Deutsche Industrie: Volle Auftragsbücher reichen noch nicht für den Aufschwung
Die Auftragseingänge der deutschen Industrie sind im August um 10,6 Prozent eingebrochen. Michael Herzum von Union Investment sieht darin dennoch keine neue Schwächephase: Ohne Großaufträge fällt das Minus minimal aus. Entscheidend sei nun eine andere Frage – wann aus mehr Bestellungen auch mehr Investitionen und Produktion werden.
Ein Rückgang um 10,6 Prozent klingt zunächst nach einem heftigen Rückschlag für die deutsche Industrie. Michael Herzum, Leiter Economics und Macro Strategy bei Union Investment warnt jedoch davor, aus den Auftragseingängen im August bereits eine neue Schwächephase abzuleiten.
Der starke Ausschlag erklärt sich seiner Einschätzung zufolge vor allem durch den Vergleich mit dem Vormonat. Im Juli hatten Großaufträge, unter anderem aus dem Verteidigungsbereich, die Bestellungen kräftig nach oben getrieben. Ein entsprechender Impuls fehlte im August. Werden diese volatilen Großaufträge herausgerechnet, lagen die Auftragseingänge lediglich 0,1 Prozent unter dem Vormonat.
Auftragslage hat sich seit Herbst 2025 verbessert
Herzum sieht deshalb den längerfristigen Trend als aussagekräftiger an. Seit Herbst 2025 habe sich die Auftragslage der deutschen Industrie deutlich verbessert. Die Auftragsbücher seien inzwischen gut gefüllt und entsprächen rechnerisch einem Produktionspolster von rund neun Monaten. Auch die Frühindikatoren sprechen nach seiner Einschätzung dafür, dass die Erholung weiter an Fahrt gewinnen kann. Doch zwischen neuen Bestellungen und tatsächlicher Industrieproduktion besteht bislang eine Lücke. Viele Unternehmen arbeiten die zusätzlichen Aufträge mit ihren vorhandenen Kapazitäten ab. Eine entsprechende Ausweitung der Produktion bleibt bislang aus.
Entscheidend werden die Investitionen
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage von der Nachfrage auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Erst wenn Betriebe zusätzliche Kapazitäten aufbauen und ihre Produktion ausweiten, können sich die gefüllten Auftragsbücher stärker im Wirtschaftswachstum niederschlagen.
Genau hier sieht Herzum derzeit noch die Schwachstelle. Den Unternehmen fehle weiterhin das nötige Vertrauen, um Produktion und Kapazitäten hochzufahren.
Sein Befund fällt deshalb zweigeteilt aus: Die deutsche Industrie habe sich stabilisiert und verfüge über bessere Perspektiven. Von einem Boom könne aber noch keine Rede sein.
Für die weitere Entwicklung dürfte damit weniger der einzelne monatliche Ausschlag bei den Auftragseingängen entscheidend sein. Interessanter wird, ob aus dem inzwischen vorhandenen Auftragspolster tatsächlich neue Investitionen entstehen – oder die Unternehmen ihre zusätzlichen Bestellungen weiterhin mit den bestehenden Kapazitäten abarbeiten.
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