Steuerprivileg Ehe: Wem das Splitting wirklich nützt – und wer die Reform bezahlt
Die Reform des Ehegattensplittings trifft vor allem Alleinverdiener. Warum die Arbeitsmarkteffekte begrenzt bleiben.
Das Ehegattensplitting gehört zu den teuersten, aber auch trägsten Instrumenten der deutschen Steuerpolitik. Rund 25 Milliarden Euro pro Jahr verzichtet der Staat laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) auf Einnahmen – zugunsten verheirateter Paare. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Es geht nicht um „die Ehe“, sondern um ein sehr spezifisches Modell von Erwerbsarbeit.
Ein System für Ungleichheit im Haushalt
Die Logik des Splittings ist simpel: Zwei Einkommen werden zusammengelegt, halbiert und dann besteuert. Was technisch klingt, hat klare Verteilungsfolgen. Je größer der Einkommensunterschied zwischen den Partnern, desto größer der Steuervorteil.
Das Ergebnis ist eindeutig:
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91 Prozent der Entlastung gehen an Familien mit Kindern
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Ein erheblicher Teil entfällt auf Haushalte mit nur einem Einkommen
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Doppelverdiener profitieren deutlich weniger
Obwohl es fünfmal so viele Doppelverdiener wie Alleinverdiener gibt, kassiert letztere Gruppe überproportional. Das Splitting belohnt also nicht Ehe an sich, sondern ökonomische Asymmetrie.
Die Reform: Korrektur statt Systemwechsel
Die Politik tastet sich deshalb an eine Reform heran. Im Kern steht ein Modell, das den Vorteil begrenzen soll: das sogenannte Realsplitting. Statt das gesamte Einkommen steuerlich zu teilen, dürfte künftig nur noch ein fixer Betrag übertragen werden – etwa in Höhe des Grundfreibetrags.
Das hat klare Folgen:
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Ein Alleinverdiener mit 100.000 Euro Einkommen müsste laut IW rund 4.500 Euro mehr Steuern zahlen
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Klassische Doppelverdiener-Haushalte blieben weitgehend verschont
Die Reform trifft damit nicht „die Mitte“, sondern sehr gezielt ein bestimmtes Lebensmodell.
Mehr Arbeit durch weniger Steuervorteil?
Das politische Ziel ist ebenso klar wie umstritten: Mehr Menschen sollen arbeiten, vor allem Zweitverdiener. Tatsächlich sinkt mit einer Reform die steuerliche Belastung auf zusätzliches Einkommen. Wer mehr arbeitet, behält mehr vom Lohn.
Doch dieser Mechanismus greift nur unter Bedingungen:
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Es muss Kinderbetreuung geben
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Arbeitszeit muss überhaupt ausweitbar sein
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Haushalte müssen ihre Rollen neu organisieren wollen
Fehlt einer dieser Faktoren, bleibt der Effekt theoretisch.
Langsame Wirkung, begrenzte Reichweite
Hinzu kommt: Die Reform soll voraussichtlich nur für neue Ehen gelten. Bestehende Haushalte bleiben außen vor. Damit verschiebt sich das System, aber nur sehr langsam.
Kurzfristig bedeutet das:
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Kaum zusätzliche Steuereinnahmen
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Kaum messbare Effekte auf den Arbeitsmarkt
Langfristig könnte sich das Erwerbsverhalten verändern – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Ein Baustein, kein Gamechanger
Die Debatte um das Ehegattensplitting wird oft überhöht geführt. Tatsächlich handelt es sich um eine Stellschraube im System, nicht um dessen Kern. Steuerpolitik kann Anreize setzen – aber keine Betreuungsplätze schaffen und keine Arbeitszeitmodelle flexibilisieren.
Genau darin liegt die Grenze der Reform.
Systemische Konsequenz
Die Einschränkung des Ehegattensplittings verschiebt steuerliche Vorteile weg vom Einverdiener-Modell hin zu dualen Erwerbsformen. Sie korrigiert Anreize, ersetzt aber keine Infrastrukturpolitik. Ohne parallele Investitionen in Betreuung und Arbeitsmarkt bleibt sie ein fiskalischer Eingriff mit begrenzter realwirtschaftlicher Wirkung.
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