Wie konkurrenzfähig ist das deutsche Steuerrecht? Ein internationaler Vergleich zeigt Stärken - und klare Schwächen.
Estland an der Spitze – Deutschland nur im Mittelfeld
Im aktuellen International Tax Competitiveness Index 2025 der US-amerikanischen Tax Foundation belegt Deutschland lediglich Platz 20 von 38 OECD-Staaten. Spitzenreiter ist – zum zwölften Mal in Folge – Estland, das mit einem besonders unternehmensfreundlichen und transparenten Steuersystem punktet.
Die Platzierung Deutschlands spiegelt laut der Tax Foundation ein Steuersystem wider, das zwar über einige strukturelle Vorteile verfügt, im internationalen Vergleich jedoch als wenig wachstumsfreundlich und nur eingeschränkt wettbewerbsfähig gilt.
Was der Index misst – und was nicht
Der Tax Competitiveness Index (ITCI) bewertet nicht primär die Steuerhöhe, sondern die Wettbewerbsfähigkeit und Wachstumsfreundlichkeit eines nationalen Steuersystems. Berücksichtigt werden dabei u. a.:
- Ausgestaltung der Körperschaft- und Einkommensteuer
- Umfang und Gestaltung von Steuervergünstigungen
- Internationales Steuerrecht und Doppelbesteuerungsabkommen
- Besteuerung von Kapital und Vermögen
- Verwaltungskomplexität und Transparenz
Herausgeber des Rankings ist die Tax Foundation mit Sitz in Washington, die seit 1937 steuerpolitische Analysen durchführt.
Deutschlands Pluspunkte: Internationale Verflechtung und Abschreibungsregeln
Trotz der durchwachsenen Platzierung nennt die Tax Foundation auch positive Aspekte des deutschen Steuersystems:
- Breites Netzwerk von Doppelbesteuerungsabkommen: Deutschland unterhält Steuerabkommen mit 95 Ländern, was grenzüberschreitende Investitionen und internationale Geschäftstätigkeit erleichtert.
- Steuerliche Abzugsfähigkeit: Überdurchschnittlich gute Abschreibungs- und Erstattungsregeln für immaterielle Vermögenswerte und Maschinen fördern Investitionen in moderne Technologien.
Diese Punkte verbessern insbesondere für exportorientierte Unternehmen die steuerlichen Rahmenbedingungen.
Deutliche Kritik: Hohe Steuerbelastung auf Unternehmen und Kapital
Negativ bewertet die Tax Foundation vor allem die hohen Steuerbelastungen in Deutschland:
- Körperschaftsteuer: Mit einem Gesamtsteuersatz von über 30 Prozent – inklusive Solidaritätszuschlag – liegt Deutschland auf Rang 4 der höchsten Unternehmensbesteuerung unter allen OECD-Staaten.
- Einkommensteuersätze: Die Spitzensteuersätze auf Arbeitseinkommen, Dividenden und Kapitalerträge zählen ebenfalls zu den höchsten im internationalen Vergleich.
Diese Belastungen wirken sich laut Tax Foundation negativ auf Investitionsanreize, Kapitalbildung und unternehmerische Tätigkeit aus.
Vergleichsmaßstab: Estlands einfaches und investitionsfreundliches Modell
Estland wird erneut als vorbildlich hervorgehoben – aus mehreren Gründen:
- Einheitlicher Steuersatz von 20 Prozent auf Einkommen und Unternehmensgewinne
- Keine Besteuerung nicht ausgeschütteter Unternehmensgewinne
- Grundsteuer nur auf Grundstückswert, nicht auf Gebäude
- Territoriales Steuersystem, das ausländische Gewinne weitgehend von der Besteuerung freistellt
Diese Merkmale führen laut Index zu geringen Verzerrungen, hoher Transparenz und Investitionsanreizen – ein Modell, das besonders für digitalisierte und international agierende Volkswirtschaften attraktiv ist.
Reformbedarf trotz stabiler Struktur
Deutschlands Steuersystem gilt weiterhin als verlässlich und in Teilen investitionsfreundlich, insbesondere im Bereich internationaler Unternehmensbesteuerung. Die Kritikpunkte – vor allem die hohe Steuerbelastung auf Kapital und Arbeit – sind jedoch struktureller Natur und seit Jahren bekannt.
Eine Reform hin zu einem einfacheren, wachstumsorientierten und weniger belastenden Steuermodell könnte Deutschland im internationalen Vergleich deutlich voranbringen. Dabei wäre insbesondere auf eine Entlastung produktiver Investitionen, eine gerechtere Besteuerung von Kapitaleinkünften und eine Reduzierung administrativer Komplexität zu achten.
Im Wettbewerb der Steuersysteme liegt Deutschland im soliden Mittelfeld, zeigt aber in entscheidenden Punkten Nachholbedarf. Die internationale Konkurrenz – allen voran Estland – setzt Maßstäbe, an denen sich die deutsche Steuerpolitik künftig orientieren sollte.
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