Höhere Zahlungsrisiken für Autoindustrie

Veröffentlichung: 04.09.2017, 16:09 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Beim „kleinen Dieselgipfel“ heute in Berlin stockte die Kanzlerin den Fonds, der den Kommunen im Kampf gegen die Dieselabgabe zur Verfügung gestellt werden soll, um 500 Millionen Euro auf. Die Gelder sollen demnach noch in dieser Haushaltsperiode zur Verfügung gestellt werden. Doch Geld alleine und auch die Kommunen werden das Problem nicht lösen können. Immerhin drohen Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in einigen deutschen Innenstädten – möglicherweise auch unter Einflussnahme der Europäischen Union.

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Noch höhere Zahlungsrisiken in AutoindustrieNoch höhere Zahlungsrisiken in Autoindustrie

Doch wie geht es den vielen Zulieferfirmen, die sich auf Dieselmotoren spezialisiert haben? Atradius erwartet durch die aktuelle Debatte um Diesel- und Benzinmotoren erhöhte Liquiditätsgefahren für die Automobilzulieferer. Nach Einschätzung der Risikoanalysten des Kreditversicherers könnten in absehbarer Zeit spezialisierte Komponenten- und Einzelteileanbieter in Zahlungsschwierigkeiten geraten, falls der Rückgang der Dieselzulassungen in Deutschland  im selben Tempo anhält. Auf lange Sicht könnten generell die Unternehmen finanzielle Probleme bekommen, die sich weiterhin stark auf Verbrennungsmotoren konzentrieren.

Michael Karrenberg, Regional Director Risk Services Germany, Central, North, East Europe & Russia/CIS von Atradius, führt dazu aus:

„Der Ausgang des Nationalen Forums Diesel dürfte den Trend zu alternativen Antrieben weiter beschleunigen. Das vergrößert erneut die Unsicherheit bei vielen Zulieferern. Die Spezialisierung auf einzelne Verbrennungsmotorkomponenten – worauf viele Anbieter bis vor wenigen Jahren noch gesetzt haben – könnte sich jetzt als Nachteil erweisen.

Künftig werden diejenigen Akteure am wettbewerbsfähigsten sein, die breiter aufgestellt sind, sich bereits auf die neuen Technologien eingestellt haben, oder über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um schnell auf Innovationsanforderungen reagieren zu können.“

Rückläufiges Interesse an Dieselmodellen

Der Anteil von Dieselautos an den Gesamtzulassungen in Deutschland ging zuletzt deutlich zurück. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie betrug er im Juli 2017 40,5 Prozent nach 47,1 Prozent im Vorjahresmonat. Dieser Trend könnte sich auch als erhöhte Liquiditätsgefahr bei nachgelagerten, kleinen und mittleren Zulieferbetrieben bemerkbar machen, deren Kernprodukte zum Beispiel bei Einspritzanlagen, Filtersystemen, Antriebswellen, Abgasanlagen oder Getrieben zum Einsatz kommen. Bei einer weiterhin rückläufigen Nachfrage nach Dieselfahrzeugen wird es für diese Unternehmen schwer, die notwendigen Stückzahlen zu verkaufen. Zahlungsprobleme könnten sich im Worst Case bereits innerhalb weniger Monate zeigen.

Stärkerer Fokus auf zukunftsfähige Produkte in der Risikoprüfung

Die Autoindustrie nimmt seit Längerem eine Reihe von Trends und Entwicklungen wahr, die sich auf das Geschäftsmodell auswirken. Hierzu zählen zum Beispiel höhere Ansprüche an die Umweltverträglichkeit von Fahrzeugen und eine sich konsequent verändernde Mobilität, wie etwa durch Carsharing-Modelle. Die jüngsten Ereignisse rund um die Abgasproblematik könnten einen Wandel zusätzlich beschleunigen.

Die Risikoanalysten des Kreditversicherers sehen zurzeit die Dieselzulieferindustrie unter hohem Druck, da sie trotz zurückgehender Umsätze in Innovationen investieren muss. Verschärft wird die Situation zusätzlich durch die Diskussionen über Fahrverbote in deutschen Städten, die zunehmende Konkurrenz von Elektrofahrzeuganbietern aus Amerika und Asien, oder auch die Ankündigungen Frankreichs und Englands, mittelfristig keine Verkäufe von Verbrennungsfahrzeugen mehr zuzulassen. Auch in Deutschland schürt eine Debatte über einen solchen Zulassungsstopp.

Michael Karrenberg prognostiziert deshalb:

„Früher oder später wird die veränderte Mobilität die gesamte Wertschöpfungskette von Verbrennungsmotoren betreffen. Viele Subzulieferer stehen vor der Herausforderung, schnell ihr Produktportfolio den neuen Anforderungen anzupassen und Dienstleistungen rund um die Elektromobilität zu entwickeln. Insofern werden wir die Geschäftsmodelle der Firmen künftig noch intensiver hinterfragen.“

Atradius bewertet in der Risikoprüfung auch die Wandel- und Zukunftsfähigkeit der jeweiligen Abnehmer seiner Kunden.

Michael Karrenberg zieht sein  Fazit:

„Geringe Risiken sehen wir hingegen bei großen diversifizierten Systemlieferanten und bei den Herstellern selbst, unter anderem, weil sie über ausreichend Forschungs- und Entwicklungskapazitäten verfügen, den Wandel mitzugehen. Die entscheidende Frage wird sein, wann auf die neue Mobilität umgestellt wird.“

Bild: © Gina Sanders / fotolia.com

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