Elementarschaden-Pflichtversicherung: Zwischen politischem Druck und aktuarieller Realität

Veröffentlichung: 28.04.2026, 14:04 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

Die Schäden durch Naturgefahren steigen, die Absicherung bleibt lückenhaft. Während die Politik über eine Pflichtversicherung diskutiert, zeigen aktuelle Fachbeiträge: Eine einfache Lösung gibt es nicht – weder aus dem Ausland noch aus der Theorie.

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Steigende Schäden durch Naturgefahren erhöhen den Druck auf Politik und Versicherungswirtschaft – die Diskussion um eine Pflichtversicherung bleibt komplex.Steigende Schäden durch Naturgefahren erhöhen den Druck auf Politik und Versicherungswirtschaft – die Diskussion um eine Pflichtversicherung bleibt komplex.Redaktion experten.de / KI-generiert

Die Diskussion um eine verpflichtende Elementarschadenversicherung gewinnt an Dynamik – getrieben von steigenden Schäden und einer weiterhin begrenzten Versicherungsdichte. Zwar verfügen die meisten Wohngebäude in Deutschland über eine Grundabsicherung, doch nur rund 57 Prozent sind auch gegen Naturgefahren wie Starkregen oder Überschwemmung versichert.
Im Schadensfall springt daher regelmäßig der Staat ein. Auf Dauer ist dieses System weder verlässlich noch tragfähig.

Pflicht oder Freiwilligkeit – eine Grundsatzfrage

Die aktuelle Sonderausgabe Aktuar aktuell der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) zeigt, dass die Debatte weit über eine einfache Pflichtlösung hinausgeht. Bereits im Editorial macht DAV-Vorsitzende Susanna Adelhardt deutlich, dass es um eine grundlegende Entscheidung zwischen individueller Verantwortung und kollektiver Absicherung geht. Pflichtsysteme und freiwillige Absicherung folgen unterschiedlichen Logiken – und lassen sich nicht beliebig kombinieren.

Ohne Pflicht droht ein systemisches Problem

Aus aktuarieller Sicht ist der Kern des Problems klar: Naturgefahren sind kein klassisches Individualrisiko, sondern ein Kumulrisiko. Einzelne Ereignisse können viele Versicherte gleichzeitig treffen und das System erheblich belasten.
Gleichzeitig bleibt die freiwillige Absicherung lückenhaft – auch weil viele Eigentümer auf staatliche Hilfe im Schadensfall vertrauen.

Wie sich daraus ein strukturelles Problem entwickelt, beschreibt Constantin Papaspyratos, Chefökonom und Abteilungsleiter Strategische Planung beim Bund der Versicherten (BdV), in seinem Beitrag „Die Illusion der Freiwilligkeit: warum Staatshaushalte und Steuerzahler die schlechtere Versichertengemeinschaft sind“. Ohne verpflichtende Absicherung würden Schäden regelmäßig auf die Allgemeinheit verlagert – etwa über steuerfinanzierte Hilfen.

Frankreich ist keine Blaupause

In der politischen Diskussion wird häufig auf Frankreich verwiesen. Aus Sicht des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) greift dieser Vergleich jedoch zu kurz.
Das französische CatNat-System basiert auf einem gesetzlich festgelegten Zuschlag auf Versicherungsverträge und wird durch die staatlich gestützte Rückversicherung Caisse Centrale de Réassurance abgesichert. Es handelt sich damit nicht um einen klassischen Marktmechanismus, sondern um ein kollektiv organisiertes System mit starker staatlicher Rolle.
Hinzu kommen Unterschiede bei den Leistungen: Während in Deutschland häufig der Wiederaufbau nach aktuellem Standard versichert ist, zielt das französische Modell primär auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ab. Der GDV betont daher, dass ein reiner Beitragsvergleich zentrale Unterschiede bei Leistung und Risikotragung ausblendet.

Aktuarielle Grenzen einfacher Lösungen

Die Beiträge der Aktuare machen deutlich, warum viele Modelle scheitern würden: Entscheidend ist die Kombination aus Pflicht, Kalkulation und Marktstruktur.
So gilt aus aktuarieller Sicht:

  • Freiwillige Systeme funktionieren nur mit risikogerechter Prämienkalkulation
  • Einheitstarife ohne Pflicht führen zu negativer Risikoselektion
  • Pflichtsysteme benötigen klare Regeln zur Risikoverteilung und Finanzierung

Besonders kritisch ist die Frage, wie stark Risiken kollektiv getragen werden sollen. Pauschale Systeme schwächen tendenziell die Anreize zur Prävention – ein Problem, das auch in internationalen Modellen sichtbar wird.

Prävention als unterschätzter Schlüssel

Parallel zur Versicherungsfrage rückt ein weiterer Aspekt in den Fokus: Prävention. Die Analyse der Naturgefahren zeigt, dass Schäden nicht nur durch Ereignisse selbst entstehen, sondern durch die Verletzlichkeit von Systemen. Siedlungsentwicklung in Risikogebieten, fehlende Schutzmaßnahmen und unzureichende Risikowahrnehmung verstärken die Schäden erheblich.
Ein wirksames System muss daher mehr leisten als reine Finanzierung: Es muss Anreize schaffen, Risiken zu vermeiden.

Deutschland braucht ein eigenes Modell

Vor diesem Hintergrund erscheint die Übernahme eines bestehenden Systems wenig sinnvoll. Stattdessen rückt ein anderer Ansatz in den Mittelpunkt: eine Kombination aus privatwirtschaftlicher Absicherung, staatlicher Rückversicherung und gezielter Prävention.
Auch der GDV setzt auf ein solches Modell. Mit Konzepten wie „Elementar Re“ soll ein System entstehen, das extreme Risiken absichert, ohne den Marktmechanismus vollständig außer Kraft zu setzen.

Die zentrale Erkenntnis aus Theorie und Praxis bleibt jedoch: Eine tragfähige Lösung muss mehrere Ziele gleichzeitig erfüllen – höhere Versicherungsdichte, finanzielle Stabilität und wirksame Prävention.

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