KI im Versicherungsmarkt: Innovationstreiber und Haftungsrisiko

Veröffentlichung: 25.02.2026, 10:02 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Künstliche Intelligenz gilt als Effizienzbooster der Branche – von automatisiertem Underwriting bis zur Schadenregulierung per Bildanalyse. Doch die Aon-Marktprognose 2026 zeigt: KI ist längst nicht nur Innovationsmotor, sondern eines der größten Unternehmensrisiken weltweit. Für Versicherer, Makler und ihre Kunden verschiebt sich damit das Risikoverständnis grundlegend.

(PDF)
cms.dhpvyDALL-E

KI rückt auf Platz zwei der größten Unternehmensrisiken

Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsmodelle, Prozesse und Entscheidungslogiken in rasanter Geschwindigkeit. In einer globalen Umfrage rangiert KI inzwischen auf Platz zwei der größten Unternehmensrisiken – direkt hinter Cyberrisiken. Damit steht die Technologie nicht nur für Fortschritt, sondern auch für neue Haftungs-, Regulierungs- und Governance-Fragen. Zu den zentralen Risikofeldern zählen laut Marktprognose unter anderem:

  • Haftung bei KI-gestützten Fehlentscheidungen
  • Urheberrechts- und Lizenzverletzungen
  • Verzerrte oder fehlerhafte Datengrundlagen
  • Implementierungsrisiken in bestehende IT-Landschaften
  • Unsicherheiten im Umgang mit neuen regulatorischen Vorgaben wie dem EU AI Act

Die zentrale Botschaft: Der Mehrwert von KI entsteht nicht durch Technologie allein, sondern im Zusammenspiel mit qualifizierten Fachkräften, klaren Governance-Strukturen und verantwortungsvoller Anwendung.

Versicherer zwischen Automatisierung und neuer Risikodefinition

Die Auswirkungen sind bereits deutlich sichtbar. Im Underwriting kommen zunehmend Machine-Learning-Modelle zum Einsatz, die externe Datenquellen wie IoT-Informationen oder Satellitendaten integrieren. Schadenprozesse werden automatisiert – etwa durch KI-gestützte Bildanalyse oder Natural Language Processing. Gleichzeitig verändert KI die Produktlandschaft: Parametrische Lösungen und Embedded-Insurance-Modelle greifen automatisiert auf Daten zu und reagieren nahezu in Echtzeit auf Ereignisse. Doch mit der Effizienz steigt auch die Komplexität.

Diskussionen um sogenannte „Silent KI-Risiken“ – also nicht explizit geregelte KI-bezogene Risiken in bestehenden Policen – nehmen zu. Neue EU-Regulierungen wie der AI Act oder die überarbeitete Produkthaftungsrichtlinie dürften Anpassungen in Haftpflicht- und Financial-Lines-Deckungen erforderlich machen.

D&O und KI: Neue Klagetrends aus den USA

Besonders brisant ist die Entwicklung im Bereich der Managerhaftung. Steigende Unternehmensinsolvenzen, geopolitische Spannungen und neue Klagetrends aus den USA – etwa im Zusammenhang mit KI-gestützten Geschäftsentscheidungen oder unzureichender Offenlegung – erhöhen die Haftungsexponierung von Unternehmensleitern. Für D&O-Versicherer bedeutet das: Das Risikoprofil verschiebt sich von klassischen Bilanz- und Compliance-Themen hin zu technologiegetriebenen Governance-Fragen.

Arbeitsmarkt: Re-Skilling statt Rationalisierung?

Ein weiterer Effekt betrifft die Qualifikationsstruktur der Branche. Routinebasierte Tätigkeiten im Backoffice oder in standardisierten Underwriting-Prozessen verlieren an Bedeutung. Gleichzeitig steigt der Bedarf an:

  • KI-Ingenieuren und Data Scientists
  • Fachspezialisten im Broking mit „Human-in-the-loop“-Kompetenz
  • Experten für KI-Regulatorik, Compliance und Ethik

Die oft beschworene Effizienzdividende durch KI könnte sich daher als Verschiebung von Kosten statt als reine Einsparung erweisen. Der „War for Talent“ verlagert sich zunehmend in Richtung daten- und technologiegetriebener Expertise.

Strategischer Wendepunkt für die Branche

Die Marktprognose macht deutlich: KI ist kein reines Digitalisierungsthema, sondern ein struktureller Eingriff in das Geschäftsmodell der Versicherungswirtschaft. Wer KI als bloßes Automatisierungsinstrument begreift, läuft Gefahr, neue systemische Risiken zu übersehen. Wer sie hingegen strategisch integriert – inklusive Governance, Transparenz und Qualifizierung – kann Prävention stärken und Risikoentscheidungen fundierter gestalten. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI eingesetzt wird, sondern wie kontrolliert und risikoadäquat dies geschieht.

Ausblick der Serie
Im zweiten Teil der Serie rückt das geopolitische Spannungsfeld zwischen USA, China und Europa in den Fokus – und die Frage, welche Rolle Versicherung bei der Absicherung neuer Lieferketten, Investitionen und politischer Risiken spielen kann.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

DALL-E
Chefsache

Managerhaftung 2026: Das Ende des reinen Bilanzrisikos

Steigende Unternehmensinsolvenzen, geopolitische Verwerfungen und erste KI-bezogene Klagewellen verändern das Haftungsumfeld für Manager spürbar. Der D&O-Markt bleibt zwar kapazitätsstark – doch die Risikotreiber werden komplexer und technologischer.
Julia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und PensionsfondsaufsichtJulia Wiens, Exekutivdirektorin Versicherungs- und PensionsfondsaufsichtMatthias Sandmann
Assekuranz

BaFin: KI ja – aber nicht um jeden Preis

Künstliche Intelligenz ist für Versicherer unverzichtbar – doch die Aufsicht setzt klare Leitplanken. Wo aus Sicht der BaFin die Grenzen verlaufen, erklärt Julia Wiens im Gespräch mit insureNXT.
Cyberangriffe bleiben das größte Geschäftsrisiko, während Künstliche Intelligenz neue Unsicherheiten und Angriffsflächen schafft (Symbolbild).Cyberangriffe bleiben das größte Geschäftsrisiko, während Künstliche Intelligenz neue Unsicherheiten und Angriffsflächen schafft (Symbolbild).DALL-E
Gewerbeschutz

Cyber dominiert, KI holt auf: Die größten Geschäftsrisiken 2026

Cyberangriffe führen das Allianz Risk Barometer 2026 erneut an – zum fünften Mal in Folge. Neu ist der rasante Aufstieg der Künstlichen Intelligenz, die sich binnen eines Jahres unter die größten Geschäftsrisiken schiebt.
Rechtsanwalt Killian Springer, Head of Legal und Product Manager AI bei Distart EducationRechtsanwalt Killian Springer, Head of Legal und Product Manager AI bei Distart Education
Digitalisierung

"Die Notwendigkeit von KI-Schulungen ist enorm - vor allem aus operativer Sicht"

Künstliche Intelligenz verändert die Finanz- und Versicherungsbranche in rasantem Tempo – vom Risikoscoring bis zur Kundenkommunikation. Doch wie gelingt es, Mitarbeitende praxisnah und rechtssicher fit für diese neue Realität zu machen?

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht