Kommt die Europa-Rente?

Veröffentlichung: 09.09.2015, 07:09 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Die Europäische Kommission will die private Altersvorsorge in ganz Europa verbessern. Dafür soll eine so genannte Pan-European Personal Pension (PEPP) eingeführt werden – eine private „Europa-Rente“, die bestehende nationale Lösungen ergänzen, aber nicht ersetzen soll. Was verbirgt sich hinter dieser Idee und wie sehen die aktuellen Vorschläge aus? Der GDV erklärt die Positionen.

(PDF)
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Auf der Konferenz der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung EIOPA wurde am Montag darüber gesprochen, wie eine „Europa-Rente“ aussehen könnte. Bereits im Juli hatte die EIOPA im Auftrag der Europäischen Kommission dazu ein Konsultationspapier PDF vorgelegt, in dem wichtige Eckpfeiler eines so genannten Pan-European Personal Pension Products, kurz PEPP, skizziert wurden. Aber was verbirgt sich dahinter? Und was wollen die Kommission und EIOPA damit erreichen?

cms.gmacg.x Alexander Erdland, ehrenamtlicher Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

Was soll die Europa-Rente bieten?

Mit PEPP soll ein privates Altersvorsorgeprodukt geschaffen werden, das überall in Europa angeboten werden kann, aber die bestehenden nationalen Lösungen ausdrücklich nicht ersetzen soll. Nach den Vorstellungen der EIOPA soll jedes Produkt, das als „Europa-Rente“ angeboten werden könnte, u. a. drei Merkmale erfüllen: Es generiert ein zusätzliches Einkommen nach dem Ende des Erwerbslebens.

Das angesparte Kapital kann nicht – oder nur unter Inkaufnahme finanzieller Nachteile – vor Beginn des Ruhestandes ausgezahlt werden. Es verfolgt grundsätzlich eine langfristige Anlagestrategie und beachtet dabei auch die Unbeständigkeit der Finanzmärkte.

Warum ist das ein Thema für Europa?

Außer Frage steht, dass es in ganz Europa einen wachsenden Bedarf für private Altersvorsorge gibt. Wie in Deutschland ist die zentrale Säule der Alterssicherung auch in den meisten anderen Mitgliedstaaten ein umlagefinanziertes System, das durch den demographischen Wandel unter Druck gerät. Während heute in der EU fünf Arbeitnehmer auf einen Pensionär kommen, wird das Verhältnis im Jahr 2060 nur noch zwei zu eins betragen. Das Rentenniveau in Europa wird deshalb laut dem „Ageing Report 2015“ (PDF) der Europäischen Kommission in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken – von heute 46,5 Prozent des durchschnittlichen Einkommens auf 38,4 Prozent im Jahr 2060. Besonders deutlich wird der Rückgang zum Beispiel in Frankreich, Italien und vielen osteuropäischen Staaten sein.

Viele Länder fördern daher schon bestimmte Vorsorgeprodukte steuerlich. Gleichzeitig ist die private Altersvorsorge in anderen Ländern – vor allem in Süd- und Osteuropa – noch wenig ausgebildet. Anders als in Deutschland sind die Erfahrungen dort sehr gering, der Markt und passende Altersvorsorgeprodukte kaum entwickelt. Im Baltikum, in Rumänien oder Kroatien, wo es heute praktisch keine private Vorsorge gibt, soll in Zukunft aber ein Zehntel bis ein Drittel aller Ausgaben für die Rente auf private Vorsorgesysteme entfallen. Eine „Europa-Rente“ könnte dabei helfen und es idealerweise auch einfacher machen, bei einem Umzug innerhalb der Europäischen Union eine geförderte Vorsorge fortzuführen, so die Vorstellung der EIOPA und der Europäischen Kommission.

Was schlägt die EIOPA vor?

Damit private Altersvorsorgeprodukte über Grenzen hinweg verkauft werden können, schlägt die EIOPA vor, einen „Produktpass“ einzuführen. Ein Angebot, das in einem Mitgliedstaat nach den gemeinsamen Regeln genehmigt wurde, soll dann auch in allen anderen EU-Staaten angeboten werden können. Ein wichtiger Vertriebsweg soll dabei das Internet werden. Darum legt die EIOPA großen Wert auf Verbraucherschutz und Standards für gute Beratung und Produktinformationsblätter. Vor allem aber sollen die Produkte so gestaltet werden, dass sie keinen oder einen möglichst geringen Beratungsaufwand erfordern. Eine Europa-Rente sollte nach den Ideen der EIOPA darum nur wenige verschiedene, dafür aber langfristig risikoarme Anlagemöglichkeiten für Kunden bieten.

Wenigstens eine der Anlagemöglichkeiten soll daher nach Abschluss des Vertrages von den Kunden keine weiteren Investitionsentscheidungen verlangen. Geeignet findet die EIOPA dafür insbesondere auch Anlagemöglichkeiten mit Garantien. Für solche Produkte könnte es eine Nachfrage in Staaten geben, in denen solche Angebote bisher nicht gemacht würden, schreibt die EIOPA. Als eine weitere Option sieht die EIOPA auch Lebenszyklus-Strategien. Der Anteil riskanter Anlagen wird dabei Schritt für Schritt reduziert. So soll zum Ende der Ansparphase die nötige Sicherheit gewährleistet sein.

Was sagt die deutsche Versicherungswirtschaft?

Für Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, ist die „Europa-Rente“ ein spannendes Projekt. „Wenn es gelingt, ein Vorsorge-Produkt zu schaffen, das die Anforderungen an eine gute Altersvorsorge auf einen gemeinsamen europäischen Nenner bringt – das wäre ein schöner Sprung nach vorne“, sagt er. „Entscheidend ist aber natürlich, dass das Ergebnis ein echtes Altersvorsorgeprodukt ist – die Menschen also am Ende eine lebenslange und stabile Rentenleistung erhalten.“

Kritisch findet Erdland daher, dass die Frankfurter Aufseher zwar die wachsende Lebenserwartung und die Bedeutung eines vorhersehbaren und stabilen Zusatzeinkommens aus der privaten Vorsorge in ihrem Konzept ansprechen – aber daraus bisher keine Konsequenzen gezogen haben. „Für die Altersvorsorge ist eine regelmäßige Rentenleistung bis zum Lebensende zwingend notwendig“, sagt Erdland. „Denn nur so ist über die gesamte Lebensdauer ein sicheres Einkommen garantiert.“

Mit ihrer Position wollen die deutschen Versicherer sich dabei konstruktiv in die Debatte einbringen. „Deutschland ist mit seinem Modell, das stark auf Versicherungslösungen basiert, einer der europäischen Spitzenreiter in der privaten Altersvorsorge“, so Erdland. Von den hierzulande gemachten Erfahrungen könne auch Europa profitieren.

Wie geht es weiter?

Derzeit befragt die EIOPA die Öffentlichkeit nach Chancen und Verbesserungsbedarf bei den auf dem Tisch liegenden Vorschlägen. Dieser Prozess läuft bis zum 5. Oktober.

Dann wird die EIOPA ihre Vorschläge voraussichtlich noch einmal überarbeiten – und die Ergebnisse dann an die EU-Kommission übergeben. Wie genau und vor allem wie schnell es dann weiter geht, ist noch nicht genau abzusehen. „Genauigkeit muss dabei aber vor Schnelligkeit gehen“, sagt GDV-Präsident Erdland. Mit halbgaren Beschlüssen sei am Ende niemandem geholfen.

Bild: (1) © geralt/pixabay.com (2) © GDV

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