Die US-Notenbank steht vor der nächsten Zinssenkung – trotz unvollständiger Wirtschaftsdaten infolge des Regierungsstillstands. In seinem aktuellen Marktkommentar sieht Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors, die Fed damit „im Blindflug“, getrieben vom Ziel, den Arbeitsmarkt zu stabilisieren.
Die Mitglieder der Zentralbank sind einhellig der Meinung, dass der Arbeitsmarkt höchste Priorität haben sollte – und das trotz fehlender oder ungenauer Datenlage. Der Schwäche des Arbeitsmarktes sollte mit Entschlossenheit entgegengewirkt werden. Daher gilt eine Senkung des Leitzinses um 25 Basispunkte auf dann 3,75 bis 4,00 Prozent als so gut wie sicher.
Glaubt man den Kommentaren einiger Fed-Mitglieder, wird eine weitere Zinssenkung im Dezember erwartet: Der Vorsitzende Jerome Powell geht von kaum veränderten Aussichten aus und Gouverneur Christopher Waller will die Senkung als reines Risikomanagement verstanden wissen und mahnt zur Vorsicht bei künftigen Entscheidungen.
Shutdown sorgt für Daten-Blackout
Der anhaltende Regierungsstillstand hat zur Folge, dass die Publikation wichtiger Wirtschaftsdaten verschoben wird, etwa zum Einzelhandel, zur Industrieproduktion oder zum Arbeitsmarkt. Das erschwert eine transparente Einschätzung des aktuellen Wirtschaftszustands und zwingt die Fed zu einem Blindflug. Dies gilt insbesondere für die Inflation: Die Verbraucherpreisindex-Daten für September waren wohl noch verlässlich, die Datenerhebung im Oktober ist es jedoch nicht mehr. Gleichzeitig reduziert jede Woche Shutdown das annualisierte Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um etwa 15 Basispunkte.
Liquiditätsengpässe führen zur Einstellung der quantitativen Straffung (QT)
Hinzu kommt, dass die kurzfristigen Geldmärkte erkennbaren Liquiditätsstress zeigen, obwohl eine Zinssenkung erwartet wird. So stieg die effektive Federal Funds Rate (EFFR) auf 4,11 Prozent – und eine Bewegung dieses Zinses nach oben ohne Zinsentscheid zeugt von fehlender Liquidität. Zusätzlich sank die überschüssige Liquidität (Reverse Repo) auf vier Milliarden US-Dollar. Ebenso besorgniserregend ist die Tatsache, dass die Notfall-Repo-Fazilität der Fed (4,25 Prozent) am 16. Oktober mit 8,35 Milliarden US-Dollar ungewöhnlich stark in Anspruch genommen wurde. Diese Spannungen, die durch den laufenden Bilanzabbau (QT) und große Treasury-Abrechnungen verstärkt werden, unterstützen die These eines sich abzeichnenden Liquiditätsengpasses. Infolgedessen wird die Fed voraussichtlich das Tempo der QT drosseln, zum Beispiel durch eine Senkung der monatlichen Abflussgrenze für Treasuries auf null, um das Ziel eines Regimes mit ausreichenden Reserven zu erreichen. Eine entsprechende Ankündigung erwartet unser Ethenea-Portfolio-Management-Team für Ende Oktober.
Fokus bleibt auf Arbeitsmarktstützung
Die Zinsschritte dieses Jahres sind in erster Linie eine Art Versicherung gegen Konjunkturrisiken. Angesichts der Wachstumserwartungen dienen weitere Senkungen im kommenden Jahr der Normalisierung hin zu einem neutralen Niveau. Insgesamt erwarten wir, dass der Leitzins seinen Abwärtstrend beibehält und bis Mitte 2026 im Bereich von 3,00 bis 3,25 Prozent liegen wird, da die Fed ihren Fokus weiterhin auf die Stützung des Arbeitsmarktes legt.
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