EZB: Chinesische Konkurrenz hat 240.000 Industriearbeitsplätze in der Eurozone gekostet
Zwischen 2015 und 2022 sind in der Industrie der Eurozone rund 240.000 Arbeitsplätze durch zunehmenden Wettbewerb aus China verloren gegangen oder in weniger exponierte Sektoren abgewandert. Das geht aus einer aktuellen Analyse der Europäischen Zentralbank (EZB) hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Besonders betroffen seien die Automobil- und die Chemiebranche, wie das Wall Street Journal unter Berufung auf EZB-Daten berichtet.
Demnach ging die Zahl der veröffentlichten Stellenangebote in der Automobilindustrie zwischen 2019 und 2024 um 55 % zurück, in der chemischen Industrie sogar um 95 %. In Branchen, die nicht direkt vom Wettbewerb mit chinesischen Anbietern betroffen sind, blieb die Entwicklung hingegen weitgehend stabil.
Die EZB rechnet mit einer weiteren Verschärfung der Wettbewerbssituation. Hintergrund sind die zuletzt deutlich erhöhten US-Zölle auf chinesische Importe. Diese könnten dazu führen, dass chinesische Hersteller ihre Absatzmärkte neu ausrichten und verstärkt nach Europa exportieren. Die Notenbank sieht darin einen möglichen „Trade-Diversion“-Effekt, durch den sich die Marktanteile chinesischer Anbieter in Europa weiter ausweiten könnten.
Auswirkungen auf zentrale Industriezweige
Die Studie verweist auf einen strukturellen Wandel in der chinesischen Exportstrategie: Während sich der Wettbewerb zunächst auf Konsumgüter konzentrierte, dringt China zunehmend in höherwertige Industriebereiche vor – etwa Elektromobilität, Maschinenbau oder Spezialchemikalien. Die Kombination aus staatlichen Subventionen, günstigen Produktionsbedingungen und technologischen Fortschritten verschärft den Druck auf europäische Anbieter.
Zudem ist die Eurozone in vielen Schlüsselindustrien stark von Importen sogenannter „foreign critical inputs“ (FCIs) abhängig – also von Vorleistungen wie Batteriematerialien, Halbleitern oder chemischen Grundstoffen. Laut EZB könnte eine Unterbrechung dieser Lieferketten kurzfristige Produktionseinbußen von bis zu drei Prozent verursachen.
Perspektiven und politische Implikationen
Wie aus einer separaten EZB-Unternehmensumfrage vom Juli hervorgeht, blicken viele Firmen in der Eurozone mit wachsender Skepsis auf ihre mittelfristigen Geschäftsaussichten. 72 der befragten Großunternehmen nannten geopolitische Spannungen, Handelshindernisse und die Konkurrenz aus China als zentrale Belastungsfaktoren für Wachstum und Investitionsbereitschaft.
Vor diesem Hintergrund diskutieren Politik und Wirtschaft vermehrt Maßnahmen zur Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit – darunter eine verstärkte Förderung von Forschung und Entwicklung, der Ausbau alternativer Lieferketten sowie eine stärkere Nutzung handelspolitischer Schutzinstrumente auf EU-Ebene.
Einordnung
Die Ergebnisse der EZB verdeutlichen, dass der Strukturwandel in der globalen Industrie zunehmend auch die Eurozone erreicht. Der Arbeitsplatzverlust von 240.000 Stellen über einen Zeitraum von sieben Jahren spiegelt nicht nur den wachsenden internationalen Wettbewerbsdruck wider, sondern auch bestehende strukturelle Schwächen. Die Auswirkungen bleiben dabei nicht auf einzelne Branchen begrenzt: Gerade exportorientierte Kernsektoren der europäischen Industrie sehen sich mit einem anhaltenden Anpassungsdruck konfrontiert. Wie weitreichend dieser ist, dürfte davon abhängen, ob es gelingt, die wirtschafts- und industriepolitischen Rahmenbedingungen an die veränderten globalen Marktverhältnisse anzupassen.
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