investitionen einzusetzen.
Die Kapitalbasis ist stabil, das Wachstum bleibt aus
Die Umsätze der rund 3,9 Millionen mittelständischen Unternehmen stiegen 2025 nominal um 1,5 Prozent auf 5,3 Billionen Euro. Preisbereinigt entspricht dies einem Rückgang um 1,5 Prozent. Gleichzeitig verbesserten sich die durchschnittlichen Gewinnmargen um 0,5 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent und erreichten damit wieder das Niveau vor der Corona-Pandemie.
Dass Unternehmen trotz rückläufiger realer Umsätze höhere Margen erzielen, deutet auf eine verbesserte Ertragslage hin, ohne dass daraus bereits eine entsprechende Wachstumsdynamik abgeleitet werden könnte. Die Betriebe können wirtschaftlich stabiler werden, während ihre tatsächliche Geschäftstätigkeit stagniert.
Auch bei der Eigenkapitalausstattung zeigt sich diese Widerstandsfähigkeit. Der Anteil der Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote unter zehn Prozent sank von mehr als 28 auf knapp 24 Prozent, während über 51 Prozent eine Quote von mehr als 30 Prozent erreichen.
Allerdings beschreibt dieser Durchschnitt keine einheitliche finanzielle Situation. Wie unterschiedlich die Spielräume innerhalb des Mittelstands verteilt sind, hatte bereits die Herbstuntersuchung von Creditreform gezeigt, über die experten.de berichtet hat. Beide Untersuchungen verwenden unterschiedliche Unternehmensabgrenzungen und Erhebungsverfahren; ihre Ergebnisse lassen sich deshalb nicht unmittelbar miteinander verrechnen.
Für die KfW steht zunächst fest, dass die finanzielle Ausgangslage vieler Unternehmen grundsätzlich Investitionen ermöglichen würde. Ob daraus tatsächlich neue Vorhaben entstehen, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Bilanz.
Nur jeder zehnte Mittelständler verhandelt über einen Kredit
Besonders deutlich wird die Zurückhaltung bei der Nachfrage nach Bankfinanzierungen. Lediglich zehn Prozent aller mittelständischen Unternehmen führten 2025 Kreditverhandlungen mit Banken oder Sparkassen. Selbst unter den Betrieben, die tatsächlich investierten, lag dieser Anteil nur bei 25 Prozent.
Die KfW stellt zugleich fest, dass die aufgenommenen Kreditverhandlungen überwiegend erfolgreich verliefen. Das geringe Interesse lässt sich somit nicht ausschließlich mit fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten erklären. Als häufigsten Grund für den Verzicht auf Bankkredite nennen die Unternehmen vielmehr ihre grundsätzliche Ablehnung zusätzlicher Verschuldung.
Wie tiefgreifend sich diese Haltung verändert hat, zeigt eine ergänzende KfW-Sonderbefragung vom Januar 2026. Danach würden nur noch 27 Prozent der Mittelständler grundsätzlich einen Bankkredit zur Investitionsfinanzierung in Betracht ziehen. Im Jahr 2017 waren es noch 66 Prozent.
Besonders ausgeprägt ist der Rückgang bei Kleinstunternehmen mit höchstens zehn Beschäftigten. Unter ihnen sank die Bereitschaft zur Kreditaufnahme von 69 Prozent im Jahr 2017 auf ebenfalls 27 Prozent. Bei größeren mittelständischen Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten blieb das Kreditinteresse dagegen vergleichsweise stabil und lag zuletzt bei 56 Prozent.
Damit verändert sich auch die Bedeutung der klassischen Unternehmensfinanzierung. Während größere Betriebe Bankkredite weiterhin als Instrument zur Umsetzung ihrer Investitionspläne nutzen, ziehen sich zahlreiche kleinere Unternehmen zunehmend aus dieser Finanzierungsform zurück. Die Gründe reichen von ausreichenden Eigenmitteln bis zur grundsätzlichen Absicht, zusätzliche finanzielle Verpflichtungen zu vermeiden.
Wenn ein Kreditangebot nicht mehr überzeugt
Allerdings wäre es zu einfach, die geringe Kreditnachfrage ausschließlich als Ausdruck unternehmerischer Vorsicht zu interpretieren. Die KfW beobachtete 2025 insbesondere bei Kleinstunternehmen einen deutlichen Anstieg der Fälle, in denen vorgelegte Kreditangebote von den Unternehmen selbst abgelehnt wurden.
Als mögliche Erklärung nennt die Förderbank erhöhte Anforderungen der Kreditinstitute angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die angebotenen Finanzierungen könnten deshalb aus Sicht der Unternehmen wirtschaftlich unattraktiv geworden sein.
Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen dem grundsätzlichen Zugang zu einem Kredit und seiner tatsächlichen Nutzbarkeit. Ein Unternehmen kann kreditwürdig sein und dennoch auf eine Finanzierung verzichten, wenn Zinssatz, Sicherheitenanforderungen oder Rückzahlungsverpflichtungen nicht in einem angemessenen Verhältnis zum erwarteten Ertrag stehen.
Für Banken und Sparkassen entsteht daraus eine anspruchsvolle Situation. Eine solide Eigenkapitalquote verbessert zwar die Bonität eines Unternehmens, führt aber nicht zwangsläufig zu zusätzlichem Kreditgeschäft. Zugleich können restriktivere Konditionen gerade jene Investitionsvorhaben verhindern, bei denen die wirtschaftlichen Erwartungen ohnehin mit größeren Unsicherheiten verbunden sind.
Investitionen werden verschoben, nicht grundsätzlich aufgegeben
Die Zurückhaltung zeigt sich auch bei den tatsächlich umgesetzten Vorhaben. Im Jahr 2025 investierten lediglich 40 Prozent aller mittelständischen Unternehmen. Die Neuinvestitionen beliefen sich auf 218 Milliarden Euro und lagen damit nominal um drei Milliarden Euro unter dem Vorjahreswert. Preisbereinigt betrug der Rückgang 3,7 Prozent.
Auch die Investitionsintensität blieb niedrig. Bei der Hälfte der investierenden Unternehmen erreichten die Investitionsausgaben höchstens 5,4 Prozent des Jahresumsatzes, während der langjährige Vergleichswert bei 6,5 Prozent liegt.
In einer zusätzlichen Befragung vom September 2026 berichteten zahlreiche Unternehmen, ursprünglich für das laufende Jahr geplante Investitionen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben zu haben. Als wesentliche Hindernisse nannten sie hohe Energie-, Material- und Lohnkosten, die unsichere wirtschaftliche Entwicklung, gesetzliche Vorgaben sowie die eigene Umsatzentwicklung.
Die Investitionsschwäche lässt sich damit nicht auf die Frage reduzieren, ob ausreichend Kapital vorhanden ist. Entscheidend bleibt, welchen wirtschaftlichen Nutzen ein Unternehmen von einer Investition erwartet und wie zuverlässig sich dieser unter den gegebenen Bedingungen abschätzen lässt.
Auf diesen Zusammenhang hatte experten.de bereits bei der Analyse der mittelständischen Ertragslage anhand von DSGV-Daten hingewiesen. Die aktuellen KfW-Ergebnisse ergänzen dieses Bild um die Finanzierungsentscheidung selbst: Nicht nur die erwartete Rendite, sondern auch die Bereitschaft, für deren Erwirtschaftung zusätzliche Schulden aufzunehmen, wird zu einer entscheidenden Größe.
Der Investitionsaufschwung beginnt vor dem Kreditgespräch
Für die wirtschaftliche Erholung ergibt sich daraus eine Schwierigkeit, die sich mit einer Ausweitung des Kreditangebots allein kaum beheben lässt. Wo Unternehmen zusätzliche Investitionen nicht für ausreichend rentabel halten oder ihre künftige Geschäftsentwicklung nur schwer einschätzen können, entsteht häufig gar keine entsprechende Kreditnachfrage.
Das bedeutet keineswegs, dass Finanzierungsbedingungen an Bedeutung verlieren. Gerade größere Investitionen in Digitalisierung, Produktionsanlagen und die energetische Transformation werden vielfach auf Fremdkapital angewiesen bleiben. Die KfW-Daten zeigen jedoch, dass sich die Investitionsentscheidung bei einem erheblichen Teil des Mittelstands bereits vor dem Kontakt mit einer Bank entscheidet.
Die stabile Eigenkapitalbasis bietet den Unternehmen die Möglichkeit, wirtschaftliche Unsicherheiten abzufedern und künftige Investitionen vorzubereiten. Solange sich aus dieser finanziellen Widerstandsfähigkeit aber keine verlässliche Erwartung zusätzlicher Erträge entwickelt, bleibt Kapital vor allem eine Absicherung gegen Risiken und weniger ein Instrument für neues Wachstum.
Der Mittelstand verfügt damit über einen Teil der Voraussetzungen für den Aufschwung. Ob er sie nutzt, entscheidet sich nicht allein an der Höhe seiner Reserven, sondern daran, ob sich deren Einsatz wieder lohnt.
Quelle: KfW Research, 2026.
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