Aktive ETFs boomen – doch Anleger bleiben passiv
Aktive ETFs gewinnen bei den Produktneuheiten deutlich an Bedeutung. Nach einer aktuellen Untersuchung des Fondsverbands BVI werden bereits 37 Prozent der neu aufgelegten ETFs aktiv gemanagt. Beim verwalteten Vermögen dominieren dagegen weiterhin passive Produkte. Warum klaffen Produktangebot und Anlegergelder so weit auseinander?
Der ETF-Markt verändert sich. Während börsengehandelte Fonds lange vor allem als kostengünstige Instrumente zur passiven Indexnachbildung galten, wächst inzwischen das Angebot aktiv gemanagter Produkte. Das zeigt der dritte Teil einer Research-Serie des deutschen Fondsverbands BVI zum deutschen ETF-Markt.
Nach den aktuellen Zahlen sind bereits 37 Prozent der neu aufgelegten ETFs aktiv gemanagt. Gemessen am verwalteten Vermögen bleibt ihre Bedeutung allerdings gering: Von den insgesamt 697 Milliarden Euro, die deutsche Anleger Ende Juni 2026 in ETFs hielten, entfielen lediglich 16,6 Milliarden Euro auf aktive Produkte. Das entspricht einem Marktanteil von 2,4 Prozent. Die übrigen 97,6 Prozent des ETF-Vermögens stecken weiterhin in passiv verwalteten Fonds. Die Entwicklung zeigt damit eine deutliche Diskrepanz zwischen dem wachsenden Produktangebot und der tatsächlichen Verteilung des Anlegerkapitals.
Viele neue Produkte, noch wenig Anlegergeld
Ein Grund für den geringen Vermögensanteil dürfte im jungen Alter des Marktsegments liegen. Laut BVI sind mehr als 40 Prozent der aktiven ETFs auf dem deutschen Markt nicht älter als zwölf Monate. Viele Produkte hatten somit bislang nur wenig Zeit, größere Anlegergelder einzusammeln. Das starke Wachstum bei den Neuauflagen bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, dass Anleger bereits in großem Umfang von passiven zu aktiven Strategien wechseln. Es zeigt zunächst vor allem, dass Fondsgesellschaften dem Segment erhebliche Wachstumschancen zutrauen. Ob sich die zahlreichen neuen Produkte langfristig durchsetzen, wird davon abhängen, ob sie Anleger mit ihren Strategien, Ergebnissen und Kosten überzeugen können.
Aktienstrategien dominieren auch bei aktiven ETFs
Innerhalb des aktiven ETF-Segments entfällt der größte Teil des Vermögens auf Aktienprodukte. Nach den BVI-Daten verwalten aktive Aktien-ETFs rund 11,2 Milliarden Euro. Das entspricht 67,8 Prozent des aktiven ETF-Vermögens. Aktive Anleihe-ETFs kommen auf 2,7 Milliarden Euro beziehungsweise 16,5 Prozent. Weitere 1,1 Milliarden Euro entfallen auf Geldmarktstrategien. Die Verteilung zeigt, dass aktive ETFs bislang vor allem als Instrument für die Aktienanlage genutzt werden. Dabei ist der Begriff „aktiv“ allerdings weit gefasst. Nicht jedes aktiv gemanagte ETF-Portfolio unterscheidet sich grundlegend von einem bekannten Aktienindex.
Aktiv gemanagt – aber oft nah am Index
Ein Teil der aktiven ETFs verfolgt Strategien, die sich weiterhin eng an etablierten Vergleichsindizes orientieren. Bei sogenannten Research-Enhanced-Ansätzen bildet ein bekannter Index häufig den Ausgangspunkt. Das Fondsmanagement verändert einzelne Gewichtungen oder schließt bestimmte Titel aus, um gegenüber der Benchmark einen Mehrertrag zu erzielen. Die Abweichungen können dabei vergleichsweise gering bleiben. Damit unterscheiden sich solche Produkte von klassischen aktiven Aktienfonds, deren Management deutlich größere Freiheiten bei der Auswahl und Gewichtung von Wertpapieren nutzen kann. Für Anleger ist deshalb weniger die Bezeichnung „aktiv“ entscheidend als die konkrete Anlagestrategie. Ein aktiver ETF kann einem Index sehr ähnlich sein – oder bewusst stärker davon abweichen. Mit der jeweiligen Strategie verändern sich auch die Chancen und Risiken gegenüber einem passiven Vergleichsprodukt.
Kosten bleiben ein entscheidender Faktor
Ein wesentliches Verkaufsargument klassischer ETFs sind ihre niedrigen laufenden Kosten. Aktive ETFs müssen dagegen zusätzlich den Aufwand für Anlageentscheidungen, Analysen und Portfoliosteuerung abdecken. Nach den BVI-Angaben liegen die laufenden Kosten aktiver ETFs im Durchschnitt bei rund 20 Basispunkten beziehungsweise 0,2 Prozent pro Jahr. Damit positionieren sich viele Produkte preislich zwischen besonders günstigen passiven Standard-ETFs und klassischen aktiv verwalteten Investmentfonds. Allerdings ist ein Durchschnittswert nur begrenzt aussagekräftig. Je nach Strategie und Anbieter können die tatsächlichen Kosten deutlich variieren. Für den Vergleich kommt es deshalb auf die Kosten des konkreten Produkts an – und darauf, welchen zusätzlichen Nutzen die aktive Strategie gegenüber einem geeigneten passiven ETF bieten soll.
Altersvorsorgedepot könnte dem Segment neue Impulse geben
Zusätzliche Wachstumschancen sieht der BVI im geplanten Altersvorsorgedepot. Börsengehandelte Fonds könnten dort eine größere Rolle spielen, weil sie sich für langfristige, fondsbasierte Sparprozesse eignen. Davon könnten auch aktiv gemanagte ETF-Strategien profitieren. Ob und in welchem Umfang sich dieser Effekt tatsächlich einstellt, bleibt jedoch abzuwarten. Entscheidend werden die endgültigen Rahmenbedingungen sowie die Produktangebote der Anbieter sein. Schon jetzt zeigt sich aber, dass Fondsgesellschaften den ETF zunehmend nicht mehr nur als Verpackung für passive Indexstrategien verstehen.
Für Vermittler zählt die Strategie hinter dem Kürzel
Für die Anlageberatung gewinnt damit eine Unterscheidung an Bedeutung, die früher weniger relevant war: ETF bedeutet nicht automatisch passiv. Wer einen aktiven ETF empfiehlt oder mit einem klassischen Indexfonds vergleicht, sollte prüfen, wie weit das Management von seiner Benchmark abweichen darf, welche Mehrertragsziele verfolgt werden und welche Kosten dafür anfallen.
Auch die Frage, ob die Strategie tatsächlich einen eigenständigen Beitrag zur Diversifikation eines Portfolios leistet, bleibt entscheidend. Der BVI-Befund zeigt vor allem eines: Das Angebot aktiver ETFs wächst erheblich schneller als ihr bisheriger Anteil am Anlegervermögen.
Quelle: BVI Research zum deutschen ETF-Markt, dritter Teil, Oktober 2026. Vermögensdaten zum 30. Juni 2026.
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