Steuerprivileg Ehe: Wem das Splitting wirklich nützt – und wer die Reform bezahlt

Veröffentlichung: 02.04.2026, 07:04 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Die Reform des Ehegattensplittings trifft vor allem Alleinverdiener. Warum die Arbeitsmarkteffekte begrenzt bleiben.

(PDF)
Die Reform des Ehegattensplittings trifft gezielt ein Modell: den Alleinverdiener. Doch der große Arbeitsmarkteffekt bleibt fraglich.Die Reform des Ehegattensplittings trifft gezielt ein Modell: den Alleinverdiener. Doch der große Arbeitsmarkteffekt bleibt fraglich.Fotalia

Das Ehegattensplitting gehört zu den teuersten, aber auch trägsten Instrumenten der deutschen Steuerpolitik. Rund 25 Milliarden Euro pro Jahr verzichtet der Staat laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf Einnahmen – zugunsten verheirateter Paare. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Es geht nicht um „die Ehe“, sondern um ein sehr spezifisches Modell von Erwerbsarbeit.

Ein System für Ungleichheit im Haushalt

Die Logik des Splittings ist simpel: Zwei Einkommen werden zusammengelegt, halbiert und dann besteuert. Was technisch klingt, hat klare Verteilungsfolgen. Je größer der Einkommensunterschied zwischen den Partnern, desto größer der Steuervorteil.
Das Ergebnis ist eindeutig:

  • 91 Prozent der Entlastung gehen an Familien mit Kindern
  • Ein erheblicher Teil entfällt auf Haushalte mit nur einem Einkommen
  • Doppelverdiener profitieren deutlich weniger

Obwohl es fünfmal so viele Doppelverdiener wie Alleinverdiener gibt, kassiert letztere Gruppe überproportional. Das Splitting belohnt also nicht Ehe an sich, sondern ökonomische Asymmetrie.

Die Reform: Korrektur statt Systemwechsel

Die Politik tastet sich deshalb an eine Reform heran. Im Kern steht ein Modell, das den Vorteil begrenzen soll: das sogenannte Realsplitting. Statt das gesamte Einkommen steuerlich zu teilen, dürfte künftig nur noch ein fixer Betrag übertragen werden – etwa in Höhe des Grundfreibetrags.

Das hat klare Folgen:

  • Ein Alleinverdiener mit 100.000 Euro Einkommen müsste laut IW rund 4.500 Euro mehr Steuern zahlen
  • Klassische Doppelverdiener-Haushalte blieben weitgehend verschont

Die Reform trifft damit nicht „die Mitte“, sondern sehr gezielt ein bestimmtes Lebensmodell.

Mehr Arbeit durch weniger Steuervorteil?

Das politische Ziel ist ebenso klar wie umstritten: Mehr Menschen sollen arbeiten, vor allem Zweitverdiener. Tatsächlich sinkt mit einer Reform die steuerliche Belastung auf zusätzliches Einkommen. Wer mehr arbeitet, behält mehr vom Lohn.
Doch dieser Mechanismus greift nur unter Bedingungen:

  • Es muss Kinderbetreuung geben
  • Arbeitszeit muss überhaupt ausweitbar sein
  • Haushalte müssen ihre Rollen neu organisieren wollen

Fehlt einer dieser Faktoren, bleibt der Effekt theoretisch.

Langsame Wirkung, begrenzte Reichweite

Hinzu kommt: Die Reform soll voraussichtlich nur für neue Ehen gelten. Bestehende Haushalte bleiben außen vor. Damit verschiebt sich das System, aber nur sehr langsam.
Kurzfristig bedeutet das:

  • Kaum zusätzliche Steuereinnahmen
  • Kaum messbare Effekte auf den Arbeitsmarkt

Langfristig könnte sich das Erwerbsverhalten verändern – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Ein Baustein, kein Gamechanger

Die Debatte um das Ehegattensplitting wird oft überhöht geführt. Tatsächlich handelt es sich um eine Stellschraube im System, nicht um dessen Kern. Steuerpolitik kann Anreize setzen – aber keine Betreuungsplätze schaffen und keine Arbeitszeitmodelle flexibilisieren.
Genau darin liegt die Grenze der Reform.

Systemische Konsequenz

Die Einschränkung des Ehegattensplittings verschiebt steuerliche Vorteile weg vom Einverdiener-Modell hin zu dualen Erwerbsformen. Sie korrigiert Anreize, ersetzt aber keine Infrastrukturpolitik. Ohne parallele Investitionen in Betreuung und Arbeitsmarkt bleibt sie ein fiskalischer Eingriff mit begrenzter realwirtschaftlicher Wirkung.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Die Debatte um die abschlagsfreie Frührente gewinnt an Fahrt. Eine aktuelle DIW-Studie sieht Milliarden-Einsparpotenziale und zusätzliche Arbeitskräfte, falls Beschäftigte länger im Erwerbsleben bleiben.Die Debatte um die abschlagsfreie Frührente gewinnt an Fahrt. Eine aktuelle DIW-Studie sieht Milliarden-Einsparpotenziale und zusätzliche Arbeitskräfte, falls Beschäftigte länger im Erwerbsleben bleiben.Redaktion experten.de / KI-generiert
Studien

Frührente kostet Milliarden: Soll die Rente mit 63 abgeschafft werden?

Die abschlagsfreie Frührente gehört zu den beliebtesten Rentenarten in Deutschland. Doch eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung stellt die Regelung nun infrage. Die Autoren sehen ein Einsparpotenzial von 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang und verweisen zugleich auf zusätzliche Arbeitskräfte für den angespannten Arbeitsmarkt.
Das Elterngeld wird inzwischen immer häufiger genutzt: Laut Destatis haben rund 1,61 Millionen Frauen und Männer in Deutschland im Jahr 2025 Elterngeld erhalten.Das Elterngeld wird inzwischen immer häufiger genutzt: Laut Destatis haben rund 1,61 Millionen Frauen und Männer in Deutschland im Jahr 2025 Elterngeld erhalten.smpratt90 / pixabay
Verbraucher

Elterngeld: Warum viele Familien auf Tausende Euro verzichten

Basiselterngeld oder Elterngeld Plus? Viele Familien schöpfen ihre Ansprüche offenbar nicht optimal aus. Laut Finanztip können je nach Modellwahl und Teilzeitplanung Unterschiede von mehreren Tausend Euro entstehen. Gleichzeitig sorgt die politische Debatte um Einkommensgrenzen und mögliche Kürzungen weiter für Unsicherheit.
Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics beim DIW BerlinKatharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics beim DIW BerlinDeutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Politik

„Teilzeit ist oft keine freiwillige Entscheidung“

Teilzeit kürzen, um Vollzeit zu stärken? Der CDU-Vorstoß zur Bekämpfung des Fachkräftemangels stößt auf Kritik. Nicht das Teilzeitrecht sei das Problem, sondern Lücken in der Kinderbetreuung und steuerliche Fehlanreize, so Ökonomen.
13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter. Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor seiner größten demografischen Bewährungsprobe.13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter. Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor seiner größten demografischen Bewährungsprobe.Experten/ KI
Wirtschaft

Der Ruhestand der Babyboomer wird zum Wachstumstest für den Standort Deutschland

Bis 2040 scheiden 13,3 Millionen Erwerbspersonen aus dem Arbeitsmarkt aus. Warum der Fachkräftemangel zum Wachstumsrisiko wird.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht