Elementarschaden-Pflichtversicherung: Zwischen politischem Druck und aktuarieller Realität
Die Schäden durch Naturgefahren steigen, die Absicherung bleibt lückenhaft. Während die Politik über eine Pflichtversicherung diskutiert, zeigen aktuelle Fachbeiträge: Eine einfache Lösung gibt es nicht – weder aus dem Ausland noch aus der Theorie.
Die Diskussion um eine verpflichtende Elementarschadenversicherung gewinnt an Dynamik – getrieben von steigenden Schäden und einer weiterhin begrenzten Versicherungsdichte. Zwar verfügen die meisten Wohngebäude in Deutschland über eine Grundabsicherung, doch nur rund 57 Prozent sind auch gegen Naturgefahren wie Starkregen oder Überschwemmung versichert.
Im Schadensfall springt daher regelmäßig der Staat ein. Auf Dauer ist dieses System weder verlässlich noch tragfähig.
Pflicht oder Freiwilligkeit – eine Grundsatzfrage
Die aktuelle Sonderausgabe Aktuar aktuell der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) zeigt, dass die Debatte weit über eine einfache Pflichtlösung hinausgeht. Bereits im Editorial macht DAV-Vorsitzende Susanna Adelhardt deutlich, dass es um eine grundlegende Entscheidung zwischen individueller Verantwortung und kollektiver Absicherung geht. Pflichtsysteme und freiwillige Absicherung folgen unterschiedlichen Logiken – und lassen sich nicht beliebig kombinieren.
Ohne Pflicht droht ein systemisches Problem
Aus aktuarieller Sicht ist der Kern des Problems klar: Naturgefahren sind kein klassisches Individualrisiko, sondern ein Kumulrisiko. Einzelne Ereignisse können viele Versicherte gleichzeitig treffen und das System erheblich belasten.
Gleichzeitig bleibt die freiwillige Absicherung lückenhaft – auch weil viele Eigentümer auf staatliche Hilfe im Schadensfall vertrauen.
Wie sich daraus ein strukturelles Problem entwickelt, beschreibt Constantin Papaspyratos, Chefökonom und Abteilungsleiter Strategische Planung beim Bund der Versicherten (BdV), in seinem Beitrag „Die Illusion der Freiwilligkeit: warum Staatshaushalte und Steuerzahler die schlechtere Versichertengemeinschaft sind“. Ohne verpflichtende Absicherung würden Schäden regelmäßig auf die Allgemeinheit verlagert – etwa über steuerfinanzierte Hilfen.
Frankreich ist keine Blaupause
In der politischen Diskussion wird häufig auf Frankreich verwiesen. Aus Sicht des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) greift dieser Vergleich jedoch zu kurz.
Das französische CatNat-System basiert auf einem gesetzlich festgelegten Zuschlag auf Versicherungsverträge und wird durch die staatlich gestützte Rückversicherung Caisse Centrale de Réassurance abgesichert. Es handelt sich damit nicht um einen klassischen Marktmechanismus, sondern um ein kollektiv organisiertes System mit starker staatlicher Rolle.
Hinzu kommen Unterschiede bei den Leistungen: Während in Deutschland häufig der Wiederaufbau nach aktuellem Standard versichert ist, zielt das französische Modell primär auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ab. Der GDV betont daher, dass ein reiner Beitragsvergleich zentrale Unterschiede bei Leistung und Risikotragung ausblendet.
Aktuarielle Grenzen einfacher Lösungen
Die Beiträge der Aktuare machen deutlich, warum viele Modelle scheitern würden: Entscheidend ist die Kombination aus Pflicht, Kalkulation und Marktstruktur.
So gilt aus aktuarieller Sicht:
- Freiwillige Systeme funktionieren nur mit risikogerechter Prämienkalkulation
- Einheitstarife ohne Pflicht führen zu negativer Risikoselektion
- Pflichtsysteme benötigen klare Regeln zur Risikoverteilung und Finanzierung
Besonders kritisch ist die Frage, wie stark Risiken kollektiv getragen werden sollen. Pauschale Systeme schwächen tendenziell die Anreize zur Prävention – ein Problem, das auch in internationalen Modellen sichtbar wird.
Prävention als unterschätzter Schlüssel
Parallel zur Versicherungsfrage rückt ein weiterer Aspekt in den Fokus: Prävention. Die Analyse der Naturgefahren zeigt, dass Schäden nicht nur durch Ereignisse selbst entstehen, sondern durch die Verletzlichkeit von Systemen. Siedlungsentwicklung in Risikogebieten, fehlende Schutzmaßnahmen und unzureichende Risikowahrnehmung verstärken die Schäden erheblich.
Ein wirksames System muss daher mehr leisten als reine Finanzierung: Es muss Anreize schaffen, Risiken zu vermeiden.
Deutschland braucht ein eigenes Modell
Vor diesem Hintergrund erscheint die Übernahme eines bestehenden Systems wenig sinnvoll. Stattdessen rückt ein anderer Ansatz in den Mittelpunkt: eine Kombination aus privatwirtschaftlicher Absicherung, staatlicher Rückversicherung und gezielter Prävention.
Auch der GDV setzt auf ein solches Modell. Mit Konzepten wie „Elementar Re“ soll ein System entstehen, das extreme Risiken absichert, ohne den Marktmechanismus vollständig außer Kraft zu setzen.
Die zentrale Erkenntnis aus Theorie und Praxis bleibt jedoch: Eine tragfähige Lösung muss mehrere Ziele gleichzeitig erfüllen – höhere Versicherungsdichte, finanzielle Stabilität und wirksame Prävention.
Themen:
LESEN SIE AUCH
Mehrheit für Pflichtversicherung gegen Hochwasser und Naturgefahren
Elementar Re: Versicherer legen Modell für neues Sicherungssystem vor
Die Bayerische startet Rückstau-Check
Pflichtversicherung bei Elementarschäden: Mehrheit der Vermittler dafür
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
GKV-Reform: Spitzenverband sieht richtigen Ansatz – fordert aber Nachschärfungen
GKV unter Druck: Wie Klingbeils Sparkurs das System auf Budgetlogik zwingt
EEG-Reform unter Druck: Ministeriumsentwurf trifft auf ökonomische Realität
Reiche gerät unter Druck – Merz mahnt zur Zurückhaltung
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.














