Elektronischer Medikationsplan: Zustimmung ist hoch – der eigentliche Engpass liegt in der Versorgung
Mit der Pilotierung des elektronischen Medikationsplans (eMP) in der elektronischen Patientenakte (ePA) beginnt eine weitere Ausbaustufe der digitalen Gesundheitsversorgung. Während die Einführung bei Leistungserbringern bis Herbst 2026 schrittweise erfolgt, signalisiert eine repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag des AOK-Bundesverbandes eine außergewöhnlich hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Die eigentliche Herausforderung liegt damit nicht mehr in der gesellschaftlichen Zustimmung, sondern in der praktischen Umsetzung innerhalb der Versorgung.
Hohe Akzeptanz für mehr Transparenz bei der Medikation
Nach der Befragung bewerten 90 Prozent der gesetzlich Versicherten den elektronischen Medikationsplan positiv. Besonders hoch ist die Zustimmung dort, wo unmittelbare Verbesserungen der Behandlungsqualität erwartet werden:
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90 Prozent begrüßen den besseren Überblick behandelnder Ärztinnen und Ärzte über die Medikation.
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89 Prozent befürworten den Einblick in verordnete Arzneimittel und Dosierungen.
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88 Prozent sehen Vorteile bei der Vermeidung gefährlicher Wechselwirkungen.
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86 Prozent erwarten eine bessere Übersicht über die eigene Medikation.
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85 Prozent sehen einen Sicherheitsgewinn für pflegende Angehörige.
Etwas zurückhaltender fällt die Zustimmung beim Zugriff der Apotheken aus. Zwar unterstützen auch hier 80 Prozent einen Einblick in Medikamente und Dosierungen, die niedrigere Zustimmung verdeutlicht jedoch die weiterhin bestehende Sensibilität beim Datenzugriff außerhalb der behandelnden Arztpraxis.
Digitalisierung ersetzt den Papierplan nicht sofort
Der elektronische Medikationsplan ergänzt zunächst die bereits automatisch aus E-Rezepten erzeugte Medikationsliste innerhalb der ePA. Anders als diese enthält der Medikationsplan künftig auch Informationen zu Dosierung, Einnahmehinweisen sowie nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln.
Anspruch auf einen Medikationsplan haben Versicherte mit mindestens drei dauerhaft verordneten Arzneimitteln. Laut Befragung betrifft dies bereits 36 Prozent aller gesetzlich Versicherten. Gleichzeitig verfügen lediglich 62 Prozent dieser Anspruchsberechtigten bislang über einen schriftlichen Medikationsplan.
Besonders deutlich zeigt sich die Bedeutung bei älteren Menschen: Unter den über 60-Jährigen nehmen 60 Prozent mindestens drei verordnete Medikamente ein, 73 Prozent besitzen bereits einen Papierplan.
Ökonomisch handelt es sich damit weniger um eine neue Leistung als um die Digitalisierung eines bereits etablierten Instruments. Der erwartete Nutzen entsteht vor allem durch höhere Aktualität, bessere Verfügbarkeit und die Einbindung sämtlicher behandelnder Leistungserbringer.
Der Engpass liegt in der Implementierung
Die hohe Zustimmung kontrastiert mit dem tatsächlichen Stand der Einführung. Bis sämtliche Praxisverwaltungssysteme den elektronischen Medikationsplan unterstützen, wird die Pilotierungsphase nach Angaben des AOK-Bundesverbandes noch bis zum Herbst andauern.
Noch deutlicher wird der Umsetzungsrückstand beim Informationsstand der Versicherten:
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Nur 47 Prozent fühlen sich gut über die ePA informiert.
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51 Prozent geben an, weiterhin schlecht informiert zu sein.
Auch in den Arztpraxen bleibt die elektronische Patientenakte bislang weitgehend unsichtbar. Obwohl Vertragsärzte seit Oktober 2025 zur Befüllung der ePA verpflichtet sind, berichten 81 Prozent der Befragten mit Arztkontakt im laufenden Jahr, dass das Thema in der Praxis überhaupt nicht angesprochen wurde. Lediglich 12 Prozent wurden aktiv von Arzt oder Praxispersonal darauf hingewiesen.
Damit verschiebt sich die Debatte. Die Akzeptanz der Bevölkerung ist offenbar nicht länger der limitierende Faktor. Vielmehr entscheidet inzwischen die organisatorische Integration in den Praxisalltag über den Erfolg der Digitalisierung.
Zwischen Versorgungseffizienz und Datenschutz
Bemerkenswert ist auch das Verhältnis zwischen Nutzen und Datenschutz. Versicherte können künftig innerhalb der ePA dem Anlegen eines elektronischen Medikationsplans widersprechen. Von dieser Möglichkeit wollen jedoch lediglich ein Prozent der Befragten Gebrauch machen, sofern sie der elektronischen Patientenakte nicht bereits grundsätzlich widersprochen haben.
Diese Zahlen deuten darauf hin, dass konkrete medizinische Mehrwerte das Vertrauen in digitale Anwendungen deutlich stärken können. Während abstrakte Datenschutzdebatten die Einführung der ePA über Jahre prägten, verschiebt sich die Bewertung zunehmend hin zum praktischen Nutzen im Versorgungsalltag.
Digitale Infrastruktur wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor
Parallel versucht die AOK, den Zugang zur ePA über ein digitales Identifizierungsverfahren mittels Nect Wallet zu vereinfachen. Perspektivisch soll ab 2027 auch die europäische EUDI-Wallet zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten eröffnen.
Ordnungspolitisch markiert dies einen wichtigen Wandel. Die elektronische Patientenakte entwickelt sich schrittweise von einer isolierten Gesundheitsanwendung zu einem Bestandteil einer umfassenderen digitalen Identitätsinfrastruktur.
Strukturelle Bedeutung
Der elektronische Medikationsplan verändert weniger die Arzneimittelversorgung selbst als deren Informationsökonomie. Bislang liegen Medikationsdaten verteilt auf Arztpraxen, Krankenhäusern, Apotheken und Papierdokumenten. Die Digitalisierung bündelt diese Informationen erstmals sektorenübergreifend und schafft damit die Grundlage für effizientere Therapieentscheidungen, weniger Doppelverordnungen und geringere Risiken durch Wechselwirkungen.
Die hohe gesellschaftliche Zustimmung zeigt, dass die Akzeptanz digitaler Gesundheitsanwendungen inzwischen vorhanden ist. Ob daraus tatsächlich Produktivitätsgewinne entstehen, entscheidet jedoch nicht die Technik allein, sondern die Geschwindigkeit ihrer Integration in den Versorgungsalltag. Die eigentliche Herausforderung der ePA ist damit nicht mehr ihre Einführung, sondern ihre konsequente Nutzung.
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