Wenn die Schuldfrage im Raum steht

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Warum es sich bei der momentanen Energiekrise in Deutschland um ein selbst gemachtes Leiden handelt, erklärt Thomas Schoy, Mitinhaber und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Privates Institut.

Noch vor Kurzem stellte die deutsche Solarbranche einen neuen Einspeisungsrekord auf. Dabei speisten hiesige Photovoltaik-Anlagen mehr als 40 Gigawatt Leistung in das Stromnetz ein und sorgten somit für fast 80 Prozent der verbrauchten Strommenge zu diesem Zeitpunkt.1

Gleichzeitig erweist sich jedoch Deutschlands und auch Europas derzeitige energiepolitische Lage als sehr kritisch. Russland liefert noch immer weniger Gas als bestellt und die Füllstände der hiesigen Gasspeicher reichen momentan wahrscheinlich noch nicht für den Winter. Außerdem bangen die politisch Verantwortlichen um die Dauer des Zeitraums, in dem Putin das Gas noch laufen lässt, und darum, ob sie die Vorräte noch bis zu terminlich vorgeschriebenen Maß füllen können.

Thomas Schoy, Mitinhaber und Geschäftsführer, PIN Privates Institut für Energieversorgung GmbH

Dies erweist sich als Grund für Robert Habecks aktuellen Aufruf an Verbraucherinnen und Verbraucher sowie die Industrie, möglichst viel Strom zu sparen.

Aber warum müssen Bürgerinnen und Bürger in diesem heißen Sommer auf ihre Klimaanlage verzichten, um im Winter genug Strom zum Heizen zu haben? Dies liegt am gegenwärtigen Strommix in Deutschland, wo im Jahre 2022 immer noch ein großer Teil der Energie aus fossilen Trägern entsteht, wie beispielsweise Gas, Kohle oder bis Ende des Jahres auch noch Atom.

Bequemes Deutschland

Durch den Ausfall von Gas zu Sparzwecken entsteht eine große Lücke, die entweder andere Energieträger, wie Kohle beziehungsweise Atom, oder ein deutschlandweites Sparprogramm ausgleichen muss. Zwar steigt die Anzahl der Photovoltaik- und Windkraft-Anlagen in der Bundesrepublik, aber leider kommt dieser Wandel zu spät für die aktuelle Situation. Daher versuchen Habeck und andere Politiker schnell Alternativen zu finden. Sehr wahrscheinlich müssen die Fossilen Deutschland aus diesem Schlamassel retten. Unternehmen bangen darum, ob sie den Winter ohne Stillstand überstehen, und Verbraucherinnen und Verbraucher suchen schon ihre Wolldecken für die kalte Jahreszeit heraus. Dabei hätte jede Bürgerin und jeder Bürger durch mehr Engagement und weniger Blauäugigkeit gegenüber dem günstigen Gas in ihren Leitungen einen Teil dazu beitragen können, die Krise in diesem Ausmaß vielleicht sogar zu verhindern.

Große Teile der Bevölkerung trafen ihre Wahl im Alltag sowie auf dem Stimmzettel, vermutlich ohne diese Folgen zu bedenken oder die Kosten für den Planeten und das grüne Gewissen einzuberechnen. Mit einem verstärkten Ausbau von Photovoltaik und Windkraft sowie einer damit einhergehenden Erweiterung des Leitungsnetzes vor einigen Jahren sähe die Lage in der Bundesrepublik nicht ganz so
dramatisch aus. Bis heute existiert jedoch keine Möglichkeit, den in offshore-Windparks erzeugten Strom in den Süden der Republik nach Bayern oder Baden-Württemberg zu transportieren, um ihn dortigen Verbraucherinnen und Verbraucher zur Verfügung zu stellen. Deutschland könnte in diesem Fall ohne Probleme Gas zum Heizen sparen und in der Zwischenzeit auf Wind und Sonne bei der Stromerzeugung zurückgreifen.

Schuldzuweisung scheint einfach

In der Vergangenheit machten sich westliche Volkswirtschaften und Demokratien inklusive ihrer Bürgerinnen und Bürger unter dem Vorwand ‚Wandel durch Handel‘ von Despoten und Systemgegnern abhängig. Hier erworbene Waren, Güter und auch günstiges Gas zu Dumpingpreisen befeuerten den hiesigen Wohlstand und sorgten für zufriedene Wählerinnen und Wähler. Erst jetzt, wo beispielsweise Russland den Gashahn immer weiter zudreht und in ganz Europa Lieferketten zerbröseln, wollen Verbraucherinnen und Verbraucher als Nutznießer dieser verqueren Politik nichts mehr damit zu tun haben. Plötzlich suchen sie den Sündenbock in den von ihnen gewählten Politikern.

Wie ein Gebrauchtwagenhändler, der ein zehn Jahre altes Auto mit einem lächerlich geringen Tachostand ohne Fragen zu stellen ankauft, um es gewinnbringend zu veräußern, haben auch die deutsche Bevölkerung und hier ansässige Unternehmen dieses angebliche Schnäppchen nicht hinterfragt und die Gewinne daraus gerne eingestrichen. Dieses Verhalten hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es den meisten schwer fällt, in so langfristigen Zeiträumen zu denken. Zwar existieren unterbewusst Zweifel, welche Auswirkungen das Handeln auf die Gegenwart hat, aber der Blick in eine weit entfernte Zukunft scheint oft eher schwierig.

Chance zur Wende

Jeder weiß, dass durch den Klimawandel in der Zukunft Probleme auf die Menschheit zukommen, aber trotzdem möchte kaum einer sein eigenes Leben zu stark einschränken, um dem wirklich entgegenzuwirken. Dafür scheinen der Winter doch zu kalt und der Weg zum Supermarkt zu lang für das Fahrrad. Bei mehr Gewissenhaftigkeit vonseiten der Verbraucherinnen und Verbraucher wäre es niemals zu solchen politischen Fehlentscheidungen gekommen. In diesem Zusammenhang braucht es dringend eine Rückbesinnung auf humanistische Werte. Gelebtes Pflichtbewusstsein muss bei vielen wieder ins Zentrum des täglichen Denkens und Handelns rücken und somit auch den Weg für eine bessere Zukunft bereiten. Nur mit Engagement und aktivem Handeln kann es zu einem entscheidenden Wandel in der Energieversorgung kommen und sich diese Krise zu einer Chance für die Wende entwickeln.

1 https://www.energycharts-info/charts/power/chart.htm?l=de&c=DE&stacking=stacked_absolute_area&week=28&source=public&l egendItems=0000000000000000010000&year=2022

Bild (2): © PIN Privates Institut für Energieversorgung GmbH