Zurich Empathie-Report 2026: Warum schwindendes Mitgefühl zum Wirtschaftsrisiko wird

Veröffentlichung: 23.07.2026, 15:07 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Die Zurich Gruppe Deutschland zeichnet mit ihrem gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey erhobenen Empathie-Report 2026 ein bemerkenswert düsteres Bild des gesellschaftlichen Klimas. Für die repräsentative Studie wurden 2.500 Erwachsene befragt. 83 Prozent der Befragten nehmen einen Rückgang von Empathie in den vergangenen fünf Jahren wahr, neun von zehn sehen den gesellschaftlichen Zusammenhalt geschwächt und mehr als die Hälfte erwartet eine weitere Verschlechterung. Die Ergebnisse reichen damit weit über eine Momentaufnahme der Stimmungslage hinaus. Sie verweisen auf einen schleichenden Vertrauensverlust, der zunehmend auch wirtschaftliche Relevanz gewinnt.

(PDF)
Der Rückgang von Empathie ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Der Zurich-Report zeigt, warum schwindendes Vertrauen zunehmend zum wirtschaftlichen Standortfaktor wird.Der Rückgang von Empathie ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Der Zurich-Report zeigt, warum schwindendes Vertrauen zunehmend zum wirtschaftlichen Standortfaktor wird.Experten / KI

Empathie als ökonomische Ressource

Der Report beschreibt zunächst eine Wahrnehmung. Ob die tatsächliche Empathiefähigkeit der Bevölkerung messbar abgenommen hat, bleibt offen. Entscheidend ist jedoch, dass die Mehrheit einen raueren gesellschaftlichen Umgang erlebt. Wahrnehmungen beeinflussen Erwartungen – und Erwartungen steuern Verhalten.

Ökonomisch betrachtet ist Empathie keine weiche Wohlfühlkategorie, sondern Bestandteil des gesellschaftlichen Sozialkapitals. Wo Menschen anderen grundsätzlich Vertrauen entgegenbringen, sinken Transaktionskosten, Konflikte lassen sich schneller lösen und Kooperation wird wahrscheinlicher. Geht dieses Vertrauen verloren, steigen Kontrollaufwand, Bürokratie und Absicherungsbedürfnis.

Dass 41 Prozent der Befragten regelmäßig Respektlosigkeit erleben, 45 Prozent Rücksichtslosigkeit und 35 Prozent einen aggressiven Umgangston wahrnehmen, beschreibt deshalb nicht nur eine Veränderung des Miteinanders. Es deutet auf steigende gesellschaftliche Reibungsverluste hin.

cms.kjkgqZurich Gruppe Deutschland/ Civey

Digitalisierung verstärkt bestehende Konflikte

Bemerkenswert ist die eindeutige Zuschreibung der Ursachen. Soziale Medien gelten für 53 Prozent der Befragten als wichtigster Ort mangelnder Empathie. Sechs von zehn sehen in ihnen sogar einen negativen Einfluss auf das gesellschaftliche Einfühlungsvermögen.

Die Ergebnisse bestätigen eine Entwicklung, die sich bereits seit Jahren beobachten lässt. Digitale Plattformen belohnen Aufmerksamkeit, Geschwindigkeit und Polarisierung deutlich stärker als differenzierte Auseinandersetzung. Anonymität reduziert soziale Hemmschwellen, algorithmische Verstärkung fördert Lagerbildung.

Dabei entstehen die gesellschaftlichen Spannungen nicht erst in sozialen Netzwerken. Wirtschaftliche Unsicherheit, Inflation, geopolitische Krisen und politische Polarisierung liefern den Konfliktstoff. Die Plattformen wirken vielmehr als Beschleuniger vorhandener Spannungen.

Institutionelles Vertrauen gerät unter Druck

Auffällig ist zudem die Bewertung staatlicher Institutionen. Rund 41 Prozent der Befragten attestieren Behörden mangelnde Empathie.

Gerade für einen funktionierenden Sozialstaat besitzt dieser Befund Gewicht. Verwaltung lebt nicht allein von rechtlicher Korrektheit, sondern ebenso von wahrgenommener Fairness. Wo Bürger staatliche Institutionen als distanziert oder respektlos erleben, sinkt die Bereitschaft zur Kooperation. Akzeptanz regulatorischer Entscheidungen wird schwieriger, Konflikte nehmen zu und Verwaltungsverfahren werden aufwendiger.

Der Report verweist damit indirekt auf eine ordnungspolitische Herausforderung: Effizienz staatlichen Handelns hängt nicht ausschließlich von Digitalisierung oder Personal ab, sondern ebenso von der Qualität der Interaktion zwischen Institutionen und Bevölkerung.

Persönliche Begegnung bleibt der wichtigste Stabilitätsanker

Interessant ist die Gegenbewegung innerhalb der Studie. Dort, wo Menschen sich unmittelbar begegnen, wird Empathie weiterhin besonders stark wahrgenommen. Familie, Freundeskreise, Vereine, Schulen, Kirchen und Pflegeeinrichtungen bilden aus Sicht der Befragten die zentralen Orte gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Das unterstreicht eine ökonomische Grundregel: Vertrauen entsteht selten abstrakt, sondern überwiegend durch wiederholte persönliche Interaktion. Während digitale Kommunikation Beziehungen häufig entpersonalisiert, erzeugen lokale Gemeinschaften soziale Bindung und gegenseitige Verantwortung.

Für Unternehmen besitzt diese Erkenntnis praktische Bedeutung. Betriebskultur, Führung, Teamarbeit und Kundenbeziehungen gewinnen angesichts einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit an strategischer Bedeutung. Arbeitgeber werden damit stärker zu sozialen Integrationsräumen.

Auch Versicherer erweitern ihr Rollenverständnis

Für die Zurich Gruppe Deutschland passt die Veröffentlichung des Reports in eine breitere Entwicklung der Versicherungswirtschaft. Versicherer verstehen sich zunehmend nicht mehr ausschließlich als Risikoträger, sondern als Anbieter von Prävention, Resilienz und gesellschaftlicher Stabilität.

Diese Positionierung folgt einer nachvollziehbaren Marktlogik. Versicherungen kalkulieren Risiken langfristig. Gesellschaftlicher Zusammenhalt beeinflusst Schadenentwicklungen ebenso wie psychische Belastungen, Gesundheitskosten, Betrugsrisiken oder die Stabilität wirtschaftlicher Erwartungen. Sozialkapital wird damit mittelbar zu einem versicherungsökonomischen Faktor.

Der Empathie-Report ist insofern auch Ausdruck einer strategischen Verschiebung innerhalb der Branche: Prävention umfasst zunehmend nicht nur technische oder gesundheitliche Risiken, sondern auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen.

Vertrauen wird zur wirtschaftlichen Infrastruktur

Die eigentliche Aussage des Reports liegt daher weniger in der Frage, ob die Deutschen tatsächlich weniger empathisch geworden sind. Entscheidend ist die verbreitete Erwartung eines weiteren Vertrauensverlustes. Solche Erwartungen können sich selbst verstärken, wenn Menschen vorsichtiger, misstrauischer und konfliktsensibler handeln.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist damit keine ausschließlich moralische Kategorie. Er entwickelt sich zunehmend zu einem ökonomischen Standortfaktor. Wo Vertrauen schwindet, steigen Reibungskosten in Verwaltung, Unternehmen und Märkten gleichermaßen.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Für Zurich entgegengenommen haben die Auszeichnung v.l. Danny Steiner, Elena Göttsche, Verena Sündermann und Ulrich ChristmannFür Zurich entgegengenommen haben die Auszeichnung v.l. Danny Steiner, Elena Göttsche, Verena Sündermann und Ulrich ChristmannZurich
Infothek KMU

ESG-Beratung für den Mittelstand: Wie Vermittler von Zurichs 'Change Enabler'-Strategie profitieren können

Die Zurich Gruppe Deutschland wurde für ihr Engagement im Bereich ESG-Risikoanalyse und nachhaltiger Unternehmensberatung mit dem ESG Transformation Award ausgezeichnet. Für Vermittler kann diese Auszeichnung mehr sein als eine Branchenmeldung: Sie schafft einen wertvollen Anknüpfpunkt für die Beratung von Gewerbekunden.
Die Bayerische macht Zukunftssorgen zum strategischen Thema. Hinter der Kampagne steckt mehr als Marketing: Das schwindende Vertrauen in staatliche Sicherungssysteme verändert den Vorsorgemarkt grundlegend.Die Bayerische macht Zukunftssorgen zum strategischen Thema. Hinter der Kampagne steckt mehr als Marketing: Das schwindende Vertrauen in staatliche Sicherungssysteme verändert den Vorsorgemarkt grundlegend.Experten/KI
Studien

YouGov-Studie: Die Bayerische rückt Zukunftssorgen und Vorsorge in den Fokus

Eine YouGov-Studie zeigt wachsende Zukunftsängste der Deutschen. Die Bayerische reagiert mit einer Kommunikationsstrategie und macht Vorsorge zum gesellschaftlichen Thema.
Investitionen in Hochwasserschutz, Rückhalteflächen und widerstandsfähige Infrastruktur können die Folgen künftiger Flutereignisse deutlich begrenzen. Studien zeigen, dass sich Präventionsmaßnahmen auch volkswirtschaftlich auszahlen.Investitionen in Hochwasserschutz, Rückhalteflächen und widerstandsfähige Infrastruktur können die Folgen künftiger Flutereignisse deutlich begrenzen. Studien zeigen, dass sich Präventionsmaßnahmen auch volkswirtschaftlich auszahlen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Hochwasserschutz: Jeder investierte Euro spart vier Euro Schaden

Fünf Jahre nach der Ahrflut rückt der wirtschaftliche Nutzen von Prävention stärker in den Mittelpunkt. Eine Studie von Allianz Trade zeigt: Investitionen in Hochwasserschutz rechnen sich nicht nur für betroffene Regionen, sondern für die gesamte Volkswirtschaft. Ohne zusätzliche Anpassungsmaßnahmen drohen langfristig deutlich höhere Schäden.
Fünf Jahre nach der Ahrflut bleibt die Herausforderung bestehen, aus den Erfahrungen dauerhaft Konsequenzen zu ziehen. Resilienz entsteht nicht durch Erinnerung allein, sondern durch kontinuierliche Prävention.Fünf Jahre nach der Ahrflut bleibt die Herausforderung bestehen, aus den Erfahrungen dauerhaft Konsequenzen zu ziehen. Resilienz entsteht nicht durch Erinnerung allein, sondern durch kontinuierliche Prävention.Redaktion experten.de / KI-generiert
Assekuranz

Fünf Jahre nach der Ahrflut: Warum das größte Risiko das Vergessen sein könnte

Warnsysteme wurden verbessert, Versicherer haben ihre Prozesse weiterentwickelt und die Politik diskutiert über Klimaanpassung und Prävention. Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal bleibt dennoch eine entscheidende Frage: Wie dauerhaft sind die Lehren aus dem Juli 2021?

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"
Ausgabe 07/26

"Der Vermittler muss Herr seiner Daten bleiben"

Klaus Liebig und Robert Schmidt, Geschäftsführer der vfm Gruppe
"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht