Zinszusatzreserve mit massivem Druck auf Finanzkraft der Lebensversicherer

Veröffentlichung: 18.07.2018, 05:07 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Im Evaluierungsbericht des Lebensversicherungsreformgesetzes des Bundesfinanzministeriums fällt die Bilanz auf den ersten Blick zwar positiv aus. Denn obwohl das Zinsniveau weiter gesunken ist, konnten die Lebensversicherer die zugesagten Leistungen planmäßig erbringen und die regulatorischen Anforderungen erfüllen. Aber der Handlungsdruck auf politischer Ebene bleibt hoch.

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Im Marktausblick zur Versicherungswirtschaft 2018/2019 zeichnet die ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur ein aktuelles Bild über der Situation und Stimmung in der privaten Krankenversicherung, der Lebensversicherung sowie der Schaden-/Unfallversicherung.

Verfügbarkeit der Garantieversprechen sichern

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Lebensversicherer auch bei schwierigen Zinsverhältnissen sämtliche Leistungsansprüche ihrer Kunden bedienen können, ist deutlich gestiegen. Seit Einführung der Zinszusatzreserve (ZZR) im Jahr 2011 wurden bereits knapp 60 Milliarden Euro zugeführt. Wie gut die ZZR wirkt, zeigt ein Blick auf den durchschnittlichen Garantieanspruch innerhalb der Lebensversicherungsbestände. Ohne Berücksichtigung der ZZR lag dieser Ende 2017 bei 2,77 Prozent. Unter Hinzunahme der bereits gestellten Reserven reduziert er sich auf 2,03 Prozent, wodurch

Allerdings orientieren sich die jährlichen Zuführungen an einem Zins, der rückblickend viel schneller gesunken ist als die Experten ursprünglich in ihren Szenariorechnungen erwartet hatten.

Lars Heermann, Bereichseiter Analyse und Bewertung der Assekurata, erläutert:

„Ohne Änderung der Berechnungsmethodik würde sich das bisherige ZZR-Volumen selbst bei konstantem Zinsverlauf in den kommenden Jahren bis 2023 nahezu verdreifachen. … Daher sei der Vorschlag des Finanzministeriums zu begrüßen, der auf eine Änderung der ZZR-Berechnung abzielt, um den Reserveaufbau über die Zeit gleichmäßiger zu verteilen.“

Neue Formel für ZZR

Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) hat in Abstimmung mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine neue Formel für die ZZR, die so genannte „Korridormethode“, erarbeitet Diese soll große Sprünge bei der ZZR-Bildung verhindern sowie ihre Finanzierung weitestmöglich aus den laufenden Erträgen ermöglichen und nicht, wie aktuell von den Unternehmen praktiziert, durch die Auflösung von Bewertungsreserven der Kapitalanlagen.

Unter Beibehaltung der bestehenden Methodik würde der Referenzzins 2018 von 2,21 Prozent (2017) auf circa 1,90Prozent sinken. Demgegenüber fällt er nach der Korridormethode deutlich geringer auf lediglich 2,10 Prozent ab.

Laut BMF-Evaluierungsbericht soll eine entsprechende Änderung der Deckungsrückstellungsverordnung schon in diesem Jahr vorgenommen werden. Unter Anwendung der Korridormethode hätten die Lebensversicherer 2018 nach Schätzungen von Assekurata Zuführungen von insgesamt 7 bis 8 Milliarden Euro zu leisten, was branchenweit noch immer ungefähr der Hälfte des bilanziellen Eigenkapitals entspricht und eine entsprechende Ertragskraft voraussetzt.

In den Jahren nach 2018 verläuft der weitere Aufbau der ZZR unter Anwendung der Korridormethode in Folge des langsameren Absinkens des Referenzzinses deutlicher flacher.

Thomas Keßling, Fachkoordinator Lebensversicherung und Mitautor der Studie, dazu:

„Damit würde sich der bisher angenommene Höchststand an ZZR von rund 150 Milliarden Euro im Jahr 2023 zeitlich viel weiter nach hinten verschieben. Die Methodenänderung entfaltet damit die gewünschte Glättungswirkung, nimmt die Versicherer aber nicht aus der Verantwortung, langfristige Zinsvorsorge zu betreiben.“

Weitere Entlastung durch Methodenänderung

Auch für weitere Szenarien hat Assekurata verschiedene Zinsvertäute in Abhängigkeit des Berechnungsverfahrens simuliert und auf dieser Basis die zu bildendende ZZR abgeschätzt.

Das größte Entlastungspotenzial der Methodenänderung zeigt sich im Jahr 2025 sowohl im Basis- als auch im Negativ-Szenario mit einer Differenz von mehr als 40 Prozent. Darüber hinaus offenbart das Positiv-Szenario eine weitere Wirkung der Korridor-Methode, indem der Nachlaufeffekt bei steigenden Zinsen gedämpft wird. Dieser führt nämlich bei der bestehenden Methodik dazu, dass selbst bei steigenden Marktzinsen der ZZR-Aufbau zunächst weiter zunimmt, in einem Szenario sogar bis auf 129 Milliarden Euro im Jahr 2025.

ln allen dargelegten Szenarien wird die stabilisierende Wirkung der Korridormethode offenkundig, indem Belastungsspitzen reduziert und gleichförmiger auf einen längeren Zeitraum verteilt werden.

Politische Änderungen werfen Schatten voraus

Überdies sieht der Evaluierungsbericht des BMF vor, stärkere Anreize für Eigentümer zu schaffen, um sich an der Finanzierung der ZZR zu beteiligen. Zudem wird der von vielen befürchtete „Provisionsdeckel“ wahrscheinlicher. Diese und weitere Änderungen auf politischer Seite werfen ihre Schatten voraus, so dass viele Anbieter eine Neupositionierung ihrer strategischen Ziele vornehmen werden.

Bild: © alphaspirit / fotolia.com

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