Deutschlands Wachstum hängt am Staat – und am Ölpreis

Veröffentlichung: 13.03.2026, 14:03 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Die deutsche Wirtschaft wächst wieder – aber nur auf dem Papier. Hinter der neuen Konjunkturprognose des RWI-Leibniz-Instituts verbirgt sich eine fragile Lage: steigende Energiepreise, schwache Investitionen und ein Staat, der mit Milliarden versucht, die Konjunktur über Wasser zu halten.

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Sven Lorenz/RWI, CC BY 4.0Sven Lorenz/RWI, CC BY 4.0Prof. Dr. Torsten Schmidt

Energieschock aus dem Nahen Osten

Der Krieg mit Iran hat die wirtschaftliche Ausgangslage für Deutschland abrupt verändert. Seit Ende Februar haben Angriffe auf iranische Ziele und die faktische Blockade der Straße von Hormus die Energiemärkte erschüttert. Rund 20 Prozent der weltweiten Öl- und Gaslieferungen passieren diese Meerenge.

Die Folge ist unmittelbar sichtbar: Der Ölpreis stieg zeitweise auf 108 Dollar pro Barrel, Gaspreise verdoppelten sich auf über 50 Euro, und deutsche Kraftstoffpreise zogen um bis zu 17 Prozent an.

Solche Energiepreisschocks treffen Deutschland besonders hart. Die Industrie ist energieintensiv, gleichzeitig importiert das Land nahezu seine gesamte fossile Energie.

Wachstum bleibt mager

Trotz dieser Belastung erwartet das RWI weiterhin eine leichte wirtschaftliche Erholung. Für 2026 prognostizieren die Ökonomen ein Wachstum von 0,9 Prozent, für 2027 rund 1,2 Prozent.

Das klingt nach Aufschwung, ist aber in Wirklichkeit kaum mehr als Stabilisierung. Deutschland bewegt sich damit weiterhin in einer Phase strukturell schwachen Wachstums.

Der Inflationsdruck bleibt ebenfalls moderat: Die Verbraucherpreise sollen 2026 im Schnitt um 2,6 Prozent steigen, im Jahr darauf um 2,4 Prozent.

Staat ersetzt private Nachfrage

Auffällig ist, woher das Wachstum überhaupt kommt: vom Staat.

Öffentliche Investitionen und Verteidigungsausgaben treiben die Konjunktur an. Allein aus Sonderprogrammen fließen jährlich rund 10 Milliarden Euro in Investitionen, hinzu kommen 7 Milliarden Euro zusätzliche Verteidigungsausgaben pro Jahr.

Ohne diese staatlichen Impulse würde die wirtschaftliche Erholung deutlich schwächer ausfallen.

Private Investitionen bleiben dagegen zurückhaltend. Viele Unternehmen verfügen über freie Kapazitäten und sehen angesichts schwacher Exportmärkte kaum Anlass, ihre Produktion auszuweiten. Handelskonflikte mit den USA und eine nachlassende Wettbewerbsfähigkeit belasten zusätzlich.

Defizite wachsen rapide

Der Preis für diese Stabilisierung ist hoch. Die öffentlichen Finanzen geraten zunehmend unter Druck.

Das Staatsdefizit steigt laut RWI von 119 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 186 Milliarden Euro 2026 und 213 Milliarden Euro 2027. Die Defizitquote erreicht damit 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Damit wird deutlich: Die Konjunktur wird derzeit fiskalisch stabilisiert – aber nicht durch eine dynamische Privatwirtschaft getragen.

Energie bleibt das größte Risiko

Wie stark Deutschland von Energiepreisen abhängig bleibt, zeigt ein Szenario der RWI-Forscher: Steigt der Gaspreis auf 90 Euro, würde die Inflation um 0,4 Prozentpunkte steigen und das Wirtschaftswachstum um 0,4 Prozentpunkte sinken.

Der Iran-Konflikt wirkt damit wie ein Stresstest für die deutsche Wirtschaftsstruktur.

Flexible Arbeit geht wieder zurück

Neben der Konjunkturentwicklung zeigt eine Sonderauswertung des Instituts einen überraschenden Trend auf dem Arbeitsmarkt. Eine Analyse von 14,2 Millionen Stellenanzeigen zeigt, dass Homeoffice- und Teilzeitangebote seit 2023 wieder zurückgehen.

Homeoffice liegt inzwischen wieder auf Vorkrisenniveau vor Corona. Nur noch 5 bis 15 Prozent der Stellenanzeigen bieten Arbeit von zuhause an.

Nach Einschätzung der Forscher korrigiert der Arbeitsmarkt den pandemiebedingten Flexibilitätsschub eigenständig.

Ohne Reformen kein Aufschwung

RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt warnt daher vor falscher Sicherheit. Die staatlichen Impulse könnten zwar kurzfristig stabilisieren, doch ein selbsttragender Aufschwung sei nicht in Sicht.

„Der Iran-Krieg zeigt, wie verwundbar die deutsche Wirtschaft durch Energieabhängigkeiten nach wie vor ist“, sagt Schmidt. Ohne strukturelle Reformen werde das derzeitige Staatswachstum keine dauerhafte Lösung sein.

Die Prognose zeigt damit ein klares Bild: Deutschlands Wirtschaft wächst – aber sie steht weiterhin auf einem fragilen Fundament.

Quelle: RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Konjunkturprognose Frühjahr 2026, Pressemitteilung vom 12. März 2026.

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