DEVK fünf Jahre nach der Ahrflut: Warum Prävention zum neuen Maßstab der Wohngebäudeversicherung wird
Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ist der Wiederaufbau in vielen Regionen weit fortgeschritten. Die wirtschaftlichen und versicherungstechnischen Lehren aus dem Ereignis sind dagegen noch längst nicht abgeschlossen. Die DEVK nutzt den Jahrestag, um auf die steigenden Risiken durch Naturgefahren aufmerksam zu machen und fordert einen stärkeren Dreiklang aus Prävention, Versicherungsschutz und staatlicher Vorsorge.
Für den Versicherer markierte das Jahr 2021 das teuerste Schadenjahr seiner mehr als 140-jährigen Unternehmensgeschichte. Vorstand Dr. Michael Zons sieht darin keinen historischen Ausnahmefall, sondern einen Hinweis auf eine strukturelle Veränderung der Risikolandschaft. Mit dem Klimawandel nehme die Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse zu. Damit steige auch der Handlungsdruck für Politik, Versicherungswirtschaft und Immobilieneigentümer.
Das Risikobewusstsein wächst – der Versicherungsschutz bleibt lückenhaft
Die Erinnerung an die Ahrflut prägt das Sicherheitsgefühl vieler Menschen weiterhin. Nach einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag der DEVK rechnen inzwischen 66 Prozent der Bevölkerung damit, dass Starkregen, Überschwemmungen oder Hochwasser das eigene Zuhause treffen könnten. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 56 Prozent.
Naturgefahren wie Erdbeben, Erdrutsche oder Erdsenkungen spielen dagegen mit 17 Prozent nur eine deutlich geringere Rolle.
Zwischen Risikowahrnehmung und tatsächlicher Absicherung besteht jedoch weiterhin eine erhebliche Lücke. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft verfügen bundesweit lediglich 57 Prozent der Wohngebäude über eine Elementarschadenversicherung. Im Bestand der DEVK liegt die Quote mit 68 Prozent höher. Ausschlaggebend ist nach Angaben des Unternehmens das seit Jahren genutzte Opting-out-Modell, bei dem der Elementarschutz standardmäßig Bestandteil des Vertrags ist und aktiv abgewählt werden muss.
KI verändert die Bewertung von Naturgefahren
Besonders deutlich zeigt die Ahrflut aus Sicht der DEVK, dass historische Schadendaten allein künftig nicht mehr ausreichen, um Risiken realistisch einzuschätzen.
Der Versicherer setzt deshalb ergänzend zum Zonierungssystem des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft auf KI-gestützte Modelle und zusätzliche Geodaten. Diese sollen auch Regionen identifizieren, die bislang kaum Schadenhistorien aufweisen, künftig aber durch veränderte Niederschlagsmuster stärker gefährdet sein könnten.
Die eigentliche Veränderung liegt weniger in der Technologie als in der Risikologik. Während klassische Modelle vor allem vergangene Schäden bewerten, versuchen KI-Modelle potenzielle Gefährdungen auf Basis topografischer, hydrologischer und klimatischer Daten frühzeitig sichtbar zu machen. Damit verschiebt sich die Schadenprävention zunehmend von der Reaktion zur Prognose.
Prävention bleibt die eigentliche Schwachstelle
Trotz technischer Fortschritte sieht die DEVK weiterhin erhebliche Defizite beim Hochwasserschutz. Rückhaltebecken, natürliche Überflutungsflächen oder kommunale Schutzmaßnahmen seien vielerorts weiterhin unzureichend ausgebaut.
Auch die Bevölkerung sieht den Schwerpunkt vor allem bei öffentlichen Investitionen. Laut Civey sprechen sich 50 Prozent für einen stärkeren Ausbau des Hochwasserschutzes aus, 47 Prozent befürworten größere Überflutungsflächen und 34 Prozent höhere Investitionen in den Katastrophenschutz. Private Schutzmaßnahmen am Gebäude halten dagegen lediglich 20 Prozent für den wichtigsten Hebel.
Diese Einschätzung verdeutlicht einen grundlegenden Zielkonflikt. Naturgefahren lassen sich weder allein über staatliche Infrastruktur noch ausschließlich über Versicherungen beherrschen. Entscheidend wird künftig das Zusammenspiel aus Raumplanung, baulicher Vorsorge und risikogerechter Absicherung sein.
Finanzielle Anreize sollen Prävention wirtschaftlich attraktiver machen
Vor diesem Hintergrund erweitert die DEVK ihre Präventionsstrategie um finanzielle Anreize.
Nach größeren Überschwemmungs- oder Rückstauschäden erhalten Versicherte bis zu 1.000 Euro für eine Gefahrenanalyse, ein Gutachten oder einen Hochwasserpass. Werden anschließend geeignete Schutzmaßnahmen umgesetzt, zahlt der Versicherer weitere 1.000 Euro.
Der Ansatz folgt einer Entwicklung, die in der Versicherungswirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt. Versicherer verstehen sich nicht mehr ausschließlich als Schadenregulierer, sondern versuchen über Präventionsanreize die Schadenhäufigkeit langfristig zu reduzieren. Für die Kalkulation künftiger Naturgefahren dürfte diese Strategie wirtschaftlich ebenso relevant werden wie klassische Tarifierungsmodelle.
Pflichtversicherung allein löst das Problem nicht
Parallel gewinnt die politische Debatte über eine verpflichtende Elementarschadenversicherung an Dynamik.
Die DEVK unterstützt grundsätzlich das Ziel einer flächendeckenden Absicherung. Gleichzeitig verweist das Unternehmen auf die ökonomischen Grenzen einer reinen Versicherungspflicht. Risikogerechte Prämien könnten Eigentümer in besonders gefährdeten Regionen finanziell überfordern. Deshalb spricht sich der Versicherer für ergänzende Pool- oder Rückversicherungslösungen aus, die extreme Risiken breiter verteilen und gegebenenfalls staatlich abgesichert werden.
Damit wird eine ordnungspolitische Grundfrage sichtbar: Je häufiger Extremwetter auftritt, desto schwieriger wird die Balance zwischen individueller Risikoverantwortung und gesellschaftlicher Solidarität. Ohne Prävention steigen langfristig sowohl Schäden als auch Versicherungsprämien. Ohne bezahlbare Absicherung drohen dagegen erhebliche Versicherungslücken.
Die Ahrflut bleibt deshalb weit mehr als ein historisches Extremereignis. Sie markiert den Beginn einer Entwicklung, in der Naturgefahren zu einem dauerhaft kalkulationsrelevanten Faktor für Immobilienmärkte, Versicherer und öffentliche Infrastruktur werden. Wer künftig Risiken bewertet, muss Wetterereignisse ebenso berücksichtigen wie Bauplanung, Datenanalyse und Präventionsinvestitionen. Erst ihr Zusammenspiel entscheidet darüber, ob aus einer Naturgefahr eine versicherbare Belastung oder ein volkswirtschaftliches Risiko wird.
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