Überschuldung im Alter: Warum viele finanzielle Notlagen unsichtbar bleiben
Fast jeder fünfte Mensch ab 65 Jahren gilt in Deutschland als armutsgefährdet. Dennoch sind ältere Menschen in der Schuldnerberatung deutlich unterrepräsentiert. Der Überschuldungsreport 2026 zeigt, wie selten Senioren professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und warum finanzielle Schwierigkeiten im Ruhestand leicht übersehen werden können.
Ältere Menschen suchen selten eine Schuldnerberatung auf
Finanzielle Schwierigkeiten verschwinden nicht mit dem Eintritt in den Ruhestand. Dennoch tauchen ältere Menschen in der Schuldnerberatung vergleichsweise selten auf. Wie der Überschuldungsreport 2026 des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff) zeigt, entfielen im Jahr 2025 lediglich rund 7,2 Prozent der auswertbaren Beratungsfälle auf Menschen ab 65 Jahren.
Dabei machten die 65- bis 69-Jährigen 3,75 Prozent und die mindestens 70-Jährigen weitere 3,49 Prozent der Ratsuchenden aus. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung sind ältere Menschen in den Beratungsstellen damit deutlich unterrepräsentiert.
Aus den geringen Beratungszahlen lässt sich allerdings nicht ableiten, dass finanzielle Notlagen im Alter entsprechend selten auftreten. Die Daten erfassen ausschließlich Menschen, die tatsächlich eine Schuldnerberatung in Anspruch nehmen. Wer trotz finanzieller Schwierigkeiten keine professionelle Unterstützung sucht, bleibt in dieser Statistik unberücksichtigt.
Fast jeder fünfte Senior ist armutsgefährdet
Wie angespannt die finanzielle Situation im Alter sein kann, verdeutlichen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Nach den endgültigen Ergebnissen der europäischen Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) waren 2025 insgesamt 19,5 Prozent der Menschen ab 65 Jahren armutsgefährdet.
Damit lag die Quote deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung von 16,1 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung verfügt. Für einen alleinlebenden Menschen lag diese Grenze bei 1.445 Euro netto im Monat.
Besonders ausgeprägt ist das Armutsrisiko bei älteren Frauen. Während 17,3 Prozent der Männer ab 65 Jahren als armutsgefährdet galten, waren es bei den Frauen 21,3 Prozent.
Ein wesentlicher Grund liegt in unterschiedlichen Erwerbsbiografien. Frauen waren und sind häufiger in Teilzeit beschäftigt, unterbrechen ihre Berufstätigkeit für Kindererziehung oder Pflege und erwerben dadurch oftmals geringere Rentenansprüche.
Armutsgefährdung ist allerdings nicht mit Überschuldung gleichzusetzen. Ein niedriges Einkommen führt nicht zwangsläufig zu offenen Forderungen oder Zahlungsunfähigkeit. Es kann jedoch den finanziellen Spielraum erheblich einschränken und Haushalte anfälliger für unerwartete Ausgaben machen.
Wenn die Rente kaum Spielraum lässt
Anders als während des Erwerbslebens bestehen im Ruhestand häufig nur begrenzte Möglichkeiten, das regelmäßige Einkommen deutlich zu erhöhen. Während Mieten, Energiepreise, Versicherungsbeiträge und andere Lebenshaltungskosten steigen können, bleibt das verfügbare Budget vieler Rentnerinnen und Rentner vergleichsweise starr.
Besonders problematisch wird dies, wenn bereits vor dem Renteneintritt finanzielle Verpflichtungen bestanden oder Rücklagen fehlen. Auch der Verlust des Partners kann die wirtschaftliche Situation erheblich verändern: Ein zuvor gemeinsam finanzierter Haushalt muss plötzlich mit weniger Einkommen auskommen, während zahlreiche Fixkosten bestehen bleiben.
Hinzu kommen mögliche gesundheitliche Einschränkungen und Pflegebedürftigkeit, die zusätzliche finanzielle Belastungen verursachen können.
Der Überschuldungsreport verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung langfristig niedriger Einkommen und unsteter Erwerbsbiografien. Wer bereits während des Berufslebens kaum finanzielle Reserven aufbauen konnte, hat häufig auch im Alter nur begrenzte Möglichkeiten, wirtschaftliche Belastungen auszugleichen.
Schuldnerberatung wird im Alter anders genutzt
Auch bei den Ergebnissen der Schuldnerberatung zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen.
Bei den Ratsuchenden ab 65 Jahren endeten 2025 rund 27,5 Prozent der ausgewerteten Beratungsfälle mit einer reinen Schuldnerberatung, ohne dass eine weitergehende Schuldenregulierung als Ergebnis erfasst wurde. Bei den 18- bis 24-Jährigen lag dieser Anteil lediglich bei rund 14,9 Prozent.
Gleichzeitig mündeten bei den älteren Ratsuchenden 38,5 Prozent der Fälle in die Einleitung oder Begleitung eines Insolvenzverfahrens. Weitere 14,2 Prozent endeten mit einer erfolgreichen teilweisen oder vollständigen Schuldenregulierung.
Die Zahlen zeigen, dass auch im höheren Alter unterschiedliche Wege zur Bewältigung finanzieller Schwierigkeiten erforderlich sind. Während in manchen Fällen eine Beratung und die Klärung der finanziellen Situation im Vordergrund stehen, ist in anderen eine umfassendere Schuldenregulierung notwendig.
Dass ältere Menschen insgesamt seltener Beratungsstellen aufsuchen, wirft zugleich die Frage auf, ob bestehende Unterstützungsangebote diese Altersgruppe ausreichend erreichen.
Altersarmut und Überschuldung sind unterschiedliche Probleme
Die geringe Inanspruchnahme von Schuldnerberatung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass finanzielle Einschränkungen im Alter weit verbreitet sein können.
Allerdings zeigt die amtliche Statistik auch ein differenziertes Bild: Obwohl ältere Menschen überdurchschnittlich häufig armutsgefährdet sind, waren 2025 lediglich 3,7 Prozent der Menschen ab 65 Jahren von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen. In der Gesamtbevölkerung lag dieser Anteil bei 5,6 Prozent.
Damit wird deutlich, dass ein niedriges Einkommen nicht automatisch mit einer akuten finanziellen Notlage oder dauerhaften Zahlungsunfähigkeit gleichgesetzt werden kann.
Für die Bewertung von Überschuldungsrisiken müssen deshalb mehrere Faktoren berücksichtigt werden: die Höhe des verfügbaren Einkommens, vorhandenes Vermögen, laufende Verpflichtungen und die Möglichkeit, unerwartete Belastungen aufzufangen.
Finanzielle Vorsorge wird zur gesellschaftlichen Herausforderung
Der Überschuldungsreport 2026 richtet den Blick auch auf die künftige Entwicklung der Alterssicherung. Angesichts des demografischen Wandels und der politischen Reformen gewinnt die individuelle finanzielle Vorsorge weiter an Bedeutung.
Das iff weist darauf hin, dass insbesondere Menschen mit niedrigen Einkommen, unterbrochenen Erwerbsbiografien oder bestehenden finanziellen Belastungen Schwierigkeiten haben können, eine ausreichende Altersabsicherung aufzubauen.
Damit stellt sich nicht nur die Frage, wie Menschen während ihres Erwerbslebens vor Überschuldung geschützt werden können. Ebenso wichtig ist, wie finanzielle Stabilität über den Übergang in den Ruhestand hinaus erhalten bleibt.
Die Ergebnisse zeigen zugleich eine Herausforderung für die Schuldnerberatung: Wenn ältere Menschen bestehende Angebote vergleichsweise selten nutzen, kommt es darauf an, finanzielle Notlagen frühzeitig zu erkennen und Unterstützung so zugänglich zu machen, dass sie auch im höheren Lebensalter tatsächlich in Anspruch genommen werden kann.
experten.de-Serie: Überschuldung in Deutschland
Mit diesem Beitrag endet unsere fünfteilige experten.de-Serie zum Überschuldungsreport 2026. Zum Auftakt haben wir untersucht, welche neuen Regeln ab November für Verbraucherkredite gelten und wie die Reform den Schutz vor Überschuldung stärken soll. Anschließend standen die Gesamtentwicklung der Überschuldung und Krankheit als häufigster Auslöser finanzieller Notlagen im Mittelpunkt.
Im dritten Teil haben wir beleuchtet, warum junge Erwachsene in finanzielle Schwierigkeiten geraten und welche Rolle Arbeitslosigkeit, Konsumverhalten und digitale Zahlungsangebote dabei spielen. Der vierte Beitrag widmete sich Alleinerziehenden, die insbesondere mit mehreren Kindern überproportional häufig in der Schuldnerberatung vertreten sind.
Zum Abschluss zeigt der Blick auf ältere Menschen, dass Überschuldung und finanzielle Verwundbarkeit je nach Lebensphase unterschiedliche Formen annehmen können. Die Ergebnisse der Serie verdeutlichen damit vor allem eines: Überschuldung lässt sich nicht auf individuelles Konsumverhalten reduzieren. Häufig sind es persönliche Krisen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und fehlende finanzielle Spielräume, die Menschen dauerhaft in Schwierigkeiten bringen.
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