Altersvorsorgedepot aktuell: Trade Republic setzt auf Nulltarif – Versicherer geraten unter Preisdruck
Trade Republic kündigt ein Altersvorsorgedepot ohne Depot- und Sparplangebühren an und will bei ausgewählten ETFs auch die laufenden Fondskosten erstatten. Scalable Capital verfolgt ein ähnliches Modell. Noch bevor die neue staatlich geförderte Altersvorsorge 2027 startet, verändert sich damit der Wettbewerb um Kosten, Beratung und langfristige Vorsorgeleistungen.
Die private Altersvorsorge galt lange als ein Geschäft, bei dem staatliche Förderung, Kapitalanlage und Versicherungsschutz in einem Produkt zusammengeführt wurden. Wer für das Alter sparen wollte, musste deshalb häufig auch für Garantien, Verwaltung und Vertrieb bezahlen, selbst wenn er vor allem am Kapitalmarkt investieren wollte. Mit dem neuen Altersvorsorgedepot wird diese Verbindung aufgebrochen. Und noch bevor das Produkt auf den Markt kommt, setzen die ersten Anbieter die Preise unter Druck.
Trade Republic hat am 13. Oktober angekündigt, das ab Januar 2027 vorgesehene Altersvorsorgedepot ohne laufende Depot- und Sparplangebühren anzubieten. Bei ausgewählten ETFs sollen darüber hinaus die Fondskosten erstattet werden. Bereits vier Tage zuvor hatte Scalable Capital ein vergleichbares Angebot vorgestellt.
Damit beginnt der Wettbewerb um die neue staatlich geförderte Altersvorsorge nicht erst mit der Einführung des Produkts. Er beginnt mit der Frage, wie viel die reine Verwaltung langfristiger Kapitalanlagen überhaupt noch kosten muss.
Trade Republic will auch ETF-Kosten erstatten
Nach der Ankündigung von Trade Republic sollen weder für die Depotführung noch für die regelmäßige Ausführung von Sparplänen Gebühren anfallen. Bei mehreren Dutzend ausgewählten ETFs von BlackRock, DWS und Vanguard will der Neobroker zusätzlich die laufenden Produktkosten erstatten und die entsprechenden Beträge monatlich wieder anlegen.
Der Unterschied ist wesentlich. Während kostenlose Sparpläne im Wertpapiergeschäft längst verbreitet sind, gehen die Neobroker mit der Erstattung der laufenden Fondskosten einen Schritt weiter. Sie reduzieren damit auch Kosten, die bislang unabhängig von der Depotführung unmittelbar im Fondsvermögen anfallen.
Allerdings gilt das Angebot nicht für sämtliche Anlageprodukte. Die Erstattung beschränkt sich auf eine ausgewählte Fondspalette und beruht auf den Konditionen des jeweiligen Anbieters. Trade Republic stellt eine langfristige Kostenfreiheit in Aussicht. Welche Ansprüche sich daraus für die gesamte Vertragslaufzeit ergeben, wird von den konkreten Vertragsbedingungen abhängen.
Für die Altersvorsorge ist diese Unterscheidung besonders wichtig, weil die Kostenbelastung nicht nur in den ersten Sparjahren, sondern über die gesamte Vertragslaufzeit betrachtet werden muss.
Scalable Capital verfolgt eine ähnliche Strategie
Dass es sich nicht um eine isolierte Preisoffensive handelt, zeigt die Ankündigung von Scalable Capital vom 9. Oktober. Auch das Münchner Unternehmen will ein gebührenfreies Altersvorsorgedepot für Selbstentscheider anbieten und über einen sogenannten Rentenbonus die laufenden Kosten ausgewählter ETFs erstatten.
Daneben ist ein Standarddepot vorgesehen, bei dem die Kapitalanlage über eine vorgegebene Aufteilung zwischen Aktien- und Anleihenanlagen gesteuert wird. Auch Trade Republic will eine kostenlose Variante für das Standarddepot anbieten.
Der Wettbewerb reicht damit bereits über die Gebühren hinaus. Während sich Selbstentscheider ihre Kapitalanlage eigenständig zusammenstellen können, sollen standardisierte Modelle auch Kunden erreichen, die ihre Altersvorsorge nicht selbst verwalten möchten.
Für beide Neobroker ist die Altersvorsorge zugleich Teil einer umfassenderen Kundenbeziehung. Ein über Jahrzehnte geführtes Depot bindet Vermögen und schafft Möglichkeiten, weitere Finanzdienstleistungen anzubieten. Gebührenfreiheit bei einzelnen Leistungen bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass auf eine wirtschaftliche Verwertung der Kundenbeziehung verzichtet wird.
Staatliche Zulagen schaffen einen neuen Vorsorgemarkt
Die Reform der privaten Altersvorsorge soll ab 2027 den Zugang zu staatlich geförderten Kapitalmarktanlagen erleichtern. Vorgesehen ist eine Grundzulage von 50 Prozent auf die ersten 360 Euro jährlicher Eigenbeiträge. Für weitere Einzahlungen bis zu insgesamt 1.800 Euro beträgt die Förderung 25 Prozent.
Daraus ergibt sich eine maximale Grundzulage von 540 Euro jährlich. Hinzukommen können Kinderzulagen von bis zu 300 Euro pro Kind und ein einmaliger Berufseinsteigerbonus von 200 Euro.
Entscheidend ist allerdings nicht allein die Höhe der Förderung, sondern die Möglichkeit, im Altersvorsorgedepot auf eine Kapitalgarantie zu verzichten. Dadurch kann ein größerer Anteil der Beiträge langfristig am Kapitalmarkt investiert werden, ohne dass der Anbieter eine bestimmte Mindestleistung absichern muss.
Die höheren Renditechancen gehen mit entsprechenden Risiken einher. Insbesondere kurz vor Beginn der Auszahlungsphase können Kursverluste erhebliche Auswirkungen auf das verfügbare Vorsorgevermögen haben.
Für Versicherer verschiebt sich der Wettbewerb
Für die Versicherungswirtschaft verändert sich damit die Grundlage, auf der sich private Altersvorsorgeprodukte vergleichen lassen.
Wenn die Kapitalanlage über ein gefördertes Depot nahezu ohne Verwaltungsgebühren angeboten wird, müssen zusätzliche Kosten eines Versicherungsvertrags durch entsprechende Leistungen begründet werden. Das betrifft insbesondere Garantien, die Übernahme biometrischer Risiken und die Organisation einer lebenslangen Rentenzahlung.
Dabei darf der Unterschied zwischen Kapitalaufbau und Altersversorgung nicht übersehen werden. Ein Depot kann über Jahrzehnte Vermögen aufbauen und später planmäßige Entnahmen ermöglichen. Es übernimmt damit aber nicht automatisch das Langlebigkeitsrisiko, also die finanzielle Absicherung für den Fall, dass das angesparte Kapital bei sehr hoher Lebenserwartung nicht ausreicht.
Eine lebenslange Rentenversicherung kann dieses Risiko kollektiv absichern. Diese Leistung hat einen wirtschaftlichen Wert, verursacht allerdings auch Kosten und kann die Flexibilität der Kapitalanlage einschränken.
Der Wettbewerb wird sich deshalb nicht ausschließlich daran entscheiden, welcher Anbieter das günstigste Depot bereitstellt. Maßgeblich wird auch sein, welche Form der Absicherung Kunden für ihre spätere Lebensphase benötigen und welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit sind.
Vermittler müssen Kosten und Leistungen getrennt betrachten
Für Finanz- und Versicherungsvermittler wird die Beratung damit anspruchsvoller. Der Vergleich zwischen einem kostengünstigen Altersvorsorgedepot und einem Versicherungsprodukt lässt sich weder auf die jährlichen Gebühren noch auf eine prognostizierte Rendite reduzieren.
Neben den Anlagekosten gehören insbesondere Risikotragfähigkeit, Garantien, steuerliche Behandlung und die Gestaltung der Auszahlungsphase in die Bewertung. Auch bestehende Riester-Verträge sollten nicht allein aufgrund neuer Gebührenmodelle aufgegeben werden, weil vorhandene Garantien und Förderansprüche einen erheblichen wirtschaftlichen Wert besitzen können.
Die angekündigten Angebote von Trade Republic und Scalable Capital zeigen bereits vor dem Start der Reform, wie stark sich die Preisbildung in der privaten Altersvorsorge verändern könnte. Die reine Kapitalanlage wird zunehmend als standardisierte, kostengünstige Dienstleistung angeboten. Für Versicherer und Banken entsteht damit ein Wettbewerb, in dem nicht mehr das Vorsorgeprodukt als Ganzes den Preis rechtfertigen muss, sondern jede zusätzliche Leistung ihren eigenen wirtschaftlichen Nutzen erkennen lassen sollte.
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