Teures Gas, leere Speicher: Deutschland gerät unter Beschaffungsdruck
Der europäische Gasmarkt bleibt unter erheblichem Druck. Der TTF-Frontkontrakt notiert am Donnerstag bei rund 78 Euro je Megawattstunde, nachdem der Preis zu Wochenbeginn zeitweise über 83 Euro gestiegen war. Damit bewegt sich Erdgas auf dem höchsten Niveau seit Ende 2022. Zwei Faktoren treffen dabei unmittelbar aufeinander: die Störungen der LNG-Lieferungen durch den Krieg am Persischen Golf und ungewöhnlich niedrige europäische Speicherstände.
Die Straße von Hormus bleibt der zentrale externe Risikofaktor. Der Krieg hat den LNG-Verkehr durch die Meerenge massiv beeinträchtigt. Für Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate ist Hormus die zentrale Exportroute für Flüssiggas. Selbst bei einer Wiederöffnung wäre die Versorgung nicht sofort wieder auf Vorkriegsniveau: Rund 17 Prozent der katarischen LNG-Kapazität sind nach Schäden an Produktionsanlagen derzeit nicht verfügbar.
Damit trifft ein geopolitisch verknapptes Angebot auf Europa, das vor dem Winter zusätzliche Mengen benötigt.
Deutschland muss schneller einspeichern
Besonders deutlich wird das in Deutschland. Die Gasspeicher sind Mitte September erst zu rund 56 Prozent gefüllt. Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigt zugleich, dass das bundeseigene Energieunternehmen SEFE seine Speicherbefüllung verstärkt. Das Ministerium begrüßt und unterstützt diese Aktivitäten. Auch andere Marktteilnehmer speichern derzeit verstärkt ein.
Die Bundesregierung betont allerdings weiterhin, dass die Wintervorsorge Aufgabe des Marktes sei. Eine Anordnung an SEFE gebe es nicht; das operative Geschäft des Unternehmens sei vom Ministerium unabhängig. Berichte über eine politische Initiative der Wirtschaftsministerin kommentierte das Ministerium nicht.
Ökonomisch entscheidend ist weniger diese Abgrenzung als der Zeitpunkt der Käufe. Deutschland benötigt zusätzliche Vorräte, während der globale LNG-Markt bereits angespannt ist.
Die niedrigen Speicher erhöhen den Beschaffungsbedarf
Je geringer die Vorräte vor Beginn der Heizperiode sind, desto weniger Zeit bleibt für weitere Einspeicherungen. Deutschland und andere europäische Länder benötigen zusätzliche Mengen und konkurrieren dabei auf dem internationalen LNG-Markt mit Abnehmern in anderen Regionen.
Kpler bezifferte den Füllstand der EU-Speicher am 8. September auf 67,3 Prozent. Gleichzeitig gingen die europäischen LNG-Importe innerhalb einer Woche um 19,4 Prozent zurück. Der Marktanalyst erwartet anhaltenden Beschaffungsbedarf vor dem Winter.
Branchenvertreter warnen inzwischen vor einer weiteren Verschärfung im Winter. Europa gehe mit den niedrigsten Lagerbeständen seit Jahren in die kalte Jahreszeit, während die Straße von Hormus weiterhin geschlossen sei. Das erhöht den Wettbewerb um flexible LNG-Ladungen.
Für die Preisbildung treffen damit zwei Entwicklungen zusammen: eingeschränkte LNG-Lieferungen aus der Golfregion und zusätzlicher europäischer Bedarf zur Befüllung der Speicher.
LNG-Markt gewinnt für Europa weiter an Bedeutung
Seit dem starken Rückgang russischer Pipelineimporte hat Europa seine LNG-Importkapazitäten ausgebaut und seine Bezugsquellen verbreitert. Damit ist zugleich die Bedeutung des internationalen LNG-Marktes für die europäische Versorgung gestiegen.
Anders als Pipelinegas können LNG-Ladungen vergleichsweise flexibel zwischen Absatzmärkten umgeleitet werden. Für europäische Käufer sind deshalb neben der verfügbaren Menge auch die Preise und die Nachfrage in anderen Importregionen relevant.
Der Konflikt um die Straße von Hormus trifft Europa in einer Phase, in der zusätzliche Mengen für die Speicher benötigt werden. Niedrigere Füllstände zu Beginn des Herbstes erhöhen dabei den Bedarf an weiteren Importen vor der Heizperiode.
Auch die Finanzierung der Speicherabsicherung hat sich verändert. Seit Januar 2026 wird die Gasspeicherumlage nicht mehr von den Gaskunden erhoben. Die entsprechenden Kosten werden aus dem Bundeshaushalt finanziert. Die Bundesregierung beziffert die unmittelbare Entlastung der Verbraucher auf mehr als drei Milliarden Euro.
Für den kommenden Winter hängt die weitere Entwicklung damit vor allem von drei Faktoren ab: der Dauer der Einschränkungen am Persischen Golf, der Verfügbarkeit zusätzlicher LNG-Ladungen und dem Tempo der europäischen Speicherbefüllung. Die niedrigen deutschen Speicherstände erhöhen dabei den Beschaffungsbedarf in einem Markt, dessen Preise derzeit stark von geopolitischen Risiken geprägt werden.
Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Bundesregierung, Bundesnetzagentur, Kpler, Gas Infrastructure Europe (GIE), SEFE, Markt-/TTF-Daten, Stand: 17. September 2026.
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