Judith Neumann, Global Head of Industry Advisory for Sustainability & Climate Resilience bei GuidewireJudith Neumann, Global Head of Industry Advisory for Sustainability & Climate Resilience bei GuidewireGuidewire

Klimaresilienz: Versicherer können Vorreiter sein

Veröffentlichung: 15.09.2025, 16:09 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Klimarisiken sind längst Alltag – und stellen die Versicherungsbranche vor enorme Herausforderungen. Judith Neumann, Global Head of Industry Advisory for Sustainability & Climate Resilience bei Guidewire, zeigt in ihrem Gastbeitrag, wie Versicherer vom reinen Schadensregulierer zum aktiven Partner für Resilienz werden können – und warum Daten, Prävention und neue Geschäftsmodelle dabei entscheidend sind.

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Hitzerekorde, Stürme, Überschwemmungen – Extremwetter ist keine Ausnahme mehr, sondern Alltag. Klimarisiken gehören zu den dringendsten und komplexesten Herausforderungen für die Versicherungsbranche. Wie können Versicherer sich zukunftsorientiert aufstellen, um Klimarisiken effizient zu managen, und gleichzeitig ihren Teil der Verantwortung für den Klimawandel zu übernehmen?

Naturkatastrophen in Deutschland haben laut dem Gesamtverband der Versicherer (GDV) im Jahr 2024 die Versicherer 5,7 Milliarden Euro gekostet. Die weltweiten Schäden durch Naturkatastrophen beliefen sich im Jahr 2024 auf 320 Milliarden US-Dollar, doch weniger als die Hälfte davon war versichert. Die Schutzlücke vergrößert sich, die jährlichen Verluste der Versicherer steigen und der Druck von Regulierungsbehörden, Kunden und Investoren nimmt zu. Aber die Situation bietet auch die Chance für Versicherer, eine Führungsrolle zu übernehmen – vorausgesetzt, sie etablieren neue Geschäftsmodelle und nutzen moderne Technologie, um ihre wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Der Druck steigt

Klimaresilienz ist für Versicherer zur Priorität geworden. Deutlich steigende Schadenlasten und Rückversicherungskosten treiben die Prämien in die Höhe. Das Underwriting wird restriktiver, und einige Versicherer nehmen Hochrisiko-Regionen vom Versicherungsschutz aus. Der Diskurs um die geplante Pflichtversicherung für Elementarschäden sollte alle Stakeholder einbinden – Erst- und Rückversicherer, Versicherungsnehmer und die Politik. Eine tragfähige Lösung muss darauf setzen, Elementarereignisse zu antizipieren und risikobewusst zu bauen.

Die regulatorischen Anforderungen erzeugen ebenfalls Druck. Rahmenwerke wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) geben vor, wie Unternehmen Klimarisiken melden, bewerten und darauf reagieren müssen. Kunden, Investoren und Mitarbeiter wünschen sich ebenfalls glaubwürdige und nachhaltige Maßnahmen. Vor allem junge Talente erwarten, dass Klimaschutz auf allen Ebenen des Unternehmens in Entscheidungen einfließt.

Versicherer als Partner und Berater für Resilienz

Versicherer kommen meist erst nach Katastrophenschäden mit den Kunden in Kontakt. Angesichts der zunehmenden Klimarisiken reicht diese Herangehensweise jedoch nicht mehr aus. Die meisten klimabedingten Schäden lassen sich zwar nicht vollständig vermeiden, können aber minimiert werden. Versicherer sollten daher ihren Kunden frühzeitig Beratung zu Resilienzmaßnahmen anbieten, auf verfügbare Tools wie Hochwasserportale der Länder verweisen oder bei Vertragsverlängerungen zu präventiven Baumaßnahmen ermutigen. Diese präventive Unterstützung senkt die Schadenquote, sodass Versicherungen in Hochrisikogebieten rentabel bleiben, was wiederum zum Schutz von Menschen, Unternehmen und Natur beiträgt.

Laut der europäischen Guidewire-Verbraucherstudie 2025 wünschte sich jeweils knapp ein Drittel der befragten Deutschen eine klarere Kommunikation sowie verständlichere Informationen zu versicherten und nicht-versicherten Klimarisiken. Ein knappes Viertel der Deutschen wünschte sich mehr Beratung seitens ihres Versicherers zu Präventionsmaßnahmen für Klimarisiken.

Daten und Technologie als Katalysator

Der Tech Trend Radar 2025 von Munich Re nennt Klimaresilienz als einen der wichtigsten Trends für Versicherer. Sie investieren zunehmend in KI, GenAI und Data Analytics, um das Risikomanagement zu optimieren. Durch den Einsatz moderner Tools können Versicherer klimabezogene Risiken auf der Ebene einzelner Immobilien statt nur für große geografische Gebiete evaluieren. Diese Erkenntnisse führen zu einer genaueren Preisgestaltung, intelligenteren Risikoprüfungen und personalisierter Risikoberatung. Da hyperlokale Daten sich in der Branche zum Standard entwickeln, wird sich der Wandel von der Reaktion zur Prävention beschleunigen. Die Folge sind weniger Schadenfälle, stärkere Kundenbeziehungen und letztlich die langfristige Nachhaltigkeit des Marktes.

Verantwortung übernehmen

Versicherer spielen bei der Umstellung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft eine wichtige Rolle und tragen hier eine Verantwortung. Der Wandel schafft neue Branchen und Geschäftsmodelle – von Batteriespeichern und erneuerbaren Energien bis hin zu vertikaler Landwirtschaft und zirkulären Geschäftsmodellen – die alle eine verantwortungsvolle Versicherung benötigen, um wachsen zu können. Viele dieser neuen Ansätze lassen sich nicht ohne Weiteres in traditionelle Versicherungsmodelle einpassen, benötigen aber dennoch Schutz, um Investitionen anzuziehen und zu wachsen.

Versicherer können auch dazu beitragen, das Verbraucherverhalten zu beeinflussen. Bestehende Produkte lassen sich strategischer einsetzen, um emissionsärmere Entscheidungen zu fördern, sei es durch Anreize für die Nutzung von Elektrofahrzeugen, Carsharing-Modelle oder Upgrades, die die Widerstandsfähigkeit gegen Überschwemmungen oder Brände verbessern.

Nur wenige Branchen sind besser positioniert, um sowohl die Risikoauswirkungen als auch das Tempo des Klimawandels zu beeinflussen. Mit den richtigen Daten, Instrumenten und Strategien können Versicherer von der Reaktion auf Risiken zu deren Prävention und Minimierung übergehen und so nicht nur ihre Bilanzen, sondern auch ihre Kunden schützen.

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