Mittelstand 2026: Investitionen auf 20-Jahres-Tief – die finanzielle Substanz schwindet
Die deutsche Wirtschaft zeigt erste Anzeichen einer Erholung, doch im Mittelstand fehlt zunehmend die finanzielle Grundlage für neue Investitionen. Laut Creditreform planen nur noch 37,3 Prozent der Unternehmen Investitionen – so wenige wie seit 20 Jahren nicht mehr. Schwache Erträge, geringe Eigenkapitalreserven und steigende Kosten lassen den erhofften Aufschwung bislang nicht in den Unternehmen ankommen.
Die deutsche Wirtschaft könnte ihre lange Phase der Stagnation allmählich überwinden, doch ausgerechnet dort, wo ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung und Beschäftigung entsteht, bleibt die erhoffte Erholung aus. Der Mittelstand blickt zwar wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft, investiert aber so zurückhaltend wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Dahinter steht ein wirtschaftlicher Widerspruch, der sich mit besseren Konjunkturprognosen allein nicht auflösen lässt: Unternehmen können durchaus an eine Verbesserung ihrer Geschäftslage glauben, ohne über die finanziellen Voraussetzungen zu verfügen, um daraus neue Investitionen entstehen zu lassen.
Wie ausgeprägt diese Diskrepanz inzwischen ist, zeigt die Herbstuntersuchung 2026 der Creditreform Wirtschaftsforschung, für die 1.237 kleine und mittlere Unternehmen befragt wurden.
Investitionsbereitschaft sinkt auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren
Nur noch 37,3 Prozent der befragten Unternehmen planen ein Investitionsvorhaben. Im Vorjahr waren es 43,5 Prozent, im Jahr 2018 sogar 53,1 Prozent. Damit ist die Investitionsbereitschaft innerhalb eines Jahres um 6,2 Prozentpunkte gefallen und liegt auf dem niedrigsten Niveau der vergangenen 20 Jahre.
Besonders ausgeprägt ist die Zurückhaltung im Baugewerbe, wo lediglich 26,9 Prozent der Unternehmen investieren wollen, nachdem es im Vorjahr noch 41,4 Prozent gewesen waren. Im Handel liegt die Investitionsbereitschaft bei 31,0 Prozent. Selbst im Verarbeitenden Gewerbe, das bei den Auftragseingängen erste Verbesserungen verzeichnet, planen nur 42,3 Prozent neue Vorhaben.
Die Zahlen beschreiben zunächst eine sinkende Investitionsneigung, nicht zwangsläufig ein entsprechend geringeres Investitionsvolumen. Gleichwohl ist der Rückgang wirtschaftlich bedeutsam, weil Investitionen die Voraussetzung dafür schaffen, Produktionskapazitäten zu erweitern, technische Anlagen zu modernisieren und die Produktivität langfristig zu steigern.
Schwache Erträge erschweren den Aufbau von Eigenkapital
Die Investitionszurückhaltung trifft auf eine Unternehmenslandschaft, deren finanzielle Widerstandsfähigkeit durch die wirtschaftliche Schwäche der vergangenen Jahre belastet wurde.
35,2 Prozent der befragten Unternehmen verzeichneten zuletzt rückläufige Erträge, während lediglich 18,2 Prozent eine Verbesserung ihrer Ertragssituation meldeten. Besonders angespannt bleibt die Lage im Handel, wo nahezu jedes zweite Unternehmen, nämlich 48,9 Prozent, Ertragseinbußen hinnehmen musste.
Gleichzeitig verfügt ein Drittel der mittelständischen Unternehmen über eine Eigenkapitalquote von weniger als zehn Prozent. Insgesamt weisen 51,5 Prozent eine Eigenkapitalquote von höchstens 20 Prozent auf. Der Anteil der Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent ist dagegen innerhalb eines Jahres von 35,7 auf 33,0 Prozent gesunken.
Damit wird die Frage nach dem Aufschwung zunehmend auch zu einer Frage der finanziellen Substanz. Denn Eigenkapital erfüllt nicht nur die Funktion eines Sicherheitspuffers, sondern beeinflusst auch die Möglichkeiten der Kreditfinanzierung. Unternehmen, deren Eigenkapitalausstattung schwach ist, müssen bei der Finanzierung neuer Vorhaben unter Umständen höhere Anforderungen erfüllen oder ungünstigere Konditionen akzeptieren.
Die Creditreform-Untersuchung belegt allerdings keinen Anstieg der Unternehmensverschuldung. Sie enthält weder Angaben zur durchschnittlichen Höhe der Bankverbindlichkeiten noch zur Schuldendienstbelastung. Eine geringe Eigenkapitalquote ist deshalb nicht mit einer entsprechend hohen verzinslichen Verschuldung gleichzusetzen. Sie zeigt jedoch, dass die finanzielle Risikotragfähigkeit vieler Unternehmen begrenzt ist.
Höhere Preise ersetzen kein reales Wachstum
Hinzu kommt, dass die Umsatzentwicklung bislang keine tragfähige wirtschaftliche Erholung erkennen lässt. Jeweils 26,4 Prozent der Unternehmen meldeten steigende beziehungsweise sinkende Umsätze. Gleichzeitig erhöhten 43,5 Prozent ihre Angebotspreise, nachdem es im Vorjahr lediglich 27,9 Prozent gewesen waren.
Damit wird deutlich, weshalb steigende Umsätze nicht zwangsläufig eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage bedeuten. Werden höhere Erlöse vor allem durch Preissteigerungen erzielt, während Material-, Energie- und Personalkosten ebenfalls zunehmen, bleibt der zusätzliche finanzielle Spielraum begrenzt.
Die anhaltende Ertragsschwäche erschwert wiederum den Aufbau von Eigenkapital. Fehlen ausreichende einbehaltene Gewinne, müssen Investitionen stärker aus vorhandener Liquidität oder über Fremdkapital finanziert werden. Das kann insbesondere bei unsicheren Absatzperspektiven und höheren Finanzierungskosten dazu führen, dass Unternehmen geplante Vorhaben verschieben.
Es entsteht damit ein wirtschaftlicher Zusammenhang, der über die aktuelle Konjunkturschwäche hinausreicht: Wer wenig investiert, riskiert langfristig Produktivitätsnachteile, während eine schwache Ertragslage zugleich die Finanzierung jener Investitionen erschwert, die für eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit notwendig wären.
Mittelstand baut weiterhin Beschäftigung ab
Auch die Beschäftigungsentwicklung spricht bislang nicht für eine breite Erholung. Während 14,5 Prozent der befragten Unternehmen ihre Belegschaft vergrößerten, reduzierten 18,6 Prozent ihren Personalbestand. Damit überwiegt im Mittelstand bereits im dritten Jahr in Folge der Anteil der Unternehmen mit Stellenabbau.
Bemerkenswert ist dabei die Veränderung der Ursachen. Von den Unternehmen, die Beschäftigung abgebaut hatten, nannten 41,3 Prozent bewusste Umstrukturierungen als Grund. Zwei Jahre zuvor waren es lediglich 25,7 Prozent gewesen. Weitere 32,2 Prozent verwiesen auf eine schwache Auftragslage, während 33,9 Prozent für ausscheidende Beschäftigte keinen Ersatz gefunden hatten.
Der Personalabbau lässt sich folglich nicht mehr allein mit dem Fachkräftemangel erklären. Ein erheblicher Teil der Unternehmen reduziert seine Beschäftigung inzwischen gezielt, um Kostenstrukturen an die wirtschaftlichen Bedingungen anzupassen.
Bessere Erwartungen reichen für einen Aufschwung nicht aus
Der Creditreform-Geschäftsklimaindex ist im Herbst 2026 zwar von plus 0,1 auf plus 1,1 Punkte gestiegen, doch diese leichte Verbesserung beruht ausschließlich auf optimistischeren Erwartungen. Der Index der aktuellen Geschäftslage verschlechterte sich dagegen von minus 3,4 auf minus 4,0 Punkte.
Für die kommenden Monate rechnen 25,4 Prozent der Unternehmen mit steigenden Umsätzen, während 16,0 Prozent einen Rückgang erwarten. Bei den Erträgen bleibt das Bild allerdings negativ: 20,0 Prozent erwarten Verbesserungen, 26,2 Prozent dagegen Einbußen.
Die Diskrepanz zwischen Geschäftserwartungen und tatsächlicher Ertragsentwicklung erklärt einen wesentlichen Teil der Zurückhaltung. Unternehmen investieren nicht allein aufgrund positiver Prognosen, sondern benötigen verlässliche Absatzperspektiven, ausreichende Renditeerwartungen und eine Finanzierung, deren Kosten durch die erwarteten Erträge gedeckt werden können.
Staatliche Infrastrukturinvestitionen können zusätzliche Nachfrage auslösen und die Standortbedingungen verbessern. Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung entsteht, hängt jedoch auch davon ab, ob private Unternehmen wieder in die Lage versetzt werden, eigene Investitionen wirtschaftlich zu rechtfertigen und zu finanzieren.
Die Creditreform-Zahlen zeigen deshalb weniger einen Mittelstand, dem es grundsätzlich an Zukunftserwartungen fehlt, als vielmehr eine Wirtschaft, in der sich vorsichtiger Optimismus bislang nicht in entsprechender Investitionsbereitschaft niederschlägt. Solange schwache Erträge, geringe Eigenkapitalreserven und unsichere Finanzierungsperspektiven zusammenkommen, bleibt die konjunkturelle Erholung fragil.
Quelle: Creditreform Wirtschaftsforschung: Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand, Herbst 2026, veröffentlicht am 8. Oktober 2026. Befragung von 1.237 kleinen und mittleren Unternehmen.
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