Die Zinspause der Europäischen Zentralbank kam für Beobachter wenig überraschend. Spannender ist die Frage, was als Nächstes passiert. Experten sehen den weiteren Kurs der Geldpolitik inzwischen weniger von der Konjunktur als von Energiepreisen und geopolitischen Risiken abhängig. Damit rückt ein Einflussfaktor in den Mittelpunkt, der lange Zeit kaum eine Rolle spielte.
Die Europäische Zentralbank hat ihre Leitzinsen unverändert gelassen. Der Einlagenzins bleibt bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent. Überraschend war diese Entscheidung kaum. Deutlich interessanter ist inzwischen die Begründung, mit der Marktbeobachter den weiteren geldpolitischen Kurs einschätzen. Denn unabhängig voneinander nennen mehrere Experten denselben Unsicherheitsfaktor: die geopolitische Lage und ihre Auswirkungen auf die Energiepreise.
Inflation hängt wieder am Ölpreis
Für Florian Heider, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, ist die Zinspause Ausdruck einer bewusst vorsichtigen Geldpolitik. „Angesichts der Sommerpause und der anhaltenden Unsicherheit hat sich die EZB heute nicht zu einer vorschnellen Entscheidung drängen lassen, sondern hält an ihrem abwartenden, datenabhängigen Kurs fest." Aus seiner Sicht geht der derzeitige Inflationsdruck vor allem auf gestiegene Energiepreise infolge der Konflikte im Nahen Osten zurück. Ob daraus eine breitere Inflation entstehe, werde sich erst mit den kommenden Daten zeigen. Heider hält deshalb eine Zinserhöhung im Herbst für möglich. Die Finanzmärkte hätten diesen Schritt bereits weitgehend eingepreist.
Energie bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Prof. Dr. Steffen Sebastian vom IREBS Institut für Immobilienwirtschaft. „Die EZB steckt in einem Dilemma: Einerseits will sie vermeiden, dass sich die erhöhte Inflation verfestigt, andererseits will sie die Hoffnung auf ein Wirtschaftswachstum nicht zerschlagen." Auch Sebastian verweist auf die gestiegenen Ölpreise nach den erneuten Spannungen im Nahen Osten. Für die weitere Geldpolitik werde entscheidend sein, ob sich dieser Kostenschock dauerhaft auf Verbraucherpreise und Löhne übertrage. Ähnlich argumentiert Ulrich Creydt von der Ypsilon Group. Eine Eskalation des Konflikts könne steigende Energiepreise und Belastungen für Lieferketten nach sich ziehen. Dies würde den Inflationsdruck erhöhen und den Spielraum der EZB weiter einengen.
Immobilienbranche blickt auf den Herbst
Für Immobilienfinanzierer bedeutet die Zinspause zunächst Stabilität. Francesco Fedele, Vorstand der BF.direkt AG, rechnet allerdings nicht mit einem deutlichen Rückgang der langfristigen Finanzierungskosten. „Wir sind nunmehr dauerhaft in einer weltpolitischen Phase der Unsicherheit angekommen." Vor diesem Hintergrund empfiehlt er langfristige Zinsbindungen und eine frühzeitige Vorbereitung von Finanzierungen. Auch Claudius Meyer von CR Investment Management bewertet die ausbleibende Zinserhöhung positiv. Weitere Zinsschritte hätten insbesondere bei Refinanzierungen von Problemimmobilien zusätzlichen Druck erzeugt. Die jetzige Entscheidung verschaffe dem Markt zunächst Planungssicherheit.
Geopolitik gewinnt wieder Einfluss auf die Geldpolitik
Die Stimmen zeigen einen bemerkenswerten Perspektivwechsel. Noch vor wenigen Jahren standen vor allem Konjunkturdaten, Arbeitsmarkt und Kerninflation im Mittelpunkt geldpolitischer Debatten. Inzwischen rücken geopolitische Konflikte und ihre Auswirkungen auf Energiepreise erneut stärker in den Fokus.
Ob die Zinspause Bestand haben wird, dürfte deshalb weniger von der aktuellen Inflationsrate als von der weiteren Entwicklung im Nahen Osten und den daraus resultierenden Energiepreisen abhängen. Die Herbstsitzung der EZB könnte damit erneut zu einer Entscheidung werden, bei der geopolitische Entwicklungen eine ebenso wichtige Rolle spielen wie klassische Konjunkturdaten.
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