Die Prognosen der führenden Klimamodelle sind ungewöhnlich eindeutig: Im tropischen Pazifik entwickelt sich ein El-Niño-Ereignis, das nach Einschätzung zahlreicher Klimaforscher zu den stärksten seit Beginn der modernen Messungen gehören könnte. Noch ist offen, ob tatsächlich ein neuer Rekord erreicht wird. Doch bereits die Möglichkeit eines sogenannten Super-El-Niño verändert die Risikobewertung – nicht nur für die Klimaforschung, sondern auch für Wirtschaft, Finanzmärkte und Versicherer.
Sollte sich der prognostizierte Super-El Niño bestätigen, drohen Europa wirtschaftliche Verwerfungen. Entscheidend wird sein, wie resilient Märkte und Frühwarnsysteme tatsächlich sind.Experte/KI
Europa dürfte von den unmittelbaren Wetterextremen vergleichsweise wenig betroffen sein. Genau darin liegt jedoch eine trügerische Sicherheit. Denn El Niño ist kein regionales Wetterphänomen, sondern ein globaler Angebotsschock. Dürren in Südostasien, Überschwemmungen in Südamerika, ein möglicherweise schwächerer indischer Monsun und zunehmende Waldbrände treffen Regionen, die für die Versorgung der Welt mit Agrarrohstoffen, Metallen und Industrievorprodukten von zentraler Bedeutung sind.
Die wirtschaftliche Wirkung entsteht deshalb nicht durch das Wetter selbst, sondern durch dessen Folgen für Märkte und Preise. Ernteausfälle treiben die Notierungen für Reis, Kaffee, Kakao, Zucker oder Pflanzenöle. Rohstoffexporte geraten unter Druck, Transportwege werden unterbrochen und Lieferketten verlieren an Stabilität. Für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland bedeutet das steigende Produktionskosten, höhere Lebensmittelpreise und erneuten Inflationsdruck.
Zwischen beherrschbarem Risiko und globalem Schock durch El Niño
Vorausgesetzt, die aktuellen Prognosen bestätigen sich, entscheidet nicht allein die Stärke des El Niño über die wirtschaftlichen Folgen. Ausschlaggebend ist vielmehr, wie widerstandsfähig Staaten, Unternehmen und Märkte auf das Ereignis reagieren.
Im günstigsten Fall funktionieren die internationalen Frühwarnsysteme wie vorgesehen. Regierungen können Wasserreserven sichern, Ernten anpassen und Katastrophenschutz rechtzeitig organisieren. Unternehmen bauen Lagerbestände auf, Versicherer kalkulieren Risiken neu und Finanzmärkte preisen die erwartbaren Belastungen ein. Die Folge wären temporär höhere Preise und regionale Lieferengpässe – belastend, aber volkswirtschaftlich beherrschbar.
Der ungünstige Fall beginnt dort, wo mehrere Risiken gleichzeitig eintreten. Ein außergewöhnlich starker El Niño träfe dann auf ohnehin rekordwarme Ozeane, geopolitische Spannungen und fragile Lieferketten. Gleichzeitig würden geschwächte Beobachtungssysteme die Vorwarnzeit verkürzen. Aus einem Naturereignis entstünde ein globaler Wirtschaftsschock, der Inflation, Versorgungssicherheit und Wachstum gleichzeitig belastet.
Frühwarnsysteme werden zur wirtschaftspolitischen Infrastruktur
Genau an diesem Punkt erhält die Warnung des Kieler Ozeanografen Mojib Latif besondere Bedeutung. Das internationale Messnetz im tropischen Pazifik registriert Temperaturveränderungen nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in Tiefen von 100 bis 300 Metern – dort, wo sich ein El Niño Monate vor seinem Ausbruch ankündigt. Diese Daten bilden die Grundlage moderner Klimamodelle und verschaffen Regierungen, Landwirtschaft, Energieversorgern und Versicherern wertvolle Vorlaufzeit.
Werden diese Messsysteme aus finanziellen oder politischen Gründen geschwächt, sinkt nicht nur die Qualität der Wettervorhersagen. Es steigt auch das wirtschaftliche Risiko. Frühwarnung ist kein wissenschaftlicher Selbstzweck, sondern ein Produktionsfaktor für Planungssicherheit. Je früher Risiken erkannt werden, desto geringer fallen Schäden und volkswirtschaftliche Folgekosten aus.
Die von der US-Regierung angekündigten Kürzungen in Teilen der Klimaforschung reichen deshalb über die amerikanische Innenpolitik hinaus. Das Beobachtungsnetz im Pazifik ist ein globales öffentliches Gut: Es wird überwiegend von amerikanischen Institutionen betrieben, sein Nutzen kommt jedoch der gesamten Weltwirtschaft zugute. Wird an dieser Infrastruktur gespart, steigt die Unsicherheit für alle.
Europas eigentliche Verwundbarkeit
Für Europa lautet die zentrale Erkenntnis daher nicht, dass ein Super-El Niño außergewöhnliche Wetterlagen bringen könnte. Die strukturelle Veränderung liegt tiefer. Die europäische Wirtschaft ist so eng mit globalen Lieferketten, Rohstoffmärkten und Finanzsystemen verflochten, dass ein Klimaphänomen im Pazifik binnen weniger Monate Preisbildung, Investitionsentscheidungen und Risikokalkulation auf einem anderen Kontinent beeinflussen kann.
Die entscheidende Frage lautet - ob die internationale Wirtschaftsordnung in der Lage ist, auf klimabedingte Angebotsschocks zu reagieren, ohne in eine neue Inflations- und Versorgungskrise zu geraten.
Ein möglicher Super-El Niño wäre damit weit mehr als ein meteorologisches Extremereignis. Er wäre ein Stresstest für die Resilienz einer globalisierten Wirtschaft – und für die politische Bereitschaft, in jene wissenschaftliche Infrastruktur zu investieren, die Risiken nicht verhindert, aber beherrschbar macht.
Quellen:
Berkeley Earth
NOAA
World Meteorological Organization (WMO)
GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Interviewaussagen von Prof. Dr. Mojib Latif)
FAQ: El Niño einfach erklärt
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Dabei erwärmt sich die Meeresoberfläche im östlichen und zentralen Pazifik deutlich stärker als üblich. Diese Erwärmung verändert Luftströmungen und Niederschlagsmuster weltweit und kann Dürren, Überschwemmungen sowie Hitzewellen in verschiedenen Regionen auslösen.
Je stärker ein El Niño ausfällt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse. Betroffen sind unter anderem Landwirtschaft, Fischerei, Wasserversorgung und Energieversorgung. Da viele dieser Regionen wichtige Rohstoffe und Agrarprodukte liefern, können die Folgen weltweit spürbar werden – auch in Europa.
Europa gehört nicht zu den Hauptbetroffenen der direkten Wetterfolgen. Die größten Auswirkungen entstehen indirekt über die Weltwirtschaft. Ernteausfälle und Extremwetter in anderen Regionen können Lebensmittel verteuern, Lieferketten belasten, Rohstoffpreise erhöhen und die Kosten für Versicherungen steigen lassen.
El Niño selbst ist ein natürliches Klimaphänomen und existierte lange vor der menschengemachten Erderwärmung. Allerdings trifft ein El Niño heute auf insgesamt wärmere Ozeane und eine wärmere Atmosphäre. Dadurch können einzelne Auswirkungen – etwa Starkregen, Hitzewellen oder Dürren – intensiver ausfallen. Wie stark der Klimawandel die Intensität eines einzelnen El-Niño-Ereignisses beeinflusst, ist Gegenstand aktueller Forschung.
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