Energiewende im Abseits

Veröffentlichung: 17.09.2025, 19:09 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Lars Klingbeil drängt auf ungebremsten Ausbau der Erneuerbaren - doch Wirtschaftsministerin Katharina Reiche pfeift das Spiel ab. Eine Glosse über politische Zuständigkeitswirren, die Haushaltsdebatte und das Abseits der Energiewende.

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Die Energiewende steht am Scheideweg. Die Ideologie der ungebremsten Expansion trifft auf die Realität der Netze, Budgets und Strommärkte.Die Energiewende steht am Scheideweg. Die Ideologie der ungebremsten Expansion trifft auf die Realität der Netze, Budgets und Strommärkte.ADOBE

Man stelle sich vor: Die Ministerin pfeift ab, das Spiel ist zu Ende – und doch rennt einer weiter, als ginge es um die Meisterschaft der Klimaziele. Lars Klingbeil, SPD-Chef, Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen, scheint den schrillen Pfiff von Katherina Reiche schlicht überhört zu haben. Die neue Bundeswirtschaftsministerin (CDU) hat klargemacht: Die bisherige Strategie bei der Energiewende – raus, runter, aus. Förderstopp für private Solardächer, weniger Tempo beim Ausbau, neue Prioritäten. Und der Genosse Klingbeil? Rennt unbeirrt Richtung Ausbauziel, als wäre der Ball noch im Spiel.

Kurskorrektur oder energiepolitische Revolution?

Reiche präsentierte jüngst ihr energiepolitisches Manifest – verkleidet als Monitoring-Bericht, tatsächlich aber ein Frontalangriff auf das bisherige Credo der Erneuerbaren-Fans. Stromverbrauch? Wird laut Gutachten gar nicht so stark steigen wie gedacht. Ausbauziele? Müssen nicht ganz so ambitioniert bleiben. Kosten? Können um Hunderte Milliarden Euro gesenkt werden. Dazu die Ankündigung, Solardächer künftig nicht mehr mit Einspeisevergütungen zu locken. Markt statt Mantra. Realismus statt Romantik.

„Wir müssen realistisch bleiben. Und realistisch bleibt, die Energiewende wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen“, erklärte Reiche im ntv Frühstart (ntv.de, 16.09.2025). Auch die Zahlen sollen für sich sprechen: „Die Pläne der vorherigen Regierung hätten bedeutet, dass wir vier- bis fünfmal so hohe Kosten für den Infrastrukturausbau hätten ausgeben müssen“ (ebd.). Statt der bisher veranschlagten 750 Terawattstunden Strombedarf bis 2030 geht sie nur noch von 600 aus – mit entsprechend geringerem Bedarf an Netzausbau und Speicherlösungen.

Politische Glaubensfragen statt energieökonomischer Debatte

Klingbeil aber bleibt auf Sendung: „Der Ausbau der Erneuerbaren, der muss uneingeschränkt weitergehen“ – ein Satz, den er demonstrativ im Interview mit Phoenix platzierte (ntv.de, 16.09.2025). Während Reiche erklärt, dass die Netze unter der unsteten Einspeisung aus Privatdächern ächzen und Milliarden durch Abregelung verbrannt werden, pocht die SPD auf Volldampf voraus. Strommärchen gegen Strommarktrealität.

Dabei sprechen die Zahlen Bände: Laut dem Gutachten, das Reiche vorlegte, konnten im Jahr 2024 rund 3,7 Prozent des erzeugten erneuerbaren Stroms nicht eingespeist werden – Kostenpunkt: 2,8 Milliarden Euro, finanziert durch Netzentgelte (ebd.). Wer will das künftig noch bezahlen? Vor allem, wenn Reiche klarstellt: „Wer sich heute eine Solaranlage aufs Dach packt und das kombiniert mit einer Batterie, hat auch ohne Förderung einen Vorteil“ (ebd.).

Klingbeil im Klima-Kollektivtrauma

Vielleicht ist es auch der Schock: Die Vision einer durchgeförderten Energiewende mit 750 Terawattstunden Jahresverbrauch, Plug-and-Play-Klimaneutralität und ständig sinkenden Strompreisen – sie war so schön. Nun aber kommt Reiche mit der volkswirtschaftlichen Vollbremsung. Und wer nicht mitbremst, wird überrollt. Das tut weh. Vor allem, wenn man sich selbst als Taktgeber der Transformation sah.

Dazu kommt: Klingbeil steht derzeit ohnehin unter Druck. In der Haushaltswoche präsentierte er einen Etat, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Die Investitionsoffensive der Ampel – 120 Milliarden Euro jährlich, kreditfinanziert, mit Sondertöpfen und Klima-Fonds gestützt – wirkt wie der Versuch, politische Kontrolle durch Geld zu erzwingen. Doch spätestens wenn Ressortgrenzen ignoriert werden und der Finanzminister sich als energiepolitischer Dirigent inszeniert, beginnt das institutionelle Gefüge zu wackeln. Was ist das noch – eine Regierung oder ein ideologisches Schaulaufen?

Energiewende 2.0 – aber bitte mit Spielverständnis

Ob Reiche mit ihrer neuen Linie richtigliegt, wird sich zeigen. Sicher ist: Die Energiewende steht am Scheideweg. Die Ideologie der ungebremsten Expansion trifft auf die Realität der Netze, Budgets und Strommärkte. Wer den Pfiff ignoriert, läuft Gefahr, ins Abseits zu geraten – und das Spiel zu verlieren, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.


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