Japan steht vor einer kritischen Weichenstellung. Während die Bank of Japan eine erste echte Zinswende seit Jahren vorbereitet, setzt die neue Regierung unter Sanae Takaichi auf eine fiskalische Expansion nach dem Vorbild der „Abenomics“. Stimmen aus dem Markt – Julius Bär und FERI – sehen das Land in einem potenziell explosiven Spannungsfeld. Die eine Seite warnt vor Marktvolatilität und Kapitalrückflüssen, die andere sogar vor einem „Liz-Truss-Moment“.
Ihre kurze Amtszeit endete im Herbst 2022 praktisch in Echtzeit, als die Finanzmärkte ihrem radikal finanzierten Steuersenkungskurs das Vertrauen entzogen. Binnen weniger Tage stürzten Pfund und Staatsanleihen ab, Pensionsfonds gerieten unter Druck – ein politischer Kurswechsel wurde zur finanziellen Notbremsung. Seitdem steht der Begriff „Liz-Truss-Moment“ für genau dieses Szenario: den Punkt, an dem Märkte eine Regierung zwingen, ihre Politik abrupt zu korrigieren.
Genau eine solche Dynamik beschäftigt derzeit Japan. Zwei Analysen – von FERI und Julius Bär – beleuchten, wie nah das Land einem finanzpolitischen oder geldpolitischen Schock kommen könnte.
Zinserhöhungssignale der Bank of Japan – Risiko eines Marktknicks?
Julius Bär verweist auf jüngste Aussagen von BoJ-Gouverneur Kazuo Ueda, die den Markt unmittelbar bewegt haben. Ueda betonte, man werde „die Vor- und Nachteile einer Anhebung des Leitzinses abwägen und angemessene Entscheidungen treffen“. Eine Zinserhöhung im Dezember sei weiterhin möglich.
Wesentliche Beobachtungen aus der Analyse von Magdalene Teo, Fixed Income Analyst Asia bei Julius Bär:
- Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung sprang laut Bloomberg Overnight Index Swaps auf bis zu 81 Prozent.
- Die Rendite zehnjähriger JGBs erreichte mit 1,865 Prozent den höchsten Wert seit 2008.
- Der Yen reagierte mit deutlichen Bewegungen infolge von Short-Covering.
Julius Bär sieht zwei Gefahren:
- Eine Short-Covering-Welle, sollte die BoJ tatsächlich anheben – ähnlich wie im Juli 2024.
- Kapitalrückflüsse nach Japan, wenn JGB-Renditen weiter steigen. Das könnte die Renditen globaler Anleihemärkte nach oben treiben und Kreditkosten erhöhen.
FERI: „Droht ein Liz-Truss-Moment?“
FERI richtet den Blick auf die zweite Gefahrenquelle: die Finanzpolitik. Japan plant zusätzliche Staatsausgaben – allein der Nachtragshaushalt umfasst 18,3 Billionen Yen, davon 11,5 Billionen Yen über neue Anleiheverbindlichkeiten.
- Die Märkte reagierten prompt:
- Renditen stiegen, weil Anleger die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen infrage stellen.
Die fiskalische Expansion Takaichis weicht deutlich vom eher restriktiven Kurs früherer Kabinette ab.
FERI warnt: Japan könnte – ähnlich wie Großbritannien 2022 – in eine Vertrauenskrise geraten, wenn Geld- und Finanzpolitik widersprüchliche Signale senden und Märkte plötzlich höhere Risikoaufschläge fordern. Die Regierung Takaichi müsse eine eigene Ausrichtung der Wirtschaftspolitik finden, so Axel D. Angermann Chef-Volkswirt der FERI-Gruppe. „Andernfalls droht ihr ein ‚Liz-Truss‘-Moment, wenn die Märkte zum Ausverkauf übergehen sollten.“
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