Unterschiedliche Solvenzquoten bei Lebensversicherer

Veröffentlichung: 15.05.2018, 05:05 Uhr - Lesezeit 10 Minuten

Zum zweiten Mal veröffentlichten Versicherer, wie es um ihre Eigenmittelausstattung und Risikosituation unter Solvency II bestellt ist. Vor allem Lebensversicherer stehen wegen der Garantiezinsbelastungen im Niedrigzinsumfeld im Mittelpunkt des Interesses.

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Viele, aber nicht alle, konnten mit einem Anstieg der Solvenzquoten aufwarten.

Modellhaftes Extremszenario

Die Solvenzquote (SCR-Quote) gibt in einem modellhaften Extremszenario das Verhältnis der Eigenmittel eines Versicherers zu seinen Verpflichtungen gegenüber Versicherten und anderen Leistungsempfängern wieder. Nach aufsichtsrechtlichen Vorgaben sollte die Quote stets bei mindestens 100 Prozent liegen. Eine Versicherungsgesellschaft hat dann ausreichend Eigenmittel, um alle Verpflichtungen in dem unter Solvency II definierten Schock-Szenario zu erfüllen.

Anstieg um 63 Prozentpunkte

Zum 31.12.2017 erfüllen die deutschen Lebensversicherer die aufsichtliche Solvenzquote im arithmetischen Durchschnitt zu rund 451 Prozent. Im Vergleich zum Jahresende 2016 (388 Prozent) ist sie damit um 63 Prozentpunkte gestiegen, wozu das etwas höhere Zinsniveau am Kapitalmarkt maßgeblich beigetragen hat.

In den genannten Quoten sind angewendete LTG-Maßnahmen (Long-Term-Guarantee-Maßnahmen), also Übergangsmaßnahmen (ÜM) und Volatilitätsanpassungen (VA), eingerechnet. Hierdurch fallen die Zahlen grundsätzlich höher aus. Ohne LTG-Maßnahmen liegt die Solvenzquote (Basis-Solvenzquote) bei durchschnittlich 268 Prozent (Vorjahr: 199 Prozent).

In folgender Tabelle sind die Solvenzquoten und ergänzende Informationen von den 84 deutschen Lebensversicherern zusammengestellt, welche bis zum Stichtag 8. Mai 2018 ihre Daten veröffentlicht hatten.

Teilweise niedrigere Quote als im Vorjahr

Trotz der branchenweiten Zunahme weisen 20 Gesellschaften eine niedrigere Quote auf als im Vorjahr. Dabei verzeichnet die Sparkassenversicherung Sachsen den höchsten Rückgang in Prozentpunkten, liegt aber mit 990 Prozent (Vorjahr: 1.391 Prozent) noch immer signifikant über dem Branchenschnitt. Ihre Quote wird nur noch von der Europa (996 Prozent) übertroffen. Demgegenüber kann die Ergo Direkt den branchenweit höchsten Anstieg von 221 Prozent auf 738 Prozent verzeichnen.

Übergangsmaßnahme und Volatilitätsanpassung

Insgesamt nutzen nun zehn Lebensversicherer ausschließlich eine Übergangsmaßnahme, zehn ausschließlich die Volatilitätsanpassung und 46 beides.

Sofern auf eine Übergangsmaßnahme zurückgegriffen wurde, entschieden sich die Unternehmen nahezu flächendeckend für die Variante versicherungstechnischer Rückstellungen (Rückstellungs-Transitional). Lediglich die WWK wendet weiterhin die Übergangsmaßnahme für risikofreie Zinssätze (Zins-Transitional) an.

Einfluss der LTG-Maßnahmen

Ähnlich wie im Vorjahr haben die LTG-Maßnahmen einen hohen Uplift auf die Solvenzquoten der Lebensversicherer zur Folge, maßgeblich getrieben durch die Wirkung der Übergangsmaßnahmen. Häufig beträgt der Unterschied zwischen der Basisvariante (ohne VA und/oder ÜM) und dem aufsichtsrechtlichen Nachweis mehr als 200 Prozentpunkte, vereinzelt sogar noch deutlich mehr. Die größte Wirkung erzielt die Sparkassenversicherung Sachsen, bei der sich die aufsichtliche SCR-Quote mit 990 Prozent um rund 670 Prozentpunkte von der Basisvariante (320 Prozent) unterscheidet. Auch in der Breite des Marktes fallen die Quoten unter Herausrechnung von VA und ÜM spürbar geringer aus.

Die folgende Abbildung verdeutlicht diese Effekte. Darin ist die Branchenverteilung der SCR-Quote mit und ohne LTG-Maßnahmen in Form von Boxplot-Diagrammen visualisiert. Der zentrale Bereich zwischen dem 25 Prozent- und 75 Prozent-Quantil ist dabei grün dargestellt. Geteilt wird dieser Bereich durch den Median der Quoten.

Der Einfluss der LTG-Maßnahmen wird über den Vergleich der linken zu der mittleren beziehungsweise rechten Boxplot-Verteilung optisch deutlich. Darüber hinaus fällt der grüne Bereich besonders ohne LTG-Maßnahmen vergleichsweise klein aus, was auf eine hohe Anbieterspreizung im Markt zurückzuführen ist.

Im Gegenzug gibt es auf dem oberen Whisker einige „Ausreißer“ nach oben bis hin zu SCR-Quoten einzelner Unternehmen von annähernd 1.000 Prozent. Nach unten hin liegen in der Basis-Solvenzquote elf Gesellschaften noch unterhalb der Marke von 100 Prozent.

Verschiedene Modelle erschweren Vergleichbarkeit

Jenseits dieser unterschiedlichen Berechnungsmöglichkeiten wird ein Vergleich der Solvenzquoten dadurch erschwert, dass die Unternehmen zur Ermittlung ihrer Kapitalanforderungen neben der Standardformel auch ein (partiell) internes Modell anwenden können, sofern dieses von der BaFin zertifiziert wurde.

Aufgrund des dafür hohen Aufwands haben nur wenige große Unternehmen diesen Weg beschritten. So haben per Ende 2017 elf Unternehmen ein internes Modell verwendet, entweder partiell intern (8) oder vollständig intern (3). Demgegenüber hat mit 73 Lebensversicherern die überwiegende Mehrheit die Standardformel benutzt.

Selbst innerhalb der Standardformel fällt die Parametrisierung des Modells anhand von Annahmen und Managementregeln – beispielsweise zur zukünftigen Überschussbeteiligung, zur risikomindernden Wirkung latenter Steuern, zur Gestaltung der Kapitalanlagen und zur Stornosituation – mitunter sehr unterschiedlich aus. Demgegenüber nehmen Unternehmen mit einem internen Modell für sich in Anspruch, ihre Risikolage individueller und treffsicherer quantifizieren zu können. Kehrseite ist eine (noch) schlechtere Vergleichbarkeit für Außenstehende. Der größengewichtete Branchendurchschnitt der aufsichtlichen Solvenzquote weicht indes mit 449 Prozent kaum vom arithmetischen (451 Prozent) ab.

Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung der ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH, stellt heraus:

„Bei aller Diskussion über den Aussagegehalt der Solvenzquoten sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Risikomessung unter Solvency II derjenigen unter Solvency I methodisch überlegen ist.“

Dieser Effekt lässt sich beispielsweise an typischen Risikolebensversicherern festmachen, die früher unter Solvency I vielfach recht geringe Solvenzdeckungsgrade aufwiesen, nun jedoch in der risikoorientierteren Berechnung unter Solvency II zu den Profiteuren gehörten.

Größere Herausforderungen haben demgegenüber einige klassische Lebensversicherer zu stemmen, die mit einer vergleichsweise dünnen Kapitaldecke ausgestattet sind und darüber hinaus von hohen Kapitalanforderungen aufgrund ihrer Leistungsverpflichtungen aus dem Bestand betroffen sind.

Letzteres zeigt sich beispielsweise bei einigen Run-off-Gesellschaften, die aufgrund des geschlossenen Neugeschäfts und der hohen Zinsanforderungen ohne Übergangsmaßnahmen auf relativ niedrige Solvenzbedeckungen kommen.

Solvenzquoten als Indikator für Gesundheitszustand

Lars Heermann vergleicht die Solvenzquoten mit Fiebermessen: Sie seien ein Indikator für den aktuellen Gesundheitszustand der Unternehmen, indem sie die Höhe der Kapitalausstattung im Solvency-II-Modell komprimiert widerspiegelten.

Ohnehin erfordert die ökonomische Einordnung der Solvenzsituation eine kritische Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation einer Gesellschaft, den verwendeten Modellregeln und der Veränderungsdynamik im Zeitverlauf. Entsprechende Daten und Auswertungen aus den Solvency-II-Publikationen von Versicherungsunternehmen und -gruppen finden Interessenten auf der Website www.solvencyDATA.de, einer Gemeinschaftsplattform von ISS Software, V.E.R.S. Leipzig und Assekurata.

Bilder: (1) © tiero / fotolia.com (2-3) © ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH

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