Fast 200.000 Unternehmensschließungen: Deutsche Wirtschaft verliert weiter an Substanz

Veröffentlichung: 22.05.2025, 12:05 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Industrie, IT, Wohnungsbau – quer durch alle Branchen steigen die Schließungen von Unternehmen in Deutschland drastisch an. Eine neue Studie zeigt: Es handelt sich längst nicht mehr um Einzelfälle, sondern um einen flächendeckenden Strukturwandel mit weitreichenden Folgen.

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Im Jahr 2024 hat die deutsche Wirtschaft einen spürbaren Rückschlag erlitten: Laut der gemeinsamen Studie von Creditreform und dem ZEW Mannheim stellten 196.100 Unternehmen bundesweit ihre Geschäftstätigkeit ein – ein Anstieg um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es ist der höchste Stand seit 2011 und betrifft nahezu alle Wirtschaftsbereiche. Die Gründe reichen von hohen Energiekosten über Fachkräftemangel bis hin zu Nachfolgeproblemen.

Schließungswelle in der Industrie

Besonders betroffen ist das industrielle Kernsegment der deutschen Wirtschaft. Energieintensive Branchen verzeichneten einen überdurchschnittlichen Anstieg an Betriebsschließungen um 26 Prozent. Insgesamt gaben 1.050 Unternehmen in diesen Bereichen auf. In der Chemie- und Pharmaindustrie stieg die Zahl der Schließungen auf 360 – ein Höchststand seit über zwei Jahrzehnten.

„Seit 14 Jahren haben wir keine derart hohen Werte mehr gesehen“, so Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Die hohen Produktionskosten und zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland setzten den Betrieben massiv zu.

Zukunftsbranchen unter Druck

Auch technologieintensive Dienstleister wie IT-Unternehmen, Umwelttechnik-Firmen und Labordienstleister sind zunehmend betroffen. 2024 schlossen 13.800 Unternehmen aus diesem Sektor – ein Plus von 24 Prozent.

Dr. Sandra Gottschalk vom ZEW sieht im Fachkräftemangel eine zentrale Ursache:

„Viele Unternehmen können mangels Personal nicht genug Aufträge annehmen, um wirtschaftlich zu arbeiten.“

Wohnungswirtschaft verliert an Schlagkraft

Mit 9.700 Schließungen meldet auch die Bau- und Wohnungswirtschaft ein deutliches Minus – ein Anstieg von 20 Prozent. Die Entwicklung steht im Widerspruch zu politischen Ankündigungen, insbesondere dem geplanten „Wohnungsbau-Turbo“ der Bundesregierung. Fachkräftemangel und fehlende Planungssicherheit bremsen die Branche aus.

Gesundheitswesen nicht mehr flächendeckend

Die Gesundheitsbranche verzeichnete 2024 rund 10.800 Unternehmensaufgaben – ein Anstieg um acht Prozent. Der Rückzug betrifft unter anderem Apotheken und Arztpraxen und könnte sich negativ auf die wohnortnahe Versorgung auswirken.

Mittelstand bleibt stabil – große Unternehmen zunehmend betroffen

Besonders besorgniserregend ist der deutliche Anstieg an Schließungen größerer Unternehmen: Über 4.050 wirtschaftlich aktive Betriebe gaben 2024 auf – nahezu doppelt so viele wie in einem durchschnittlichen Jahr. Laut Creditreform ist dies ein deutliches Warnsignal: Produktionsverlagerungen ins Ausland und Investitionszurückhaltung führen zu einem schleichenden Substanzverlust der deutschen Wirtschaft.

Dagegen verlief die Entwicklung bei kleinen, inhabergeführten Unternehmen moderater. Hier zeigt sich ein anderes Problem: Viele Schließungen sind demografisch bedingt. Zahlreiche Unternehmensinhaberinnen und -inhaber erreichen das Rentenalter, ohne Nachfolger zu finden. Der Weg in die Selbstständigkeit verliert für viele junge Menschen an Attraktivität.

Fortsetzung eines besorgniserregenden Trends

Die aktuellen Zahlen zu Unternehmensschließungen fügen sich nahtlos in die Entwicklungen ein, die bereits im Beitrag „Wirtschaftliche Erholung unter Druck: Rekordhoch bei Insolvenzen warnt vor strukturellen Risiken“ thematisiert wurden. Während Insolvenzen primär akute wirtschaftliche Krisen abbilden, zeigt die nun dokumentierte Zunahme an regulären Geschäftsaufgaben, dass auch langfristige strukturelle Faktoren – etwa der demografische Wandel, Fachkräftemangel und ein sinkendes Investitionsklima – tief in die Substanz der deutschen Unternehmenslandschaft eingreifen. Zusammen zeichnen beide Entwicklungen ein klares Bild: Die wirtschaftliche Erholung bleibt fragil und steht unter anhaltendem Druck.

Folgen für Standort und Politik

Die Zahlen zeigen eine tiefgreifende strukturelle Belastung der deutschen Wirtschaft. Besonders kritisch ist die Entwicklung in als zukunftsträchtig geltenden Branchen. Die strukturellen Ursachen – von der Energiepreispolitik über den Fachkräftemangel bis zur Nachfolgethematik – bedürfen aus Sicht der Studienautoren dringender politischer Gegenmaßnahmen. Ein zentrales Problem ist zudem die sinkende Attraktivität der Selbstständigkeit für nachrückende Generationen.

„Viele junge Menschen empfinden eine abhängige Beschäftigung als attraktiver und lukrativer als den Weg in die Selbstständigkeit“, ergänzt Dr. Sandra Gottschalk, wissenschaftlicher Kontakt am ZEW Mannheim.

Die Politik steht somit vor der Aufgabe, gezielt Anreize zu schaffen, um Unternehmertum wieder attraktiver zu machen und den Erhalt mittelständischer Strukturen zu sichern. Die Gefahr: Ein schleichender Verlust von Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit.

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